al-Capone

9 03 2016

„Ganz in Schwarz!“ Herr Breschke fuchtelte aufgeregt mit der Kantenschere herum. „Ich habe ihn doch gestern erst gesehen – er trug so einen schwarzen Umhang. Das ist ganz bestimmt so ein furchtbarer Terrorist!“ Ich seufzte. Wer in die Nachbarschaft des Alten zog, hatte so schnell nichts zu lachen.

Er ließ sich wieder auf die Knie nieder, während Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, fast in sein Schneidwerkzeug hineingekrochen kam. „Entsetzlich“, ächzte Horst Breschke. „Ich in meinem Alter, ich muss mich ja um solche Sachen auch noch kümmern. Sonst tut es hier wohl keiner mehr.“ Er hakte die Schere auf. „Wenn hier jeder in unser Viertel ziehen würde, wie es ihm beliebt, dann gibt es bald nur noch Mord und Totschlag, das sage ich Ihnen!“ „Könnte es sein“, fragte ich vorsichtig, „dass dieser Herr einfach nur einen dunklen Mantel getragen hat und Sie ihn in der Abenddämmerung verwechselt haben?“ Er blickte mich grimmig an. „Es ist ja nicht nur das, er fährt auch so ein gefährliches Auto!“ Ich wandte mich um und blickte über den Zaun auf die Straße, wo ein SUV parkte. „Nein, das ist der neue Wagen von Gabelstein. Der von drüben fährt einen richtigen Terroristentransporter – so einen großen, mit dem können Sie zum Beispiel bei einer Entführung die Opfer wegbringen!“ „Und wenn er zum Beispiel nur ein ganz harmloser Bankräuber ist?“ Breschke überhörte die Ironie in meinem Unterton. „Auf jeden Fall ist der Mann kriminell, das merkt man auf den ersten Blick!“

Noch war alles ruhig und idyllisch an diesem Nachmittag; Bismarck hatte ein bisschen in den Tulpenbeeten von Herrn Gabelstein gegraben und kam nun zurück, ein Nickerchen auf der Terrasse zu genießen. „Das Schlimmste wissen Sie ja noch gar nicht“, zischte der pensionierte Finanzbeamte mir zu. „Der ist Mitglied in einer dieser Organisationen aus dem Terrorismus. Der heißt nämlich schon so!“ Er wedelte erneut mit der Rasenschere umher. „Ich habe zugehört, wie er sich mit dem Briefträger unterhalten hat – da vorne, ich habe direkt hinter der Ligusterhecke gestanden, man konnte es kaum verstehen, aber so viel habe ich doch mitgekriegt, dass das ein brandgefährlicher Mann sein muss.“ Er packte mich plötzlich am Arm. „Sie müssen mit mir zur Polizei gehen, ach was – zum Geheimdienst! Der Staatsschutz muss wissen, dass hier einer von denen einziehen will! Man muss doch verhindern, dass die hier überall ihre Bomben schmeißen!“

Breschke war durch nichts davon abzubringen, dass es sich bei dem neuen Nachbarn – „Dieser Name, irgendwas wie al-Qaida, oder war’s al-Capone?“ – um einen weltweit gesuchten Top-Terroristen handeln müsse, der in der beschaulichen Ruhe der Platanen blutrünstige Attentate ausheckte. „Was meinen Sie“, schlug ich vor, „ich habe eine bessere Idee: Sie begleiten mich nach drüben, und wir klingeln bei ihm.“ „Ausgeschlossen“, schrie er. „Vollkommen ausgeschlossen, der ist imstande und schießt mich glatt über den Haufen!“

So weit sollte es gar nicht kommen. Im nächsten Augenblick sah ich, wie drüben ein Lieferwagen rückwärts auf die Einfahrt fuhr. An der Seite waren rot und goldene Schriftzüge angebracht. Mit schreckgeweiteten Augen starrte Breschke auf das Auto. Ein junger Mann in einem eleganten Anzug stieg aus. Er sah uns und winkte herüber, während er die Straße überquerte. „Tun Sie etwas“, presste Herr Breschke hervor. „Mein Gott, so tun Sie doch etwas, bevor er uns alle in die Luft jagt.“

„Ich erbitte die Versseihung“, begann der Mann mit einer höflichen Verbeugung am Jägerzaun. „Gestern war viel wenige Sseite, um mich vorssusstelle – Signor Bresscke?“ „Ich weiß nicht, von wem er spricht!“ Der Alte guckte einfach auf den Boden. „Breschke“, half ich ein, „wie in ‚Brescia‘.“ „Ah! Molto bene, meine Name ist Gian Francesco Altomato, aber die Freunde sage Gianni, ja? In die Uhlandstrasse wir habe die Ristorante neu offen, wenn die Herrschafte kommen diese Wocke, ssein eingelade auf eine Vino, bitte sseehr!“ „Sie sind gar nicht aus Arabien?“ Breschke blickte ihn entgeistert an. „Sehen Sie“, beruhigte ich ihn, „wie wir vermutet hatten – der Herr ist Italiener, und der Wagen ist ein Kühlauto.“ „Aber dass er al-Tomato heißt“, stammelte Breschke, „ich wusste doch nicht…“ Bismarck beäugte den Zaungast mit Wohlwollen. „Warten Sie“, rief Breschke, „ich hole uns eben einen Schnaps!“

Während der Nachbar dem Dackel das Köpfchen kraulte, fiel es mir wieder ein. „Sagen Sie mal“, begann ich, „haben wir uns nicht erst letzte Woche gesehen?“ Er nickte. „Richtig, Sie sind auch Mandant bei…“ „Ich kenne Anne eher privat“, entgegnete ich. Er verstand. „Es war wegen des Pachtvertrages. Und es gab noch Regressansprüche für einen kaputten Herd.“ Plötzlich grinste er verlegen. „Ich hoffe, Sie können dichthalten? Wie Sie hören, bin ich gebürtiger Rheinländer und wollte mir in den nächsten Jahren den italienischen Akzent abgewöhnen – als Integrationsmaßnahme, gewissermaßen.“ Da kam der Alte wieder, ein Tablett mit drei Gläschen balancierend. „Meine Frau würde morgen auch mitkommen“, verkündete er. „Va bene“, rief der Wirt, „sseehr gute Gedanke, wird sich freue ganze Ristorante!“ „Das ist mal gut“, bekräftigte Herr Breschke. „Es muss ja in der Familie bleiben.“

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2 responses

10 03 2016
lamiacucina

Rheinländische Pizza al-Tomato? Wenn schon kein Terrorist, könnte es sich um einen Mafioso handeln. Ich würde Herrn Breschke empfehlen, nur deutschen Wein zu akzeptieren 😉

10 03 2016
bee

Ich fürchte, da ist er von seiner Tochter verdorben, die ihn regelmäßig mit säurefrei ausgebauten Rieslingen versorgt. Sobald er in der Jackentasche nach Würfelzucker sucht, wird er aus dem Da Gianni hinauskomplementiert.

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