Teilchenbeschleuniger

24 02 2016

„Und gehen Sie bitte nicht an die Schachtel, da liegt der Himmel drin.“ Es waren dies, genau gesagt, nur einige blaugraue Wolken, allerdings über Paris. Viele kleine Stückchen lagen in dem umgedrehten Karton, eines verschwommener als das andere. Aber Breschke würde es irgendwann schaffen. Schließlich hatte das Puzzle nur 5000 Teile.

„Und zwar exakt 5000“, triumphierte er. Als erstes hatte er den Inhalt der monströsen Packung mit Hilfe einiger Marmeladengläser sowie eines Waschkorbs auf Vollständigkeit überprüft. Dann erst war er eine gute Woche lang damit beschäftigt gewesen, die Ecken und Kanten unter den Stücken herauszufinden. Und dann hatte er die Tür zum Dachboden aus den Angeln gehoben, mit dem Schwingschleifer geglättet und äußerst wackelig auf zwei Tischböcken zu einer Arbeitsfläche gemacht, die noch dazu eine Unterlage aus Wachstuch trug. „Sonst würde noch etwas durchs Schlüsselloch fallen“, belehrte mich Breschke. Das sah ich ein.

Seit knapp einem Monat nun hatte er den Rahmen zusammengesetzt. Die unregelmäßig ineinander passenden Stücke hatten sich hier und da widersetzt; offenbar hatte der Alte einige Male mit dem Daumen, weniger oft, aber dann um so deutlicher auch mit anderen Mitteln nachhelfen müssen. „Man muss zunächst einmal prüfen“, erklärte er, „welches der vielen Teile dasjenige ist, das man gerade sucht. Und es sollte eigentlich nur eines sein.“ Bemerkte ich hier eine leise Unruhe? In der Persönlichkeit des ehemaligen Finanzbeamten vereinten sich auf das Harmonischste penibelste Genauigkeit und geradezu abnorme Ungeduld. Wo immer Feingefühl und Sorgfalt vonnöten waren, bei der Bastelei an einem defekten Transistorradio aus der Zeit, als der Strom noch in Eimern ins Haus getragen wurde, oder beim Aufwickeln eines Knäuels Strickwolle, Breschke hinterließ meist etwas, das aussah, als hätte der Stromboli sich während einer Eruption in einem Wutanfall die Schnürsenkel zerrissen. Ein nicht unwesentlicher Teil des Wirtschaftsaufschwungs in den lokalen Handwerksbetrieben rührte von selbstbewussten Versuchen her, Renovierungsarbeiten auf eigene Faust zu beginnen, bis eben zu dem Grad, wo das größtmögliche Durcheinander einer unmittelbar drohenden Katastrophe den Schrecken nahm.

Bismarck, jener selten dumme Dackel, der am liebsten seinem Herrn zwischen den Beinen lief, beobachtete das entstehende Kunstwerk von der Couch aus. Zu seiner Entschuldigung kann gelten, dass er nie zuvor in der französischen Metropole gewesen war. Das traf zwar auf Horst Breschke ebenso wenig zu, immerhin hatte seine Tochter das Geduldspiel von einem durchreisenden Kubaner in der Schweiz erstanden; wer ein bisschen Gotisch sprach, würde wohl auch den Packungsaufdruck entziffern können. Immerhin war die Zahl der Teile korrekt angegeben – was als Vertrauensbeweis nicht zu schlagen war – und die Aufschrift ROMA verwies auf die Stadt der Liebe, wo neuesten Erkenntnissen nach Tullius Dingsbums zur Krönung des Kaisers Reno den Eiffelturm auf dem Forum errichtet hatte, einen Triumphbogen, Notre-Dame, Sacré-Cœur sowie das Moulin Rouge. Und zwar in einem 360-Grad-Panorama.

„Meine Frau meint zwar, dass ich damit nicht fertig werde, aber ich kann mir ja Zeit lassen.“ Der alte Couchtisch des Fernsehzimmers war ans Fenster gerückt, das TV-Programm spielte keine Rolle mehr im Leben der beiden. „Aber ich mache mir natürlich Gedanken, wie ich dies ordnen soll – ob das hier Bäume sind?“ Er zeigte auf den kleinen Haufen Puzzleteile, der nicht ganz zu den roten Dächern und einer weißen Wolke im Hintergrund passte. „Vielleicht sollten Sie die Stücke nach Farben vorsortieren“, schlug ich vor. Breschke seufzte. „Ich werde das streng wissenschaftlich angehen, mit einer Austauschmethode. Neulich habe ich noch von dieser neuen Erfindung da gelesen, wissen Sie? das mit den Atomen?“ Ich verneinte. „So einen Teilchenbeschleuniger müsste man haben“, erklärte er. „Man würde viel schneller sehen, welche Teile zueinander – Bismarck!“

Der Hund hatte nur ein bisschen neugierig die Pfote auf die Tischdecke gelegt. Andererseits hatte das schon ausgereicht, mehrere in genau bemessenem Abstand zueinander postierte Tripel von Straßenpflaster, Laternen und dem Grab des Unbekannten Soldaten empfindlich zu verschieben. „Es hat sich wohl nur das Tuch selbst bewegt“, überlegte ich. „Wenn die Puzzlestückchen noch zusammenhängen, handelt es sich um eine Art Gravitationswelle.“ „Interessant“, murmelte Horst Breschke, „sehr interessant.“ Damit beugte er sich über das kleine Rauchtischchen, das neben einer Fußbank als Ablagefläche für mehrere Kästen diente, in denen vorsortierte Teile auf ihren Einsatz warteten. „Ich hatte hier doch noch ein Gelbes“, ächzte er, „das war wohl aus einer Wand?“ Der Hund jaulte, denn seines Herrn Ellenbogen begann ihn recht rücksichtslos einzuquetschen, wie sich er – das Herrchen nämlich – über die Armlehne legte. „Passen Sie auf“, mahnte ich. Doch er hörte nicht. „Gleich habe ich es gefunden“, keuchte er, „das war an der Seite so komisch unrund und hatte einen kleinen rotbraunen Fleck wie von einer…“

In wilder Empörung, im nächsten Augenblick erdrückt zu werden, schoss Bismarck aus seiner Zwangslage heraus und verschwand unter dem Tisch, vielmehr: zunächst einmal verlor er ob der wächsernen Decke die Orientierung, dann stieß er an eine der klappbaren Standhalterungen, die zur Seite wegrutschte. „Obacht“, rief ich, doch es war schon zu spät. Die Türplatte sackte unter der Oberfläche weg und schlug rumpelnd auf den Resten des Bocks auf. Die Teile sprangen in alle Himmelsrichtungen. Bismarck war zur Tür hinaus und auf die Treppe geflohen. „Nein“, heulte Breschke auf, „das kann doch nicht wahr sein! So viel Arbeit umsonst!“ „Seien Sie tapfer“, tröstete ich ihn. „Das mit dem Teilchenbeschleuniger haben Sie immerhin schon mal ganz gut hingekriegt.“

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