Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXXX): Selbstoptimierer

13 05 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da keuchen sie die Treppen hoch. Da kauen sie maue Körner. Da schnallen sie sich blinkenden, fiependen Elektroschrott um die Handgelenke. Sie werden immer besser, schneller, höher, breiter und was sich sonst noch steigern ließe. Da biegen sie ihr verbliebenes Rückgrat, bis es knirschend aufgibt. Die Selbstoptimierer haben ihr Ziel erreicht.

Schnöde neue Welt, die solche Bürger hat: manisch-repressive Technikfetischisten, die sich von allerhand Spielwerk vorgaukeln lassen, sie hätten ihr Leben erst im Griff, wenn sie es bis in die vegetativen Feinheiten kontrollieren könnten. Dies allein birgt zwei Fehler; einerseits ist es kein Leben, was da an Existenz schlaff an ihnen herabhängt, andererseits hat es längst sie im Griff, und zwar mit der Eisenkralle. Denn die Leistungsgesellschaft, von neoliberalen Marionetten für eine Pseudoelite entwickelt, sie nimmt die verbiesterte Konkurrenz des Arbeitslebens nur als Sprungbrett, um das ganze Dasein in ein elendes Rattenrennen umzumodeln. Mein Haus, mein Auto, die Reste meines Liftings, wer nicht ständig die höhere Karte ausspielen kann, verliert automatisch. Der Wettbewerb zwingt zur permanenten Verbesserung scheinbar relevanter Ziele, wobei uns deren Relevanz nicht erst groß eingeredet werden muss; wir sind austrainierte Konsumsubjekte, präventiv durch den drohenden Abstieg ins Bedeutungsprekariat vorgeweicht, wir wissen: die Demütigung wartet an der nächsten Straßenecke.

Und das wirkt. Um der Erniedrigung, ja ihrer Gefahr zu entgehen, schafft sich der Bekloppte eine Ersatzbefriedigung, die er sich nicht nehmen lassen kann. Er optimiert sich selbst, indem er den Zwang zur Veränderung internalisiert – stets getreu dem konditionierten Bewusstsein, dass nur er für sein Scheitern verantwortlich ist. Schließ Freundschaft mit der Psychose, Du bist nie mehr allein. Schraub an Dir selbst herum, manipulier Dich innerhalb und außerhalb Deiner Möglichkeiten, sportlich, körperlich, gesundheitlich oder auch nur subjektiv. Dafür wird Dir Dein Ding an der Marmel beharrlich ins Bewusstsein rufen, dass der Drang kein Ziel hat und auch nie eins erreichen wird. Willkommen am Fuß des Berges. Hier ist Dein Stein.

Und schon findet sich der Beknackte wieder in einer Beschäftigungstherapie für Realitätsallergiker. Er vermeidet böse Fette und läuft jeden Tag zehn Kilometer, hat einen sozialverträglichen Ruhepuls und unauffällige Ausscheidungen, und er begreift langsam, dass seine Gehirnwäsche nur ein Kampf ist gegen das internalisierte Ich, das als Scheingegner aufgeblasen wird, während sein Arbeitslager zur Funktionstüchtigkeit gerade die Aufzucht und Hege des inneren Schweinehundes erfordert, weil man sich beim Wettrennen gegen die Uhr nicht genügend unterjochen lässt. Der Feind bleibt in Reichweite und wird einem immer wieder eine reinhauen, es blüht psychosomatischer Suizid auf Raten, und wer würde sich das nicht wünschen?

Egal welche Verrenkungen sich der Bescheuerte aus der Rübe rattert im Narzissmus der Askese, der sogar Schlaf zum Wettbewerb verkommen lässt, die hysterische Beobachtung, Aufzeichnung und Auswertung physiologischer Zustände hinter der Vorspiegelung, medizinische Unfehlbarkeit zu erreichen, alles das schwiemelt lediglich das traurige Szenario eines Windmühlenkampfes zusammen, da nichts den Abbau und die finale Sterblichkeit aus dem Weg räumen kann. Die so gut wie eine fortwährende Beichthandlung ins Fleisch sägende Biopsie verursacht denselben Schmerz, den sich mancher mit der Rasierklinge zufügt, um noch Lebenszeichen zu verspüren – es hinterlässt sichtbare Spuren, aber keine dauernde Wirkung. Schon gar keine positive. Etwaig subjektive Verbesserungen sind indes nicht nachweisbar, doch sie nähren über Bande den nagenden Zweifel an der Ehrlichkeit und bilden die Grundlage für ein perpetuierendes Schuldgefühl, das der abgerichtete Depp braucht, um in seiner Rolle als kapitalistisch funktionierender Mitläufer den Börsenwert einer anderen Gesellschaftsschicht zu stabilisieren. Die Botschaft hört er wohl: beweg Dich, und zwar aus eigenem Antrieb und in die vorgeschriebene Richtung. Denn Optimierung macht frei.

Dabei war der Freie nie mehr Sklave, als wenn er sich die eigene Kette ums Handgelenk legte. Erst seine Gewöhnung an die Rundum-sorglos-Überwachung gab ihm wieder das Gefühl zurück, Herr zu sein über das letzte verbleibende Eigentum, in das sich keiner einzumischen hatte, nämlich seinen Leib und seine körperliche Unversehrtheit. Noch teilt ihm eine App mit, dass er in den letzten vierundzwanzig Stunden eher keinen nervösen Zusammenbruch erlitten hat – die Blutzuckerwerte sind da unbestechlich – aber es ist eine Frage, ob es ihm bald noch die App mitteilt. Eine andere, ob die App es nur ihm mitteilt. So wie er am Leben hängt, nicht wissend, ob sein Leben von ihm abhängt. Oder von ganz, ganz anderen Dingen.

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