Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXXIX): Der Beginn der Freiluftsaison

6 05 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Manchmal dauerte es ein paar Tage länger, aber irgendwann war das Eis immer weg. Rrt stapfte durch den Matsch, holte ein Flughörnchen vom Baum und betrachtete die bröckelnde Kruste unter dem Winterfell. Seufzend schälte er sich aus dem wärmenden Wams, stieg in den gerade eben nicht mehr gefrorenen Tümpel und stolperte schnatternd in die Höhle zurück. Vorwitzige Blüten säumten seinen Weg, doch er hatte jetzt kein Auge dafür. Erst den Bauch auf Betriebstemperatur bringen, dann Blumen pflücken für die Alte. Er kannte diese Frühlingsgefühle und konnte mit ihnen umgehen. Es war nicht die erste Freiluftsaison, die er hatte anbrechen sehen.

Leider wiederholt sich das Spektakel ständig, und nichts daran wird je besser. Was an Hüften und Schenkeln aus winterlicher Anzucht hängt, drängt ins Freie, und das vermutlich nur, um Musen und Grazien den Garaus zu machen. Aus Wohnsilage und Plattenbau quillt Bevölkerung, wälzt sich als amorphe Masse zur Landschaftsbeleidigung in die geschundene Natur, feiert die Tatsache, dass keiner sie bisher tot gekriegt hat. Wo immer Floras Grün wimmert, nicht fern ist die Bindegewebsschwäche, wie sie gletschergleich Kieswege aufschlurft, die ersten Knospen wieder in die Erde trampelt und den gefiederten Freunden den Spaß an der Evolution vergällt. Gut, sagt sich die Amsel, dass ich nicht so eine Vollmeise habe.

Auch die gesetzlichen Grundlagen dieser Welt zeigen ab und an Funktionstauglichkeit – den Drang, das Körperfett durch leopardenbedruckte Engpellen in geometrisch einfach zu berechnenden Rundformen zu halten, die bei normalem Schwung nicht die Erdrotation ins Torkeln bringen, hat dem gemeinen Bekloppten zum Glück die allgemeine Sittlichkeit ins Hirn geschwiemelt, wenngleich der Unterschied nur gradueller Art ist: ein öffentliches Ärgernis ersetzt das andere. Je nach modischem Mut, der immer wieder grassierenden Psychose der unteren Intelligenzschichten, pfropfen sich Deppen in Warnfarben, die Insekten und andere zart gebaute Teilnehmer am ökologischen Miteinander in eine posttraumatische Belastungsstörung peitschen. Wer einen Grund für das Bienensterben sucht, hier wird er schnell fündig.

Wie frisch aus dem Ei geschlüpft wächst auch das Männchen in ballonseidene Trainingsanzüge hinein und martert seine Mitmenschen mit Socken und Sandalen – jene seltene Gnade, wenn tatsächlich Socken im Spiel sind, weiß der zu preisen, der die mühsam durch den Frost gebrachten Schäden im Vorderfußbereich jetzt ohne textiles Tarnung erblickt. Er kostet Menschenleben, und nicht jeder, der Stalingrad wegen des gesunden Reizklimas zu schätzen gewusst hat, steht diese Szenerie durch.

Dergestalt tsunamiert der Bescheuerte im Rudel umher, dass die öffentlichen Anlagen davon ihren Teil abkriegen. Alles erwacht und rüstet sich aufs Neue. Endlich blüht wieder die Bierdose am Wegesrand, Folienverpackungen sprießen und die gemeine Zigarettenkippe ergänzt die Fauna. Auf der Halde stapelt sich Buntmetall, und leise träumt schon der Stadtpark von Wildgrillern im August, die den größten Teil der Kalorien, verdaut oder nicht, im Gebüsch wieder entsorgen. Ein halbes Jahr lang hat der Beknackte darauf gewartet, seine Verhaltensauffälligkeit im Vollrausch keimender Emotionen zu zelebrieren, jetzt weiß sich der Hominide im Ausbruch der Hormone. Die ganze Widerwärtigkeit nimmt seinen Lauf.

Noch knarzt die Gelenkpfanne beim Stemmen des Maßkrugs, doch unerschrocken bembelt sich das Torfschädel einen Liter nach dem anderen am Zäpfchen vorbei, als hätte der mutig in Waschbeton gefasste Stadtteil seit Monaten trainiert, eine Rotte Dummklumpen bei der aktiven Selbstvernichtung moralisch zu unterstützen. Dass dies nichts nützt, bemerkt der Beobachter, der noch vom Vorjahr übriggeblieben war, wenn er die toxikologisch Abgehärteten beim erneuten Versuch sieht, sich die Synapsen in Gelee zu legen: der intellektuelle Input seitens der ästhetisch Benachteiligten, wie sie auf Knien durch die laue Frühlingsnacht rutschen, ist selbst unter physikalischen Gesichtspunkten sofort vernachlässigbar, dafür hält sich der Output formal wie qualitativ in ebenso engen Grenzen. Trifft dabei Beton auf das geistige Äquivalent, hat die Sache wenigstens einen Nutzen, und sei er bloß gezielte Selektion im überschwappenden Genpool.

Postmoderne Bebauungspläne greifen glatt zum Äußersten und legen fußläufig erreichbar für teures Geld die nächste Flaniermeile an, wo sich die Eingeborenen gegenseitig mit den frei verfügbaren Aggregatzuständen ästhetischen Terrors in die drohende Embolie treiben können. Ein Schock jagt den nächsten, die Trümmerfrauen des schlechten Geschmacks schlucken noch einmal sauer herunter, um dann aus Angst vor körperlicher Bedrohung wieder in die Höhle zu kriechen, bis die Sache ausgestanden ist. Viel hat sich tatsächlich nicht geändert seit damals. Nur die Hoffnung hat sich festgesetzt, dass es doch irgendwann vorbei sein könnte. Vielleicht nächstes Jahr.

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