Ressourcenorientiert

21 04 2016

Es roch nach Sandelholz und Reinigungsmittel. Die wohlbekannten Plakate an der Wand sahen aus, als fänden hier Motivationskurse statt. Oder wenigstens Reparaturen für Motivationstrainer. Nicht einmal die Dame am Empfang interessierte sich für mich. Das also war das Institut, in dem die Innovation des Menschen stattfand.

„Minnichkeit?“ Er errötete schlagartig; nichts hatte sich geändert. In der Agentur Trends & Friends war er noch die rechte Hand von Mandy Schwidarski gewesen, die allerdings ein halbes Jahr lang keine Gehälter mehr zahlte, bevor sie von der Bildfläche verschwand. „Ich habe hier die Personalabteilung unter mir“, erklärte er mit stark gedämpftem Stolz. „Da kann ich mich endlich selbst verwirklichen. Natürlich nur im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften, Sie verstehen.“ Ich verstand. Darum ging es ihm ja.

Die Prospekte hatten mich neugierig gemacht. „Die öffentlichen Stellen sind freilich immer ein bisschen skeptisch“, erläuterte Minnichkeit, „wenn sie einen Alternativheiler oder sonst irgendeine Art von privatmedizinischer Kapazität vor sich sehen. Das Schlimmste ist noch immer das offizielle Verdikt, wissen Sie?“ Ich wusste, wie bei einem nicht genügend Eingeweihten, natürlich nur wenig, nicht zu sagen gar nichts. „Sie reden immerzu von selbst ernannten Gurus.“ Das klang auf der einen Seite schlimm, auf der anderen aber auch recht logisch. „Sie müssen zugeben“, tröstete ich, „solange es hierzulande keinen Diplom-Guru mit ordentlichem Abschluss gibt, werden die Leute sich nicht mit einem Freizeittherapeuten abgeben.“ Er strahlte. „Genau das war meine Idee!“

Das Diplom sah genau so falsch wie imposant aus; vermutlich ließ sich beides auch nicht trennen. „Hier können Sie einen anerkannten Abschluss in allen bekannten und unbekannten Heiltechniken machen, der auch anerkannt wird.“ „Von wem denn bitte“, fragte ich. „Von uns“, gab Minnichkeit wortkarg zurück. „Wir stellen das Diplom ja aus, da müsse wir auch wissen, was dafür verlangt wird.“ Es handelte sich also um eine rein privat verliehene Urkunde, die man für ein paar Monatsbeiträge bekam. „Selbstverständlich“, antwortete er. „Dafür fragen wir auch nicht nach der Ausbildung oder was Sie mit Ihrem Heilverfahren anstellen wollen. Das ist im Vergleich ein enormer Fortschritt.“

Das Programm des Instituts gab ihm recht, Mittwochs von zehn bis zwölf übten die Eleven karmisches Pendeln nach Doktor Hakamushi Schmidtbauer, Freitags jedoch Auramassage mit feinstofflicher Gymnastik; letzterer Kurs war nur zugelassen für Gottgläubige und Angehörige von Angehörigen, die das Reich der Herrenrasse noch erlebt hatten, notfalls als Eingesperrte.

„Sie brauchen einfach nur eine Methode“, erklärte Minnichkeit. „Wir bestätigen Ihnen dann, dass es sich um eine anerkannte Methode handelt, indem wir selbst sie anerkennen.“ Das leuchtete mir spontan ein, in den Wirtschaftswissenschaften wird ja größtenteils ähnlich verfahren. „Was genau haben Sie denn vor?“ „So genau weiß ich das noch gar nicht“, bekannte ich. Er war nicht unzufrieden. „Das klingt nach klientenorientierter Beratung“, stellte Minnichkeit fest, „man weiß eigentlich immer erst hinterher, was man für ihn getan hat.“

Das Prospektmaterial sah recht esoterisch aus. Es wimmelte von systemisch-ganzheitlichen Strategien, teils mit und ohne gestalttherapeutisches Malen ohne und mit Klangschalen und Ohrkerzen. „Haben Sie das schon einmal gemacht?“ Ich verneinte. „Früher wollte ich einmal Homöopathie unterrichten, aber dann wurden die Kosten fürs Leitungswasser zu hoch.“ Er notierte sich ein paar Zeilen auf seinem Personalbogen. „Könnten Sie sich vorstellen, sich auf ein Krankheitsbild zu spezialisieren?“ Ich überlegte. „Männergrippe?“ Minnichkeit machte sich wieder eine Notiz. „Das müsste gehen, der Markt ist da noch nicht so überlaufen.“

Nach kurzer Recherche breitete der ehemalige Direktionsassistent auch schon den Entwurf meines neuen Geschäfts vor mir aus. „Ich rate Ihnen zu einer ressourcenorientierten Beratung.“ „Das trifft sich gut“, stellte ich fest, „ich hätte nämlich wenig Zeit, meine Klienten alle einzeln zu untersuchen.“ Er lächelte. „Bei Männergrippe fällt das ohnehin weg, die meisten kommen bereits mit einer fertigen Diagnose zu Ihnen. Selbst ist der Mann.“ Ich betrachtete den Plan. Mir blieb dabei nur noch, darauf zu warten, bis der Kunde einigermaßen gesund war. „Mehr als ein Heilpraktiker werden Sie nicht leisten müssen, und Sie müssen nicht einmal besonders viel von der Grippe verstehen.“ „Als klientenorientierter Berater werde ich natürlich jeden Schnupfen sehr individuell behandeln – bis zu zwei Wochen lang.“

Da kam auch schon das Diplom aus dem Drucker. Minnichkeit steckte es in einen großen Umschlag. „Gratuliere“, rief er aus. „Das können Sie sich im Beratungszimmer gleich an die Wand hängen.“ Er hüstelte ein bisschen. „Trinken Sie“, riet ich ihm, „und nachts selbstverständlich strenge Bettruhe. Wenn es nicht besser wird, kommen Sie mich gerne besuchen, sobald ich die Praxis eröffnet habe.“

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3 responses

21 04 2016
Simmis Mama

^^ ; D

21 04 2016
bee

Merci!

21 04 2016
Simmis Mama

Ich habe mich aber auch wirklich schlapp gelacht 😉

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