Ordnungsliebe

4 05 2016

Minnichkeit lief rot an. „Vielleicht war das doch nicht das Richtige für mich“, stammelte er und knetete seine Finger. Nun also war er Personalchef, hatte keine Ahnung von seinem Beruf und tat das, was er dann immer tat: er rief schleunigst nach mir.

„Ich muss bis nächsten Monat drei neue Kräfte einstellen.“ Ihm lief der Schweiß den Kragen hinab. Die Unterlagen der Geschäftsführung hatten bereits feuchte Flecken. „Dabei habe ich noch nie – Sie kennen sich doch aus mit so was?“ Ich griff mir die Papiere. „Wenn Sie Stellenanzeigen meinen, dann ja. Oder wollten Sie mich etwa als Hausmeister engagieren?“ Minnichkeit sah geradezu beleidigt aus. Vielleicht wollte er mich ja auch als Vertreter für Gummimatten.

„Also wir bräuchten da einen Hausmeister“, begann er. „Gerne auch einen älteren Herrn, der die entsprechende Erfahrung mitbringt, dazu pünktlich, zuverlässig, ordentlich und…“ „Schmarrn“, ging ich dazwischen. „Sie machen das wirklich noch nicht besonders lange.“ „Merkt man das“, stöhnte der ehemalige Werbeassistent, „oder…“ „Natürlich, das kommt aus jedem Ihrer Knopflöcher. Wenn Sie Selbstverständlichkeiten wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit betonen, haben Sie sich entweder keine Gedanken über den Bewerber gemacht oder aber noch keine über die Stelle. In Ihrem Fall tippe ich auf beides.“ Er trug wirklich einen sehr engen Kragen, wenigstens passte gerade ein Finger rein. „Und was die Ordnungsliebe betrifft, die findet man meist in Betrieben, in denen es sonst auf nichts anderes ankommt. Hauptsache, die Staubflocken liegen geometrisch ausgerichtet auf dem Boden. Schlagen Sie sich das aus dem Kopf.“

Die Anforderungen der Geschäftsführung lasen sich nicht wie etwas, das einem Geschäftsführer aus dem Hirn geronnen war. „Bleistift gespitzt“, rief ich aus und setzte mich auf die Schreibtischkante, „wir versuchen es diesmal mit Ehrlichkeit. Wir suchen einen älteren, durchgehend schlecht gelaunten Ex-Handwerker, gerne mit Neigung zur Schlampigkeit und ausgeprägter Besserwisserei. Voraussetzungen sind anhaltender Nikotinkonsum, Busfahrerfrisur und partielle Schwerhörigkeit gegenüber Kollegen, die fließend in Renitenz gegen Vorgesetzte übergeht.“ Minnichkeit schluckte. „Sie glauben, dass das so durchgeht?“ Ich zeigt ihm das Blatt. „Wollen Sie mir ernsthaft erzählen, Sie suchen hier einen teamfähigen, freundlichen Mitarbeiter, der in Ihrem Laden die Wasserhähne wartet? Na also. Als nächstes?“

Einer der Buchhalter war in den Ruhestand gegangen, Ersatz musste her. „Erfahrung sollte er schon mitbringen“, betonte Minnichkeit. „Eine stressfeste und besonders versierte Allroundkraft für den…“ Fast hätte ich ihm den Mund zugehalten. „Also einen schmerzbefreiten Vollidioten, der in schöner Regelmäßigkeit das Chaos in Ihrer Bude beseitigt, während die Geschäftsführung keinen blassen Schimmer hat.“ „Selbstständige sorgfältige Arbeit ist aber auch…“ „Was“, antwortete ich mit drohendem Unterton, „hatte ich Ihnen gesagt über Ordnung und Sorgfalt? Wenn er den Beruf erlernt hat, sollte er von alleine wissen, was er mit den Belegen anfängt. Mehr kommt bei Ihnen ja auch nicht herum.“ Seinen Protest würgte ich ab. „Wenn Sie schon von selbstständiger Arbeit reden, dann heißt das bei Ihnen sicherlich, dass der Chef ihm die Papiere auf den Tisch schmeißt und sich nicht darum schert, was damit passiert. Für Flexibilität schreiben Sie am besten rein, dass er sich selbst beibringen kann, wie Ihre Firma arbeitet, weil es ihm keiner zeigen wird. Warum auch, es interessiert nämlich keinen, ob es sie in einem Monat noch gibt.“ Immerhin schrieb Minnichkeit mit. Es war nicht alles schlecht.

„Und dann diesen Außendienstler“, erinnerte er mich. „Gummimatten?“ „Ich weiß nicht“, stotterte er, „das muss hier irgendwo stehen.“ „Dann ist es nicht wichtig, oder?“ Auf dem Papier war von Reisebereitschaft und unternehmerischem Denken die Rede. „Wir suchen also einen alleinstehenden Masochisten, der sein eigenes Auto für die Firma mitbringt und sieben Tage die Woche in schäbigen Hotels übernachtet, die Kunden über den Tisch zieht und sich nur blicken lässt, wenn ihm die Formulare ausgehen. Gehaltsvorstellungen?“ „Bei uns immer sehr attraktiv“, beeilte sich Minnichkeit. „Also für die Firma und nicht für den Angestellten, merken Sie sich das. Da kann man aber auch erwarten bei einem belastbaren Mitarbeiter – wie viele Überstunden machen Sie täglich?“ „Ich weiß nicht“, überlegte er. „Ist das denn wichtig?“ Jetzt tat er mir fast ein wenig leid, aber das Business ist nun einmal hart. „Mein Lieber, Sie werden einen hervorragenden Mann kriegen, leider eignet er sich nicht für die Stelle. Aber mit etwas Glück können Sie ihn hinterher als Hausmeister aufbrauchen. Oder Sie schreiben, dass Sie ein innovatives Unternehmen sind. Dann kriegen Sie wenigstens jemanden, der sich gerne in Erdbebengebieten aufhält und anderen beim Scheitern zusieht. Noch was?“ Minnichkeit nestelte an seiner Krawatte. „Ich weiß nicht“, flüsterte er heiser, „vielleicht noch eine Anzeige für einen neuen Personalchef?“

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