Deutlich erweitertes Bewusstsein

13 04 2016

Ein Fest von Form und Farbe, eingefangen im textilen Vollrausch. Zwei Luftfahrt-Service-Damen inspirierten das deutlich erweiterte Bewusstsein – oder waren es nur die Pupillen? Sei’s drum, der Freitagstexter war diesmal eine außergewöhnlich bunte Veranstaltung.

Ich hatte eigentlich damit gerechnet, Angebote zu bekommen für die Produktion dieser Ein- bis Dreiteiler, notfalls von pfiffigen Drogenbossen auf der Suche nach einer neuen Zielgruppe. Dann aber teilte mir Hildegard mit, dass ihre Migräne seit Tagen nicht besser wird, und bat mich, das Bild auf dem schnellsten Weg wegzuräumen. Ob hier ein unterdrückter modischer Wunsch eine Rolle spielte, man weiß es nicht. Aber sie würde nie Hut zum Schlafanzug tragen, so viel ist sicher.

Beugen wir uns dem Wunsch der Dame, umso eher wird sie sich beruhigen, das Arbeitszimmer räumen und damit den Fortbestand dieses kleinen literarischen Salons sichern. Angefangen hatte diese Runde mit einer schweren Männergrippe, gefangen im Körper einer Bloggerin. Den dritten Rang belegt der verlässliche vielfrasss, dessen medizinische Sensation nicht weniger nobel und preiswürdig erscheint:

Eilmeldung: Ursache für Augenkrebs gefunden.

Heftige Assoziationen löste ein Beitrag aus, der mich um Jahrzehnte in der Fernsehgeschichte zurückwarf. Vor meinem inneren Auge erschien ein kneippsches Synchronwassertreten in psychedelisch geschneiderter Rumpfkluft zu heftig synkopierter Blasmusik. Es gibt Kämpfe, die muss man irgendwann aufgeben. Auf dem zweiten Rang ist folglich Poppkörnchens Doppelbelichtung:

Die Kessler-Zwillinge sind nur auf LSD zu ertragen.

Hildegard hat sich längst wieder beruhigt, der Zwiebelsaft ging unterdessen auch zur Neige, es riecht schon ein bisschen nach Frühling, sicherlich die Osterzweige, und schon hätten wir den Moment bis zur Überreichung des Siegerpokals auch schon wegmoderiert. Er geht diesmal an den Retter ein- bis zweipersonaler Zwillinge, die einen Ausweg aus der Identitätskrise gefunden haben, und das dank des Kulturflaneurs:

Das doppelte Lottchen hatte genug davon, dauernd verwechselt zu werden…

Herzlichen Glückwunsch! Es geht weiter am 15. April beim Kulturflaneur. Und jetzt muss ich mir sofort eine Menge Schwarzweißbilder angucken. Aus therapeutischen Gründen.





Die Erlediger

13 04 2016

„Wer hatte das denn ahnen können!“ „Ich versteh’s ja auch nicht – wir haben doch alles getan.“ „Eben nicht!“ „Naja, kommt auf die Perspektive an. Wir haben die größten Idioten nach vorne geschickt…“ „Höcke, Poggenburg, Pretzell, von Storch, Gauland, stimmt.“ „… und haben sie elendig dumpfen Rassistendreck absondern lassen – und die haben Erfolg! Verdammt noch mal, wir können uns alle erschießen!“

„Wir müssen das falsch angepackt haben.“ „Vielleicht, weil in der Partei jede braune Depp sagen konnte, was er wollte?“ „Ja, das wird’s wohl sein.“ „Also ein Demokratiedefizit.“ „Hä!?“ „Ich meine ein Defizit, das durch zu viel demokratische Strukturen entsteht, oder durch solche, die zu viel Demokratie ermöglichen.“ „Ja, das klingt plausibel. Aber das ändert ja nichts daran, dass wir total am Arsch sind.“ „Dabei haben wir doch die radikalsten Forderungen gestellt.“ „Vielleicht war ja genau das der Fehler, an dem wir gescheitert sind.“ „Ach was, die anderen Nazis haben doch auch schon immer ‚Ausländer raus!‘ gerufen.“ „Und genau das war das Geheimnis, oder glauben Sie, dass jemals alle Türken aus Deutschland verschwunden wären?“ „Nein, aber wieso…“ „Weil es sich um eine nicht zu erfüllende Forderung handelt, verstehen Sie?“ „Man kann doch die Türken alle aus Deutschland rausschmeißen, oder? Notfalls bombt man die Kümmelkanaken halt weg, hätte ja fast geklappt.“ „Wie kommen Sie denn auf die Idee?“ „Weil beim NSU, da hat der Verfassungsschutz ja getan, was er konnte.“ „Nein, ich meine, wieso man die Türken aus Deutschland rauskriegen muss.“ „Ja, das sind halt Rassefremde, die schlagen ihre Frauen und essen kein Schweinefleisch.“ „Und Sie arbeiten dann bei der Müllabfuhr?“ „Igitt, unter lauter so Museln! Im Leben nicht!“

