In corpore sano

12 04 2016

Er hielt dabei die Luft an. Ganz langsam ging Herr Breschke in die Hocke, wobei er sich zur Sicherheit an der Küchenstuhllehne festhielt, hielt kurz aus und kam wieder hoch. „Zwei!“

Nein, als zu fett konnte man den pensionierten Finanzbeamten nicht bezeichnen. Nicht einmal dick oder auch nur dicklich war er, vielleicht eine Spur zu schmal, aber eigentlich war er ja schon immer eine eher schlanke Erscheinung gewesen. Daran also konnte es nicht liegen, dass er nun in diesem weiß-blauen Anzug aus Ballonseide in der Küche stand und Turnübungen machte. „Diese neue Ärztin ist ganz zufrieden mit mir“, klagte er. „Seitdem der gute Doktor Klengel im Ruhestand ist, wissen Sie, er hat einem ja alles verboten, Eier und Braten und Rosenkohl, und ich habe mich natürlich nie daran gehalten, aber jetzt?“ „Sie waren beim alljährlichen Gesundheitscheck?“ Er nickte. „Im Grunde fühle ich mich für mein Alter doch noch recht gut“, bekannte der Hausherr. „Aber das machen Sie mal der Ärztin klar – wenn die nichts findet, hat sie das Gefühl, sie hätte Sie nicht ordentlich untersucht.“

Sehr zu seinem Leidwesen hatte sie die beiden täglichen Spaziergänge mit Bismarck, dem dümmsten Dackel im weiten Umkreis, nicht als körperliche Ertüchtigung gelten lassen. Dabei lief der Hund seinem Herrn so oft wie gern an der Leine und dabei zwischen den Beinen herum, was zugleich eine hervorragende Koordinationsübung darstellte; manch ein Rasensportler müsste für so ein Dribbling lange und ausdauernd trainieren. Dazu beharrte sie bei ihm kategorisch und ohne Anhörung, er möge sofort das Rauchen einstellen sowie weniger trinken. Es existiert von Horst Breschke meines Wissens eine einzige Fotografie, erkennbar in Karnevalstagen aufgenommen, auf der er eine Pfeife im Mund klemmen hat, und zwar so, dass auch der Gelegenheitsschmaucher erkennt, es handelt sich um ein ihm fremdes Requisit. Und was den Alkohol angeht, so reicht ein Glas Bier, um ihm die nötige Bettschwere zu verschaffen. Diverse bunt gefärbte Liköre, die seine Schwester auf finsteren Wegen durch den Zoll einschleppt, schenkt er meist unbesehen weiter. Er war auf eine rührende Art lasterlos, sah man von den Obstkuchen seiner Frau ab. Was sollte da eine Ärztin ausrichten.

„Ich wollte ja ein bisschen Sport an der frischen Luft machen, aber es ist doch ein bisschen kühl um diese Jahreszeit.“ „Das gibt sich“, ermunterte ich ihn. „Sie haben ja schon diesen sehr äääh… sportlichen Anzug an, das sollte ausreichen. Schließlich bewegen Sie sich auch an der frischen Luft. Wozu rät denn Ihre Ärztin?“ „Liegestütze“, sagte Breschke kleinlaut. „Aber ich habe ein paar hier auf dem Teppichboden versucht, das ist nichts für mich.“ Ich schüttelte den Kopf. So wurde das sicher nichts mit seiner körperlichen Ertüchtigung.

Tatsächlich war es recht schattig im Garten, vor allem auf dem Rasen. „Wie wäre es denn zum Beispiel mit Seilspringen“, überlegte ich. „Das nimmt nicht ganz so viel Platz in Anspruch und hält auch ganz gut in Bewegung.“ Er winkte ab. „Ich würde ja jeden Tag ein paar Übungen machen, aber Sie wissen ja: Gabelstein.“ Der böse Nachbar, der beständig hinter der Gardine lauerte und auf finstere Anschläge sann, machte ihm seit Jahren das Leben schwer. „Wenn ich nun jeden Vormittag oder auch am Morgen hier auf der Terrasse Rumpfbeugen mache, dann stellt sich dieser Mensch bestimmt den Wecker und überlegt, wie er mich wegen einer Zweckentfremdung des Grundstücks nach der Gemeindeordnung anschmieren kann – nein, das ist mir zu viel!“

„Und wenn Sie es mit ein bisschen Dauerlauf probieren würden?“ Seine Miene verzog sich zu purer Skepsis. „Das würde meine Frau doch nie zulassen“, rief Breschke empört. „Stellen Sie sich das mal vor, ich quer durch den Stadtpark, und dann sind da diese ganzen jungen Dinger, die könnten meine Töchter, was sage ich: meine Nichten – nein! Niemals!“ Er seufzte. „Aber wenn die Frau Doktor schon so an mein Gewissen appelliert, in corpore sano und so, was soll man denn dann machen?“

Ich war quer über das Gras bis zum Rosenbeet gegangen. Bismarck hatte sich unterdessen durch Breschkes Beine aus dem Haus geschlichen und war an der Rasenkante entlang geschnürt. Leise knurrend blickte er zur Hecke herüber, wo das Nachbargrundstück angrenzte. Der alte Herr stand noch unschlüssig auf der Treppe. „Vielleicht könnte man dort ein Trimmrad aufbauen“, rief ich ihm zu. „Es gibt inzwischen wetterfeste Modelle, die man mit einer Schutzhaube abdecken kann.“ Allerdings sah ich im selben Augenblick vor meinem inneren Auge, wie Breschke schnaufend auf dem Bock strampelte, während Bismarck sich gelangweilt am Liguster entlang schlich. Nicht auszudenken, wenn auch Gabelstein sein Frühstück wetterunabhängig auf den Ostbalkon verlegen würde. Nein, das konnte es nicht sein. Ein Trampolin? oder doch einen Tretroller, um auf den –

„Bismarck!“ Einen Augenblick lang hatte ich nicht auf den Hund geachtet, schon wühlte er sich unter der Hecke in Richtung Gartenzwergbeet. „Um Himmels Willen, halten Sie ihn auf!“ Wie von der Tarantel gestochen rannte er über den Rasen. Im letzten Moment fasste er den Dackel am Halsband und zog ihn aus dem Gestrüpp. „Donnerlittchen“, rief ich. „Und das in Pantoffeln!“ Breschke blickte an sich herab. Doch, seine Ärztin konnte durchaus zufrieden sein mit ihm. Und ein wenig Bewegung mit dem Hund würde ihm sicher nicht schaden.

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