Lieb Vaterland

5 05 2016

„Jetzt ziehen Sie hier nicht so einen Flunsch, ich mache die Gesetze nicht. Sie haben der Einladung zum Gespräch zweimal nicht Folge geleistet, da musste ich Sie von der Polizei vorführen lassen. Da habe ich keinen Spielraum.

Gut, dann bräuchte ich den Ausweis. Geboren am zehnten Juli in – ach, meine Schwägerin auch. Na egal, das hilft Ihnen jetzt auch nichts mehr. Sie haben sich das selbst zuzuschreiben. Über fünfzig und länger als drei Monate arbeitslos, das gibt es laut offizieller Statistik gar nicht, und dabei soll’s ja auch bleiben. Also mitten rein, was nehmen wir denn heute mal? Der Bundestag und der Bundesrat gehören zur Exekutive, Legislative, Direktive oder Judikative? Was fragen Sie mich, ich muss das nicht wissen. Ich bin auch über fünfzig, aber ich bin Beamter. Also keine Antwort? Nicht mein Bier.

Na, weiter. Die Bundeswehr ist was: die deutsche Polizei, ein deutscher Hafen, eine deutsche Bürgerinitiative oder die deutsche Armee? Falsch. Hier sind zwei Antworten richtig. Armee und Polizei. Jetzt diskutieren Sie hier nicht in der Gegend herum, das ist faktisch so. Das hat in den letzten Jahren jeder Bundesinnenminister so gesagt, darum ist das richtig, und das wird früher oder später sowieso der Fall sein, und wir machen das ja nicht für heute und morgen, wir wollen ja den Staat und seine Ordnung abfragen, wie er sich in der Zukunft gestaltet. Möglicherweise für längere Zeit.

Ich bin mal ein bisschen nett, ich nehme mal ein paar Fragen aus dem anderen Bereich. Nee, Sport haben wir nicht. Das ist nicht wichtig, bis auf die Fußball-Weltmeisterschaften, aber das heißt heute ja FIFA-WM, also ist das keine deutsche Frage mehr. Wobei, deutsche Frage – nee, das ist wohl auch nicht Ihr Ding. Na gut, was ist denn in Deutschland ein Brauch zu Weihnachten: bunte Eier verstecken, einen Tannenbaum schmücken, sich mit Masken und Kostümen verkleiden oder Kürbisse vor die Tür stellen? Ja, Sie wohnen in Sachsen, das ist aber kein Entschuldigungsgrund dafür, dass Ihnen die religiösen Gebräuche des deutschen Volkes in ihren Grundzügen nicht bekannt sind. Nein, jetzt nicht in Ihren Grundzügen, sondern – obwohl, eigentlich das doch – ach, egal.

Wann beginnt die gesetzliche Nachtruhe in Deutschland: wenn die Sonne untergeht, wenn die Nachbarn schlafen gehen, um Mitternacht, um 22 Uhr? Wenn der Hauswart gegen Ihre Etagentür tritt, was soll ich denn damit anfangen? Das ist immer so gegen halb acht, dann hat er schon eine halbe Pulle Korn im Schädel? Das ist doch keine Vorschrift, Mann, hier geht’s doch nicht um irgendwelche flexibel anwendbaren Lebensgewohnheiten, wir sind hier in Deutschland! Wenn ich nachts um zehn um Ihr Haus herumschleiche und mich stört der Fernseher, dann kommen erstmal die Jungs vom Traditionsverein Schirmmütze vorbei, und wenn Sie Glück haben, kriegen Sie gleich noch eine Nacht gratis im UG, klar!?

Aber hier, das ist schön. Die mag ich, die Frage. Eine Frau in Deutschland verliert ihre Arbeit. Was darf nicht der Grund für ihre Entlassung sein: die Frau ist lange krank und arbeitsunfähig, sie kam oft zu spät zur Arbeit, sie erledigt private Sachen während der Arbeitszeit oder die Frau bekommt ein Kind und ihr Chef weiß das? Meine Fresse, Sie sind ja wirklich dümmer als ein Sack Nüsse! Das ist scheißegal, wenn ich die blöde Kuh vor die Tür setzen will, dann mache ich das in Deutschland! Dann warte ich eben auch mal darauf, dass sie lange krank ist, und wenn nicht, dann sorge ich dafür, dass die Alte krank ist! Was sind Sie denn für ein Heini, schickt Sie der DGB oder die Komsomolzen? Das ist ja unerträglich!

Was sollten Sie tun, wenn Sie von Ihrem Ansprechpartner in einer deutschen Behörde schlecht behandelt werden: Sie können nichts tun, Sie müssen sich die Behandlung gefallen lassen, Sie drohen der Person oder Sie können sich beim Behördenleiter beschweren? Na? Ach kommen Sie, das ist doch nun wirklich nicht schwer! Jetzt denken Sie mal scharf nach! Sie können nichts tun? Falsch, das heißt: nur halb richtig. In erster Linie werden Sie die Klappe halten. In einer deutschen Behörde können Sie sich gerne über alles beschweren, Sie müssen nur zwei Dinge wissen. Wir sitzen grundsätzlich am längeren Hebel, und die Konsequenzen baden Sie aus. Kapiert!?

Der 27. Januar ist in Deutschland ein offizieller Gedenktag, woran erinnert er: an das Ende des Zweiten Weltkrieges, an die Verabschiedung des Grundgesetzes, an die Wiedervereinigung Deutschlands oder an die Opfer des Nationalsozialismus? Tja, Pech. Aber trösten Sie sich, das weiß keiner. Durchfallquote 100 Prozent. Es soll eben auch nicht nur Ihnen Spaß machen.

Ja, ich bin gleich fertig mit Ihnen, nur noch dies hier. Warum gibt es in einer Demokratie mehr als eine Partei: weil dadurch die unterschiedlichen Meinungen der Bürger vertreten werden, damit die Bestechung in der Politik begrenzt wird, um politische Demonstrationen zu verhindern oder um wirtschaftlichen Wettbewerb anzuregen? Auch falsch. Wieder zwei Antworten, der wirtschaftliche Wettbewerbe soll natürlich dafür sorgen, dass mehr als eine Partei mit Spendengeldern versorgt wird. So dick haben es die Konzerne auch nicht mehr, dass sie den ganzen Bundestag kaufen können.

Dann hätten wir das also geschafft. Natürlich, ganz klarer Fall, da muss ich nicht einmal eine Ermessensentscheidung treffen. Stempel, fertig, und hier ist Ihr Ausbürgerungsbescheid. Abschiebung übermorgen, vier Uhr dreißig, seien Sie gefälligst pünktlich, die Kollegen haben etwas Besseres zu tun, als auf Sie zu warten. Meine Güte, was pflaumen Sie denn mich an? Dass Ihre Familie seit dreihundert Jahren in Sachsen lebt, das ist mir doch wurst – wenn Sie uns auf der Tasche liegen und dazu noch so ein miserabler Untertan sind, was fangen wir dann mit Ihnen an? Sie kennen doch das Motto unserer neuen Regierung: wen Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!“

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