Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXXVII): Der Verbrauchercheck

15 04 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Manchmal muss auch der langweiligste Nappel vom Tagwerk ruhen, und so setzt er sich nebst Bier und Salzgebäck auf die Klappcouch, schaltet die Buntapparatur ein und dröselt sanft in den seichten Schlummer des eigentlich Bekannten, das ihm vom wirklichen Leben vertraut scheint und hier so dumm wie dösig als Programm aufpoppt. Aus der Redaktion mit der höchsten Deppendichte kommt ein trefflicher Bericht, das Hirn an neuralgischen Punkten nachzulöchern, dass der flache Schmadder in kleckerndem Kontinuum nachrinne, um alle bis dato relevanten Inhalte zu verpappen. Kein Käse, keine Kartonage und kaum ein Kredit sind sicher vor dem dräuenden Röntgenblick der Filmchen, die scheint’s mit schwitzigen Fingern gedreht dem Konsumenten die Unterkellerung jeglichen Niveaus schmackhaft machen. Guten Abend, hier ist der Verbrauchercheck.

Stundenlang schwiemeln sich multikompetente Dackeldarsteller im Expertensprech durch Wirrnis und Abenteuer: wie lange klebt der mit Heftpflaster an die Betonwand gematschte Waschvollautomat, und wenn er fällt, dann schreit er? Hat er nach dem Totalschaden die geplante Obsoleszenz überholt oder lohnt sich die Reparatur am Hindukusch? Man kann diese Sendung nicht leiser machen, dann liefe sie gar nicht. Der Check, neudeutsch für: ein paar Bratzen lesen öffentlich eine Zutatenliste auf der Kekspackung vor, deckt die größten, geheimsten Geheimnisse auf. In Honig ist Zucker, Wasser ist nass, Tinte macht blau. Applaus für die banalsten Selbstverständlichkeiten en bloc, dramatisch zu einem epochalen TV-Event aufgepumpt.

Natürlich käme der Verbraucher selbst dahinter, dass die kleine Dose Erbsen proportional mehr kostet als die Krankenhauspackung, aber so würde sich der Sender das schöne Format verhunzen. Er vertraut darauf, dass der Verbraucher selbst nichts checkt und aus geübter Verzweiflung den Hystery Channel anknipst. Was bleibt, ist die sinnlose Dekonstruktion des Alltags: wenn man von Milch Krebs kriegt, soll man dann keine Milch mehr trinken, um weiterhin rauchen zu dürfen?

Dabei sind die Bescheidwisser nur geschminkte Hohlschwätzer, die ihr vermutungsbasiertes Viertelwissen mit Hilfe von Pseudowissenschaft und viel Brimborium aufhübschen, damit sie die Angst verbreiten können, die ihr intellektuelles Tischfeuerwerk direkt in die Gerümpelkammer der handgejagten Missverständnisse verbringt. Zum guten Schluss merkt sich der Zuschauer doch nur, dass jedes Papiertaschentuch durch die Packung aus reinem Weichmacher entsteht, der direkt in der Kalottenregion wirkt. Jedes Ei kommt aus dem Hühnergulag, jede Sonnenmilch ist Hitler, und wenn wir nicht gestorben sind, dann hat sich der Sensenmann nur um einen Tag verspätet. Der Kunde muss geschüttelt sein von Krise und Furcht, sein Herz sei ein verzagter Schlangenknoten. Wie soll man sonst mit dick aufgetragenem Vertrauen in das einzig wahre Gegenprodukt die Kohle abgreifen, die er aus ebendieser Angst in der Tasche versteckt?

Denn Verbraucherchecks sind immer nur und immer mehr dümmliches Kindertheater, das medial eine behämmertenkompatible Version von Scheinunabhängigkeit vorkaspert, während im Hintergrund die Lobby für Dosenmilch und Kreuzfahrten sich kichernd die dürren Finger knetet oder leise Zweifel aufkeimen lässt, wie viel Stroh in den Konsumentenschädel gleichzeitig rein passt. Die wirklich ernsten Themen – warum Massen geistig unausgelasteter Dumpfklumpen zum Homöopathen rennen, schamanisch linksgerührtes Informationswasser aus Vollmondabfüllung zum Preis von Druckertinte kaufen oder sich mit Aluhut und Malbuch vor der Übersäuerung durch Erdstrahlen schützen – werden nicht einmal im Ansatz berührt. Warum auch, man könnte sich in der Schicht der praktizierenden Bildungsallergiker Feinde machen, die als Zielgruppe langfristig wegbrechen. Was würde der Sender dann machen mit seiner Lebenshilfe, die den längst unmündig gelaberten Verbraucher an die Hand nimmt und ihm behutsam wieder in die Gesellschaft zurückführt, ohne ihn mit Eigenentscheidungen zu überfordern. Wir wären fürwahr um eine humanitäre Hilfe zur Daseinsbewältigung ärmer.

Und ganz nebenbei, wer checkt eigentlich den Verbraucher, der sich den Schmonzes zur besten Sendezeit reinzieht? Der Drogenbeauftragte hätte hier leichtes Spiel und fette Beute. Vielleicht sollten wir den Namen dieses Getöses einmal ernst nehmen und fragen, ob der durchschnittliche Konsument wirklich ein Blödföhn vor dem Herrn ist, der sich die Hose mit der Kneifzange anzieht. Die Antwort könnte durchaus spannend sein.

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