Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXXVI): Der Distinktionsgewinn

1 04 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Sache ist recht schnell erzählt. Während die anderen jahreszeitlich bedingt die große rote Frucht verzehrten, die sich notfalls auch trocknen ließ und dann als Füllung für gebratenen Biber diente, holte Uga aus der Tiefe des großen Sees die schimmernde Schleimmuschel. Mit etwas Glück schmeckte das Zeug nach nichts, roch nicht besonders appetitlich, sättigte nicht wesentlich mehr als getrocknetes Gras und ließ sich mit einiger Überwindung von Ekel und Verstand auch schlucken. Nur Uga wusste, wo das Zeug im Wasser dümpelte, und nur er servierte den Gästen in seiner Höhle die leise zuckenden Klumpen, nach denen man angewidert aufstieß und bedauerte, dass der Schaumwein erst viele tausend Jahre später erfunden werden sollte. Das Paradoxon lag tatsächlich darin, dass keiner den Schmadder mit Lust hinters Zäpfchen stopfte, keiner wollte es zugeben, aber wer gezwungen war, den Kram in die Verdauung zu integrieren, tat es mit demonstrativer Verachtung all derer, die nicht mit ums Lagerfeuer saßen und schnöde Dinge wie Mammut à la Crème speisen mussten. Ugas Einladung war entscheidend, und wer irgendwie halbwegs mithalten wollte, der musste selbst Mittel und Wege finden, ausgesucht abstoßende Batzen aufzutischen. Selten mussten sie sein, und keiner sollte auf die Idee kommen, den Plunder zu lutschen. Wo bliebe denn da bloß der Distinktionsgewinn.

Die Geschichte der sozialen Differenzierung ist eine Geschichte erbitterter Klassenkämpfe um viel heiße Luft. Der Habitus jener Eliten wurde ja nicht als solcher geboren, es waren vielmehr etwelche eitle Deppen, deren chronisches Fiepen aus dem Bedeutungsnirvana irgendwann Resonanz erzeugte – möglicherweise standen gerade genug Hohlköpfe im Weg – und durch gesteigerte Aufmerksamkeit mit den Quincailleries der Großkopfeten eine Art von Vornehmheit inszenierte, die sich erst für elitär auszugeben vermochte. Generell setzt Distinktion als Mechanismus zur Eingrenzung durch gezielte Ausgrenzung ein, sobald eine an sich sinnvolle Handlung einen Grad an Überflüssigkeit erlangt, der die intellektuell Vollverdübelten wieder zu Herren ihrer eigenen Überhebung macht. Nicht der Akt, sich aus Fremdhaar zusammengeschwiemelte Bauten auf den Scheitel zu leimen, erst die groteske Übertreibung des Kahlköpfigen, sich ein Schaf im Maßstab 1:3 an die Schwarte zu tackern macht die Sinnlosigkeit des Behaarungsneides aus. Erst im Schwulst der Dünkelkammer bläht sich der Fasel zu einer existenziellen Geschmacksfrage auf, wobei die sich durchaus nicht als Vorbild im Sinne einer marktgängigen Imitation verstehende Oberschicht die Maßstäbe setzt, was als Geschmack gilt. Über dessen positive Eigenschaften urteilt der also im Ghetto der eigenen Ästhetik eingeschweißte Depp noch einmal gesondert.

Natürlich ist im Hochgefühl des Habitus nicht alles von flamboyanter Lächerlichkeit, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Wichtig ist dabei stets, dass es innerhalb einer Klasse von Bekloppten sicher kommunizierbar bleibt, damit die Kinder und Kindeskinder der Grützbirnen, gleichwohl sie mit dem IQ von Fischfutter gesegnet sein könnten, in derselben Liga weiterspielen können. Welchen Schmerz der Trennung müsste ein Adelsspross sonst erleiden, wenn er plötzlich nicht mehr den mit Kopfnoten von Bohnerwachs und Melone, Nachhall dezent rauchiger Mandelanklänge und Möpseln im tieffrequenten Schieferamalgam gefärbten Wein zum Frühstück hätte, sondern die Papptütenplempe aus dem Pennermarkt, mit der sich auch Urinstein verblüffend einfach aus der Schüssel schrubben lässt. Welchen Schmerz hätten seine Vorfahren, ihre Nachgeburt nicht mehr adäquat anzusprechen und dabei das Hauspersonal semiotisch zu demütigen, da es ihnen geistig nie so recht gelänge.

Immerhin sind wir heute wieder so weit, dass der deutlich erkennbare Distinktionsmechanismus der Upperclass sich ironiefrei zum Stigma verkehrt, während die Parias durch allerhand weißen Trash, Metallteile an Gesichtsausbeulungen und fröhliche Zeichnungen in der welkenden Lederhaut das Niveau planieren. Peinliche Schnösel peppen ihr Bausparerabitur mit nicht vorhandenen juristischen Doktorgraden auf, deren Existenz lediglich dem Ersparten der Elterntiere gedankt ist. Um den Drang nach Bekanntheit zu befriedigen, der Modedroge, die offensichtlich nur für den Plebs verfügbar scheint, machen sich die Hohlhupen auf, dem Pöbel selbst sein Bodensatzfernsehen zu entern, um aus der Kiste die Restwelt zu bekaspern. Vielleicht setzt ihre Penetranz damit noch Zeichen, dass dieses Verhalten den unfeinen Unterschied ausmacht und höchste erstrebenswert wirkt. Trösten wir anderen uns also mit dem Gedanken, dass in höheren Kasten auch heute allerhand geschmacksfreies Weichgetier und durchaus dschungelkompatible Gonaden im bissfesten Zustand konsumiert werden müssen, weil der Preis stimmt. Lassen wir der Feudalrotte den Spaß, sich unzivilisiert aufzuführen. Die Geschichte lehrt, dass man schneller an der Laterne hängt, als das Gäbelchen aus den Schneckeneiern zu ziehen.

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