Höhere Gewalt

5 04 2016

„Ich leite das gerne weiter, wie war noch mal Ihr Name?“ Luzie rümpfte die Nase und hieb den Hörer auf die Gabel. „Was für ein widerliches…“ „Ich kann es nicht mehr hören!“ Anne warf ihre Aktentasche quer durch den Flur auf die Couch. „Wenn diese Nervensäge hier noch einmal anruft, werde ich ihm persönlich den Scheitel nachziehen!“

Sie schmiss ihren Talar auf den Kleiderständer, ließ sich in den Sessel fallen und ballte die Fäuste. „Hülsenbeck?“ Sie nickte grimmig. „Hülsenbeck. Seitdem er sich aus dem Staub gemacht hat, geht er mir alle paar Wochen auf die Nerven.“ Zuletzt hatte er von ihr Schadenersatz gefordert, weil er eine Flugreise selbst und eigenmächtig abgesagt und folglich auf den Kosten sitzen geblieben ist. „Der Mann belästigt mich, und ich weiß langsam nicht mehr, wie ich ihn mir vom Pelz halten soll.“ Nun war Max Hülsenbeck, inzwischen sicher nur wegen eines Zufalls nicht mehr Staatsanwalt, war Hals über Kopf unbekannt verzogen und hinterließ erkleckliche Schulden. „Und jetzt will er den Fernseher.“ Ich verstand sie nicht recht. „Den Fernseher? Welchen Fernseher denn?“ „Er hat irgendwann einen kleinen Fernseher mitgebracht“, erklärte sie, „und ihn in meinem Schlafzimmer aufgestellt. Das Problem ist, dass dieses Drecksding irgendwann den Geist aufgegeben hat, und jetzt steht es im Keller.“ „Rechtlich ist die Sache klar“, überlegte ich, „er kann also zumindest das Gerät beanspruchen. Sollte sich dabei herausstellen, dass es defekt ist, wird er natürlich sofort Ersatz fordern, und das wird leider kostspielig.“

Das Telefon klingelte schon wieder. „Er hat Luzie im Visier“, knurrte die Anwältin. „Jetzt ruft er zehnmal am Tag und will wissen, ob ich gerade in der Kanzlei bin. Dabei weiß er genau, dass ihm das nichts nützt.“ Da fiel es mir wieder ein. Die Villa von Doktor Klengels Schwager – sonst hätte Anne sicher nie so rasch ein repräsentables Büro in diesem Stadtteil gefunden – ließ manche Zeitgenossen nicht über die Schwelle. „Er hat Max Hülsenbeck noch persönlich Hausverbot erteilt“, erinnerte sie mich. „Als Husenkirchens Tochter hier unten ihre Geschäftsräume einrichtete, ist er ihr nachgestiegen. Dabei war sie so gut wie verheiratet. Das hat ihn ja noch nie gestört.“

Das Telefon blinkte. „Lass mich“, sagte ich knapp. „Lieber Freund“, säuselte ich. „Ich bin nicht Ihr Freund“, schnarrte es auf der anderen Seite. „Was Sie nicht sagen!“ Anne massierte ihre Finger, es war unschwer zu erraten, was sie gerade gerne dazwischen gehabt hätte. „Ich warte auf meinen Fernseher“, brüllte Hülsenbeck. „Sie haben noch genau eine Stunde Zeit, dann hole ich mir den Apparat ab.“ Anne war ratlos. „Er steht ja noch im Keller.“ „Und keine Minute später!“ Er hängte ein. „Vermutlich alarmiert er gerade die berittene Gebirgsmarine“, sagte ich und legte auf. „Gib mir den Schlüssel, ich regle das.“

Eine gute halbe Stunde später hatte ich das Gerät aus ihrem Keller herangeschafft. „Jetzt erst?“ „Der Fernseher war leicht“, gab ich zurück, „nur der Staub war doch recht schwer zu tragen.“ Luzie pustete. „Und was machen wir jetzt? etwa noch einmal nach unten tragen?“ Es klingelte. „Viel zu früh“, sagte Anne lakonisch. „Das muss er sein.“

Ich öffnete einen Fensterflügel. Unten stand, wie nicht anders zu erwarten, Max Hülsenbeck. „Kommen Sie gefälligst runter“, schrie er. „Sonst was?“ Er überlegte einen Augenblick. „Gut, ich trage das Ding nach unten.“ Aber Anne hielt mich zurück. „Das geht nicht“, bat sie, „dann merkt er, dass der Fernseher kaputt ist.“ „Wie soll er das denn bitte merken?“ „Vielleicht verlangt er, dass wir an Ort und Stelle einen Funktionstest durchführen.“ Sie war schließlich Juristin. Auch wenn es unten auf dem Kiesweg weit und breit keinen Strom gab, muss man immer alle Eventualitäten in Betracht ziehen. „Runter mit meinem Fernseher“, höhnte es von unten. „Die Dame wird sich einen anderen Zeitvertreib für ihr Schlafzimmer suchen müssen.“

Luzie hatte das Gerät angeschleppt und stellte es auf der Fensterbank ab. „Ich habe nur mal kurz darübergewischt.“ Trotzdem wollte Anne nicht einwilligen. „Den Aktenkorb!“ Der Klappkorb, der an der Wand lehnte, brachte mich auf eine Idee. „Wir haben doch noch von der Nylonschnur für die Bilder?“ „Fünfzig Meter“, bestätigte Anne. „Wozu brauchst Du die denn?“ „Wir stellen den Fernseher rein“, erklärte ich, „und dann seilen wir den Korb an der Schnur ab. Am besten doppelt, das müsste das Gewicht aushalten.“ Luzie öffnete den anderen Fensterflügel. „Momentchen“, zwitscherte sie nach unten. „Schere“, kommandierte sie. Anne suchte in der Schreibtischschublade. „Und wenn wir den Korb jetzt schon einmal… oh!“

Es ging alles viel zu schnell. Luzie musste den Fernseher versehentlich mit dem Arm erwischt haben. Er flog wie ein Stein nach unten. Ein Schrei, ein dumpfer Aufprall sowie Hülsenbecks glockenreines Gezeter ließen keinen Zweifel daran, dass Letzterem nichts passiert war. Luzie lächelte maliziös. „Höhere Gewalt. Er wird uns nicht nachweisen können, dass der Fernseher schon im Eimer war, und von uns hat ihn ja keiner aus dem Fenster fallen sehen, oder?“

Der Hausmeister hatte bereits mit dem Abtransport begonnen – Hülsenbeck, die Reste des Fernsehers waren ja nicht seine – als Luzie aus der Küche kam. „Die Kaffeemaschine spuckt schon wieder!“ Anne war verwirrt. „Wir haben sie doch letzte Woche erst gereinigt?“ Ich stellte meine Tasse auf den Schreibtisch. „Ich kann mich täuschen“, überlegte ich, „aber könnte es sein, dass Dein Max eine Maschine bei Dir deponiert hat, weil er spät abends immer noch Kaffee trinken wollte?“

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