Trolle

11 05 2016

Den ersten bemerkte ich schon an der Tür. „Diese verdammten Ausländer“, krähte er und sog hastig an seiner Zigarette. „Die bleiben nicht mal stehen, wenn die Ampel rot ist, die gehen einfach rüber – und an die Kinder denkt natürlich mal wieder keiner!“ Da kam der Leiter aus dem Gebäude. „Mustermann“, sagte er knapp, „wir hatten gestern telefoniert. Kommen Sie.“

Es sah aus wie in jedem anderen Großraumbüro. Die Männer, es waren in der Tat ausschließlich Männer, saßen an langen Tischen und hackten in die Tastatur. Ab und an erläuterte einer der beiden Lehrer den Schülern etwas, dann schritt er weiter durch die Reihen. „Unser Konzept beruht auf praxisnahem Lernen“, erläuterte Mustermann. „Das Berufsbild ist ja noch jung, deshalb lassen wir den Nachwuchskräften genug Freiraum, um sich ganz selbstständig zu entfalten.“ In diesem Haus wurde auf Kreativität größter Wert gelegt, das merkte man. Etwa in der Beurteilung der politischen Lage.

„Die Flüchtlinge kriegen als Begrüßung alle zehntausend Euro, die lassen sich jeden Tag wieder an der Grenze registrieren!“ Der Eleve war noch recht unerfahren, machte aber schon Fortschritte. „Er hat schon die wesentlichen Dinge verinnerlicht, als da wären: eine haltlose Verschwörungstheorie, die keiner ernst nimmt, eine sich widersprechende Folgerung, insgesamt also Blödsinn, der sich mit wenigen Mitteln widerlegen ließe. Sehr gut!“ Der Leiter klopfte dem angehenden Diplom-Troll auf die Schulter. „Es ist aber doch noch ziemlich grob gestrickt“, bemängelte ich. „Beispielsweise die Sache mit dem Begrüßungsgeld.“ Mustermann sah den Schüler aufmunternd an. „Haben Sie schon einmal einen gebildeten Bürge davon reden hören?“ Ich verneinte. „Sehen Sie“, triumphierte er, „dann ist das der Beweis, dass man das in diesem Land gar nicht mehr sagen darf!“ „Aber wenn sich die Flüchtlinge angeblich jeden Tag neu registrieren lassen, dann müssten die Zahlen ansteigen, obwohl sie hinterher wieder verschwinden.“ Mustermann wollte schon einspringen, aber der Schüler war schneller. „Haben Sie nicht von den vielen Leuten gehört, die kurz nach ihrer Ankunft schon wieder verschwunden sind?“

„Der gemeine Troll ist aus den Medien gar nicht mehr wegzudenken“, befand Mustermann. „Je mehr die Digitalisierung voranschreitet, desto mehr Fachkräfte werden auch benötigt, und wir geben den Schülern das Grundlagenwissen, um sich zu entwickeln.“ „Welche Aufnahmekriterien haben Sie denn“, fragte ich. „Keine formalen, wenn Sie das meinen – auch Quereinsteiger sind bei uns stets willkommen. Aber wir haben eine Prüfung, um die am besten geeigneten Schüler zu gewinnen. Sie können sich die Unterlagen gerne anschauen.“ Das tat ich, und es erstaunte mich nicht wenig. „Man muss bei Ihnen eine Menge politischer Bildung und psychologische Kenntnisse mitbringen“, stellte ich fest. Mustermann nickte. „Richtig, eine frühzeitige Spezialisierung auf ein Thema wie Wirtschaft oder Soziologie wird angestrebt, da sollten Sie schon ein gewisses Faktenwissen besitzen.“ Genau das verstand ich nicht. „Der Trollschüler hier schreibt beispielsweise gerade, die USA hätten Israel das Patent für Chemtrails abgekauft und würden ein multinationalen Unternehmen zur Vergiftung der Deutschen betreiben.“ „Das ist korrekt“, gab er zurück. „Sie müssen allerdings, weil Sie es unter Umständen mit Fachleuten zu tun bekommen, schon ein bisschen mehr von der Materie verstehen. Mittelstufenphysik reicht nicht aus. Damit können Sie nur beweisen, dass diese Giftgasgeschichten völliger Blödsinn sind.“ Ich begann zu begreifen.

Einige waren im dritten Jahr, sie schrieben ganz frei und ohne Anleitung. „Für mein Diplom bin ich gerade mit der Verbindung von Negativzinsen und Freimaurerei beschäftigt“, informierte mich der junge Mann. „Ich möchte herausfinden, ob sich die Stereotype heute noch reaktivieren lassen, und wenn ja, ob sie automatisch mit antisemitischen Bestandteilen kombiniert werden.“ „Sie sehen“, sprach Mustermann nicht ohne Stolz, „wir haben als Bildungsinstitution durchaus hohe Ziele, die eine große Karriere in den Medien garantieren.“ „Funktioniert das denn?“ „Man muss schon auf den richtigen Seiten kommentieren“, antwortete der Schüler. „Ab einem gewissen Bildungsniveau glauben die Leser zwar auch alles, aber sie haben erheblich mehr Hintergrundwissen.“

Die Absolventenzahlen waren beeindruckend. „Jetzt müssen Sie mir aber verraten, was Ihre Diplom-Trolle später machen.“ Mustermann faltete die Hände. „Sie locken Leser an.“ Ich stutzte. „Doch“, bekräftigte er, „sie locken Leser an, sprich: Werbekunden. Je öfter Sie einen Artikel aufrufen, weil Sie sich in der Kommentarspalte über irgendeinen Vollidioten ärgern, desto öfter erscheint Ihnen die Werbung. Oder Sie lesen noch etwas anderes, kaufen eins der Verlagsangebote – Umsatz, mein Lieber. Umsatz!“ Ich war verblüfft. „Dann sind diese kleinen Kläffer nichts als ein perfides Marketinginstrument?“ Er nickte. „Ja, Sie haben es verstanden. Das kommt für viele sehr überraschend, aber so ist es tatsächlich.“ „Aber“, wandte ich ein, „so viele Stellen gibt’s ja gar nicht, wenn man diese Trollerei hauptberuflich ausüben will. Was machen denn die anderen?“ Er zuckte mit den Schultern. „Der Rest schreibt halt Leitartikel für Springer. Oder dachten Sie, die entstehen von selbst?“

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2 responses

11 05 2016
Hermione

Harte Liebe für diesen Beitrag! ❤

11 05 2016
bee

Ha! es gibt noch Anerkennung, wenn man sich mit einem Zahnstocher bewaffnet ins Fegefeuer traut 😉

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