Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXXIV): Das Sozialexperiment

11 03 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war einmal ein König, und der war ein recht dummes Arschloch. Allein sein ganzes Sinnen und Trachten ging darauf, dass man es nicht sofort bemerkte, und also pflegte er wohl manches Mal im Speisesaal die Fenster zu öffnen, während er zu Tische saß. Dann aber nagte er hier und da an einem Hühnerbein, und hatte er es halb gegessen, so schmiss er es aus dem Fenster auf die Straße, wo es richtig in den Dreck plumpste. Hin und wieder traf er mit der Keule auch einen braven Mann auf die Mütze, dass diese ganz speckig wurde. „Seht“, rief dann der König, „was liegt mir das Volk, diese amorphe Masse von Leistungsverweigerern in den Ohren? Hat dies Pack nicht proportional zu seinem Reichtum Anteil an des Königs Hühnerbeinen und ist immer noch nicht zufrieden?“ So endete, kurz bevor man dem Monarchen die Kehle durchschnitt, eines der ersten Sozialexperimente der Geschichte.

Es blieb beileibe nicht das einzige. Hin und wieder plustert sich ein Mittelschichthengst auf, der sich fälschlicherweise für ein Mitglied der Klasse hält, die Marionetten wie ihn bezahlt, verkündet mit Verve, sich einen Monat nur von Arbeitslosenkost zu ernähren, und wartet auf das verzückte, von leicht angeekeltem Grusel unterfütterte Luststöhnen einer degenerierten Deppenherde, die den Hohn aus jeder Zeile aussaugen wird wie Fliegen den Kot aus einem seicht im Waldboden versuppenden Kadaver. Das erwünschte Ergebnis indes steht schon vor dem Versuch fest: die Staatsparasiten werden ja alle satt, wozu sollten wir uns ihr Gegreine weiter anhören?

Mit Tamtam föhnt uns die Egozenteria ein krudes Urteil über Trockentoast mit Tomatenmark in die Ohren – im Abgang vermutlich zu wenig spektakulär, um die Wassersuppenkasper zu einer Hymne zu inspirieren – und philosophiert sichtlich betroffen, dass es auf dem ganzen Wochenmarkt keine Perlhuhnbrüstchen gibt, die dem kargen Budget gerecht werden. Dass auf Obst mit manuell eingedengelten Macken, vulgo: Bioware so viel Wert gelegt wird, enthüllt immerhin den Sponsor des ganzen Mummenschanzes, denn was wäre ein glaubhafteres Distinktionsinstrument einer nach eigenem Ermessen aufgestiegenen Kaste, wenn nicht die gesetzlich gesündere Birne?

Abgesehen davon ist die Ernährung mit minimal kalkulierten Mitteln weder heldisch noch brächte sie nennenswerte Erkenntnis, wenn der gemeine Getöseproduzent sie nach vier Wochen beendet. Schmale Kost hielt man früher für sieben Wochen durch, nannte es Fasten und verband den moralisch ausladenden Impetus damit, sein materialistisches Weltbild zur Disposition zu stellen. Die prekäre Gesellschaft wird jedoch von der kapitalistischen Herrenrotte bereits scheel begafft, wenn sie sich zum Ende des Monats einmal ein vernünftiges Mahl leistet, das nicht nur physisch sättigt. Danach ist sie wieder auf das despektierlich Armeleuteessen genannte Muster zurückgeworfen, mit dem sie den Reichtum einer anderen Sphäre stützt, denn der muss ja irgendwo auch herkommen.

Davon abgesehen ist es für das so ungebildet wie ungewaschene Unterschichtenphantom sicher einfach, satt zu werden, man sieht es ja an den USA, wo der Plebs beim Einsatz auf vier Zentnern in die Fast-Food-Ställe einfährt, um sich die Fett-Zucker-Pampe einer florierenden Mastindustrie hinters Zäpfchen zu pfropfen. Hungern wird hier so schnell keiner, es bleibt nur pro Portion weniger für die kulturellen Bedürfnisse eines Pöbels, für den diese Bedürfnisse nicht vorgesehen waren. Auch dies Experiment ist als Doppelnachtblindstudie voll geglückt, die Vernunft liegt schnarchend in der Ecke und ferkelt unablässig Ungeheuer in die Welt.

Währenddessen schmeißt der geprüfte Clochard eine Konserve in den Thermokocher, dreht die Heizung auf, da er den Kostenüberschuss nicht von seiner Verpflegungspauschale abrechnen muss, den Strom für den Kocher ebenso wenig, und hört sich nach dem Espresso aus dem Vollautomaten für zwei Monatsregelsätze La Traviata aus den Boxen für den Gegenwert eines Mittelklassewagens an, schlendert vielleicht zum Flügel, wo sich die Brut ein paar Takte Klimbim aus dem Fäusten schwiemelt, und dankt der Vorsehung, dass in drei Wochen dieses Kindertheater vorbei sein wird.

Ach, es gäbe noch so viel zu tun, das den Wagemut der Bessermenschen erforderte. Ein Monat lang im Rollstuhl (behindertenfeindliche Kommentare inklusive, einschließlich des herzlich gemeinten Wunsches, die Testperson im KZ zu entsorgen), vier Wochen lang unter der Brücke (mit ähnlichem Resultat, vielleicht gibt’s ja im Praxisteil auch mal ad hoc aufs Maul), dieses Leben bietet so viel kunterbunten Schmadder für Leute, die den Aggregatzustand ihrer Beklopptheit zur Kunstform ausgebaut haben. Es gibt ja noch genügend Kriege auf dieser Welt, und ihre Auftraggeber haben sicher einen guten Draht zu denen, die sie veranstalten. Wir sollten sie in die Bombenabwurfgebiete jagen, in die Häuserkämpfe, in die versehentlich von ihren Freunden ausradierten Krankenhäuser. Alles halb so wild, werden sie sagen, wenn sie zurückkommen. Wenn sie zurückkommen.

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