Spezialisten

7 03 2016

Siebels schnippte das Rührstäbchen in den Müll. Der Automatenkaffee roch streng und abgestanden durch den nebligen Morgen. „Sie haben hoffentlich alle Ihre Unterlagen zu Hause gelassen“, fragte er. Ich nickte. „Gut so“, grunzte er befriedigt, „sehr gut so. Wissen hilft Ihnen hier auch nicht weiter, im Gegenteil. Nicht beim Fernsehen.“

Eine mürrische Alte mit grauen Locken wies uns die Sitze zu – sie wusste zwar nicht, ob wir angemeldet waren, wollte aber auch nicht noch mal nachfragen – und verschwand. Otto Bröhmer sah müde zu uns herüber. „Sprechen Sie noch nicht mit ihm“, warnte mich Siebels. „Lassen Sie erst ein paar von diesen Superspezialspezialisten auflaufen, dann haben Sie bessere Chancen.“ Überall in der Halle saßen die Kandidaten, blätterten hektisch in ihren Mappen, als lernten sie kurz vor der Prüfung noch den Sinn des Lebens auswendig, und guckten angestrengt aneinander vorbei. Bröhmer winkte einen zu sich. „Offenbar versteht er etwas von Politik“, grummelte Siebels. „Oder ich irre mich und er ist eigentlich Erzbischof.“

Der junge Mann erklärte zunächst den Unterschied zwischen Schlingpflanzen und dem gemeinen Wiesenschaumkraut; offenbar hatte man ihn als Sachverständigen für Automobile geladen. Viel verstand ich nicht, doch das Wenige reichte bei dem Redakteur für empörten Widerspruch. „Er hat natürlich nicht gewusst, dass Bröhmer jahrelang für ein Automagazin gearbeitet hat.“ Siebels kaute auf einem Streichholz. „Da, nächstes Fettnäpfchen. Er kennt die Hauptstadt von Angola nicht.“ „Wissen Sie es?“ Er blickte mich erstaunt an. „Meine Güte, ich will doch schließlich kein Experte werden. Ich schreibe die Drehbücher für Nonnenschmonzes und Vorabendschrott, ich muss mir das doch nicht auch noch ansehen.“

„Das ist die Höhe“, kreischte Bröhmer. „Ich kann nicht mit Leuten arbeiten, die nicht einmal die deutschen Bundeskanzler aufzählen können!“ Was immer das bedeutete, die nächste Aspirantin wusste es nicht besser. „Zahlen“, bellte er, „ich brauche Zahlen! Wie war denn das Bruttoinlandsprodukt 1967 in Italien? Das muss man doch wissen!“ Siebels spuckte den Zahnstocher in seinen leeren Becher. „Noch nicht. Sie ist Architektin mit dem Schwerpunkt Renaissancepaläste. Da liegt die Beschäftigung mit Italien schon irgendwie nahe.“ Bröhmer drehte mittlerweile durch. Die Frau traute sich gar nicht mehr zu gehen und wartete das Gewitter einfach schweigend ab. „Und ich habe doch gesagt, ich will einen Fachmann für die Steinzeit und das dritte Jahrhundert!“ Die Chancen stiegen, meine Siebels. Allerdings bekam ich davon nicht viel mit. „Ruhig Blut“, grummelte der Produzent. „Die ersten schreit er immer an, dann fällt ihm schließlich auf, dass er gar nicht weiß, was er will, und schon sind Sie an der Reihe.“ Bröhmer hatte unwillig herübergewunken. Wir erhoben uns von den Sitzen und gingen zu ihm.

„Hatte ich Sie eingeladen?“ Siebels hielt ihm ein zerknittertes Bittschreiben hin, in dem der Redakteur um sofortige Erledigung bat: ein Experte für Kulturgeschichte und Politik, der gleichzeitig europäische Adelshäuser und postmoderne Möbel zu kritisieren vermochte. „Sie sind das also“, zischte Bröhmer, und ich konnte ihm schwerlich widersprechen. „Wie würden Sie denn nur die Lage in Frankreich beurteilen?“ Ich rückte meine Brille zurecht. „Wirtschaftlich? das ist nicht Ihr Ernst!“ Siebels wollte schon intervenieren, aber da hatte ihm der Castingtyp schon die Hand auf den Arm gelegt. „Interessant, interessant. Also dann erzählen Sie doch mal, wie sich das soziologisch entwickelt hat seit…“ „Das lässt sich so einfach gar nicht sagen“, fiel ich ihm ins Wort. „Die Voraussetzungen liegen noch vor dem Krieg, Sie verstehen, und wir müssen dabei die landwirtschaftliche Expansion berücksichtigen, vor allem in den Überseegebieten. Der Kolonialismus wird immer noch überbewertet – die Volkswirtschaften haben sich seit dem Ende der britischen Herrschaft in Indien grundlegend verändert, und das geht an uns heute auch nicht spurlos vorbei.“ Siebels hatte mit versteinerter Miene zugehört; offenbar war er selbst überrascht von Bröhmers skeptischem Blick.

„Wir müssen“, dozierte ich, „dabei die Perspektive der nationalistischen Kunst nicht außer Auge lassen. Viele bahnbrechende Werke der entsprechenden Epochen kamen ja in Wirklichkeit aus Frankreich.“ Wahrscheinlich hatte ich damit den wunden Punkt getroffen. „Das mag ja für das neunzehnte Jahrhundert gelten, eventuell auch für die beginnende Gegenwart, aber wie erklären Sie dann, dass die meisten anderen Länder ihre Bücher immer noch in fremden Sprachen veröffentlichen?“ Langsam begriff ich, warum in dieser Abteilung keiner arbeiten wollte.

„Also die Kulturgeschichte“, half Siebels ein, ein wenig schon verzweifelt, doch Bröhmer biss nicht an. „Für unsere nächste Sendung am Sonntag muss ich wissen, ob ich eine Autorität auf ihrem Fachgebiet bekomme – wir planen ja immer schon ein paar Tage vorher.“ Es zeigte mir das Sendeskript. „Könnten Sie auch Zeitgeschichte?“ Ich nickte. Er hieb Siebels auf die Schulter. „Guter Mann“, schrie Bröhmer. „Guter Mann! Also dann Dienstag, bei Leute von heute, und Sie erklären uns, warum das Fernsehen Zuschauer verliert. Bis dann!“ Damit stieg er die Treppe hoch in Richtung Ausgang. Siebels zog eine Augenbraue in die Höhe. „Wissen Sie schon, was Sie da sagen?“ Ich wiegte den Kopf hin und her. Er lächelte grimmig. „Ich wüsste es ja nicht.“

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