„Sehen Sie, das ist genau der Fehler gewesen: wir haben realistische Forderungen gestellt.“ „Dass die Türken abhauen?“ „Hören Sie mir überhaupt zu oder sind Sie in Gedanken schon auf dem Reichsparteitag?“ „Ist das nicht realistisch, dass die Ausländer alle verschwinden?“ „Nein, und genau deshalb muss man solche Propaganda betreiben.“ „Wieso?“ „Weil man die immer weiter betreiben kann, völlig egal, was in der Wirklichkeit passiert.“ „Sie meinen, wir haben mit den Flüchtlingen aufs falsche Pferd gesetzt?“ „Die Zahlen stagnieren, und außer ‚Asylchaos beenden!‘ und ‚Merkel muss weg!‘ haben wir doch nichts zu bieten.“ „Reicht das denn nicht?“ „Sehen Sie nicht, dass wir verloren sind?“ „Wir haben uns doch durchgesetzt mit unseren Forderungen nach…“ „Eben! Es werden immer weniger Flüchtlinge…“ „Oh Gott!“ „… und die Bundesregierung hat die Sache selbst in die Hand genommen. Und sie schaffen es!“ „Scheiße, das war mir bis jetzt gar nicht so bewusst! Was machen wir denn jetzt?“ „Sagen Sie’s mir, ich bin mit meinem Latein jedenfalls am Ende.“

„Aber wir werden in die Geschichte eingehen als die Partei, die das Volk gerettet hat. Als die Erlediger-Partei!“ „Und dann haben wir uns selbst erledigt, oder wie?“ „Wir haben diese Schmarotzer aus Deutschland vertrieben.“ „Sind wir denn in der Regierung?“ „Na Gott sei Dank nicht, sonst müssten wir am Ende noch arbeiten.“ „Und wer hat dann den Flüchtlingszuzug gedrosselt?“ „Die Idee war jedenfalls von uns.“ „Und was fordern wir jetzt?“ „Christliches Abendland. Oder dass der Euro weggeht.“ „Und das wollen Sie hinkriegen mit ein paar Hanseln, die in den Landtagen sitzen?“ „Es reicht doch, wenn die Euros aus den Ländern verschwinden. Soweit ich weiß, haben die meisten Leute im Osten schon keine mehr.“ „Und das hilft? Wie haben Sie sich das denn vorgestellt?“ „Sie sagen doch selbst, wir müssen jetzt irgendwas fordern, und das muss die Regierung dann…“ „Sagen Sie mal, sind Sie bekloppt? Wir sind doch nicht die SPD!“

„Vielleicht holt uns der Höcke aus dem Loch.“ „Bevor er selbst in einem verschwindet?“ „Haben Sie sich den Mann mal angesehen? Der könnte ein paar unserer Probleme lösen.“ „Wie kommen Sie jetzt darauf?“ „Na, er sagt doch immer: wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen. Damit ist er doch ganz klar für Flüchtlinge!“ „Ja, aber eben nicht aus Bürgerkriegsregionen.“ „Warten Sie mal ab, bis die in Sachsen wieder eine neue SS aus dem Boden gestampft haben. Dann sieht die Sache gleich ganz anders aus.“

„Nein, ich glaube nicht mehr an den Erfolg.“ „Defätismus? Das lassen Sie mal nicht die Partei hören.“ „Wenn das so weitergeht, Storch hat schon ihre Fraktion verlassen und leistet keinen nationalen Widerstand mehr, unsere Kameraden, die sich ein Zubrot mit Heimplätzen für Asylanten verdienen müssen, die werden jetzt auch im Regen stehen gelassen. Man möchte verzweifeln!“ „Na, machen Sie sich nicht unglücklich! Wir müssen eben eine neue Richtung einschlagen.“ „Alleinerziehende zwangsverheiraten? Was schwebt Ihnen da vor?“ „Ach was, man braucht nur das richtige Gespür. Die Themen liegen auf der Straße.“ „Wir können doch nicht zur koalitionsfähigen Systempartei mutieren, nur weil so ein paar Versager die…“ „Sagen Sie mal, finden Sie nicht auch, dass es hier in Deutschland immer noch viel zu viele Juden gibt?“