Laktoseintolerant

22 03 2016

„Eine Kartoffelunverträglichkeit!“ Bruno tobte. „Madame haben eine Unverträglichkeit gegenüber gekochten Kartoffeln!“ Petermann zog den Kopf ein. „Obacht“, zischte er. Schon sauste eine Suppenkelle knapp über unsere Köpfe hinweg.

„Kartoffelunverträglichkeit! Wer hat so einen Unfug jemals gehört?“ Die aufwärts gezwirbelten Spitzen seines Schnurrbarts zitterten bedrohlich, während Bruno, genannt Fürst Bückler, durch die Küche des Landgasthofs stampfte. „Letzte Woche war sie auf einmal laktoseintolerant und davor hatte sie schwere allergische Reaktionen auf Pilze!“ Ich fischte den inzwischen gelandeten Schöpfer unter der Stellage hervor. „Und wenn sie tatsächlich keine Pilze verträgt?“ Petermann, als Entremetier seit langen Jahren die rechte Hand des großen Küchenmeisters, winkte träge ab. „Sie isst aber das Champignonrahmsüppchen. Besonders lange haben es die Allergien nicht ausgehalten bei ihr.“ „Wenn ich eine Allergie wäre“, knurrte Bruno, „ich würde es auch nicht lange in dieser…“

„Ich auch nicht.“ Hansi schlenzte beleidigt den Vorspeisenteller auf den Tisch. „Denn Blattsalat hat sie genommen, die Nüsse waren diesmal auch okay, und dann haben wir heute ein Problem mit Speck.“ Die Würfelchen lagen akkurat aufgereiht auf dem Tellerrand. „Vielleicht tut sie nur etwas für ihre schlanke Linie“, überlegte ich. „Natürlich“, spottete Hansi, der jüngere Bückler und Herr über den Service, „sie bestellt sich extra einen Salat mit Speck und trainiert dann die Oberarme mit dem Rauspicken.“ Petermann guckte auf die Bestellung. „Wenn sie bis zum Hauptgang eine Fischphobie entwickelt, reicht es doch, wenn wir ihr einen Teller hinstellen, oder?“

Keiner wusste übrigens, warum Frau Birneimer jede Woche einmal einkehrte, mit großem Getöse das Menü durchging und alles für komplett ungenießbar erklärte, bevor sie sich herabließ, doch noch etwas zu bestellen, meist mit Sonderwünschen und Tamtam, selbstverständlich aber ohne große Neigung, die Extras auch zu bezahlen. „Es ist halt ihre Leidenschaft“, seufzte Hansi. „Der alte Herr Direktor Birneimer konnte sich nirgends mehr mit ihr blicken lassen und hat ihr schließlich ernsthaft mit Scheidung gedroht. Man erzählt sich, er habe bereits einen Termin beim Anwalt gehabt, und im allerletzten Moment hat ihr sein Herzanfall das Vermögen gerettet.“ Es stand zu befürchten, dass sie einfach gerne die Kellner umherschubste und an der Küche meckern wollte. „Und jetzt will sie den gedünsteten Fisch.“ Bruno griff schon wieder zur Fleischgabel. „Wenn sie den zurückgehen lässt, dann werde ich sie frittieren! Eigenhändig!“

Da hatte ich eine Idee. „Gib mir mal eine Weste“, bat ich Hansi. „So lange ist es ja nicht her, dass ich ausgeholfen habe.“ Er grinste schief. „Und Du hast Deine Sache gut gemacht. Keiner der Gäste ist je wiedergekommen. Was hast Du denn vor?“ „Suppe“, antwortete ich, „die Tagessuppe.“ Und schon war ich draußen.

Die Witwe Birneimer saß am Tisch und tupfte sich affektiert die Lippen. „Schaumsüppchen vom Agaricus“, dienerte ich. „Wünsche wohl zu speisen.“ Sie roch missbilligend an der Tasse. „Aber ich hatte etwas ohne Laktose bestellt, hat man das in der Küche nicht ausgerichtet?“ Ich bemühte mich um ein ganz leicht herablassendes Lächeln, und ich bekam es sogar hin. „Unsere Agaricuskulturen werden vollständig ohne Laktose gezüchtet“, informierte ich die Dame. „Wir lassen nicht einmal eine unserer laktoseintoleranten Kühe in die Nähe der Eichenhaine.“ Entgeistert ließ sie den Löffel sinken. „Laktoseintolerante Kühe? Was binden denn Sie mir für Märchen auf?“ „Mitnichten“, gab ich zurück. „Glauben Sie denn, eine laktoseintolerante Kuh gäbe laktosehaltige Milch?“ Sie setzte an zu einer Antwort. Dann sah sie die Suppe an, dann mich, dann wieder die Suppe. Seufzend rührte sie um. Ich verschwand.

Hansi war erstaunt. „Sie hat die ganze Suppe ausgelöffelt“, befand er. „Und es sieht so aus, als hätte sie es überlebt.“ „Gut!“ Ich legte das obligate Tuch über den Arm. „Petermann?“ „Moment“, scholl es aus der Tiefe der Küche zurück, bevor ein sonores Röhren ertönte. „Wie sieht das aus?“ „Grauenhaft“, lobte ich. „Noch etwas Petersilie, und dann kann der Fisch drauf.“

Bruno musste schon hinter der Tür gelauert haben, denn ich hätte sie ihm fast an die Nase geschwungen. „Du hast diesen Matsch doch nicht etwa an den Gast gebracht?“ Ich wollte gerade antworten, aber diesmal hatte er den großen Schaumlöffel in der Hand. „Mit dem Pürierstab“, stöhnte er. „Mit dem Pürierstab! Diesen Kleister kann doch kein normaler Mensch mehr essen!“ Ich setzte den Teller ab; bis auf ein Stückchen Zitrone hatte die Birneimerin nichts zurückgelassen. Petermann machte große Augen. „Und was hat sie gesagt?“ „Nichts.“ Ich schmiss das Besteck in den Bottich. „Sie wollte nur unbedingt das Rezept haben von dieser exzellenten Grumbeerenmousse.“ Brunos Bartspitzen kamen wieder gefährlich ins Vibrieren. „Keine Sorge“, tröstete ich ihn. „Natürlich habe ich ihr nichts verraten. Sie wird bestimmt nächste Woche wiederkommen. Aber erst will sie einen Milchkaffee. Von der laktoseintoleranten Kuh.“

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