Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXXIII): Nudging

4 03 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die alte Bettdecke aus Wollnashorn war einst sein ganzer Stolz gewesen, den Uga mit in die Ehe gebracht hatte. Sie hatte schnieke ausgesehen, den Neid der Nachbarn gemächlich hochkochen lassen und dabei noch des Nachts vorzüglich gewärmt. Sein Weib allerdings hatte den verfilzten Lumpen langsam satt. Zwar packte sie regelmäßig das neue Straußenplumeau auf die Strohstatt, doch fand sie den schnarchenden Gatten stets unter müffelnder Matte. Unter der Streu, am Boden, auch an der Wand, nirgends hielt es den alten Schweißfänger länger als einen Tag. Erst als die Hausfrau das Ding tief unter dem Stapel ordentlich zusammengelegter Baströcke verstaute, deutlich sichtbar, doch mit dem unausgesprochenen Befehl, den ganzen Kram auch wieder auf Kante zu hinterlassen, da griff Uga zunächst grummelnd, dann gewohnheitsmäßig nach oben und nahm das Federbett. Ein Sieg für die die verhaltensökonomischen Maßnahmen der Frau.

Heute ist das nicht mehr so einfach, werden viele einwenden. Der Jetztzeitler handelt ja öfters rein rational (Tabakrauchen, Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit), er verhält sich zukunftsorientiert (Börsenspekulation und andere Glücksspiele), hin und wieder steht ihm das Wohl seiner Umgebung im Vordergrund (Fracking, Dünnsäureverklappung, Atommüllendlager im Naturschutzgebiet). Dass der durchschnittliche Bekloppte in der Werkskantine öfter zu Obst und Salat greift, liegt nicht an den Spiegeln hinter den Grünzeughaufen, er isst nur halt lieber Veganes statt Fettgebäck. Auch würde er liebend gern Organspender sein, auch und erst recht dann, wenn es ihm vor dem Ableben gar nicht mitgeteilt wird. Alle diese Maßnahmen, Nudging, gehen ihm nicht etwa auf den Zeiger des freien Willens, er ist geradezu froh, eine paternalistische Alternative zur intellektuellen Eigenleistung angeboten bekommen müssen zu dürfen. Nichts ist ihm lieber, als sich für die gute Sache gängeln zu lassen.

Und er wird gegängelt. Der angeblich für alles verantwortliche Homo oeconomicus, der ewiglich zeitkonsistente Erwartungsnutzenmaximierer, der im Gegensatz zu Wolpertinger, Weihnachtsmann und der unsichtbaren Hand des Marktes jetzt doch nicht existiert, er wird mit einer kunstvoll in die Betriebswirtschaft geschwiemelten Theorie mit kleinen Püffen in die richtige Richtung befördert. Die intrinsische Motivation seines Handelns wird nicht mehr hinterfragt, auch nicht die für dumm gehalten und verkaufte Maxime seines Handelns als letztlich intelligente langfristige Strategie erkannt, die der Mensch als Teil der Population im Rahmen seiner Erkenntnisfähigkeit nun mal trifft, um die Art zu erhalten, bevor man ihm in den Genpool seicht. Damit es nicht ins falsche Fahrwasser gerät, die Interessen der Konsumwirtschaft, Zuckerwerk und Schnaps an den Mann zu bringen, sind legitim, denn die Vernunft ist beileibe nicht die einzige Triebfeder unserer Entscheidungen. Wäre Weisheit, wo das limbische System sich die klammen Finger faltet, Frauen besäßen ein Paar Halbschuhe, Männer ein Fahrrad, keiner einen Saugroboter.

Die Politik klebt sich unterdessen Etiketten auf, die Transparenz und Liberalität versprechen. Ihre hoheitlichen Stupser sollen von jedem als solche erkannt werden, nur: sie bleiben paternalistisches Zeugs. Die kleinen Nötigungen am Rande, etwa eine private Zwangsrente, die mit steigendem Lohn auch anschwillt, sollen dem Wohle der ganzen Gesellschaft dienen – sie tun es auch, dienen aber nicht dem einzelnen, dem man die Ausschüttung der Greisenbeigabe von seiner Armutsrente wieder abziehen wird, während die Versicherungskonzerne sich den Hintern vergolden lassen. Sie sollen mit möglichst geringem Aufwand zu beheben sein, etwa mit einem Anruf, einer Postkarte, einem Klick. Es wird nur nicht jeder von der Möglichkeit wissen, sich aus der Organspende verabschieden, und trifft er die Entscheidung zufällig einen Tag zu spät, so wächst seine Leber woanders an ihren Aufgaben. Von der gesellschaftlichen Wirkung muss man gar nicht anfangen.

Wenn aber jedes Verhalten zugleich die Chance hat, als sozial unerwünschte Anomalie zu gelten – bald könnte es ein zu langer Rentenbezug sein, der die Kassen aufzehrt und durch Extremsport im Alter aufgefangen wird – in welchem Maß greift dann der Staat in die Freiheit der seiner Deppen ein, ohne nicht die eigene Verfassung auszuhebeln? und müsste nicht ein Grad an Unsinnigkeit definiert werden, der in diesem Plattenbauparadies gerade noch zu tolerieren ist? Würde dann die Politik ihre mangelhafte Gesetzgebung in nörgelnde Nötigung wandeln und dem Bürger Scheinfreiheit schenken, oder würde sie alle Unvernunft qua Zwang aus dem kollektiven Bewussten quetschen? Für den Anfang könnte sie daran gehen, bestimmten Religionen den Boden für ihre wirre Hetzpropaganda zu entziehen, mit der sie ihre Hirngespinste in die desinteressierte Gesellschaft zu drücken versucht. Als erstes etwa die sogenannten Wirtschaftswissenschaften.

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2 responses

21 09 2016
Der kleine Mann im Kopf

Wenn die Nudging-Theorie mit seinen Annahmen über die menschliche Natur tatsächlich richtig liegt, müsste dann nicht eigentlich das gesamte politische System überdacht werden – das auf der Rationalität des Individuums fußt?

21 09 2016
bee

Das ist der Grundwiderspruch, mit dem die Politik den Egoisten zum Altruisten erziehen will, und umgekehrt. Jede Form von Social Engineering krankt ja daran, immer nur an einer bestimmten Stellschraube zu drehen und die komplexen Auswirkungen auf alle anderen Faktoren zu ignorieren: mehr Altersvorsorge heißt weniger Konsum, heißt Abbau von Arbeitsplätzen, Steuerverluste, Anstieg der Sozialausgaben, letztlich: weniger Altersvorsorge. Das ganze Elend des Neoliberalismus beruht zu einem guten Teil auf genau diesem Paradox.

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