Allzeit bereit

18 05 2016

„Aber möglich wäre das schon!“ Er piekste mit der Rosenschere mittelgroße Löcher in die Luft, dann knipste er eine Blüte ab und noch eine. „Sie müssen mal die Nachrichten verfolgen – allein, was die da alles nicht sagen, das ist doch verdächtig!“ Herr Breschke zupfte noch ein bisschen am Rosenstock. Sicherlich hatte ihn der Klimawandel, den es gar nicht gab, so klein bleiben lassen.

Ein lauer Wind hauchte durch den Garten. Der Rhododendron trug dicke Knospen, doch hatte er sich bisher geweigert, der Jahreszeit nachzugeben. „Sonst blüht er immer“, seufzte der Alte. „Wenn das mit den Atomkraftwerken so weitergeht, dann kann ich bald auch das Apfelbäumchen umholzen.“ Ich hatte ihn nicht verstanden. „Da kommt doch so eine Wärme raus“, erklärte er, „die Behörden haben bereits Tabletten verteilt, vermutlich gegen den Sonnenbrand – das beschädigt die Vegetation, und ich kann meinen Garten bald ganz planieren!“ Er war, was logisches Denken angeht, noch nie von ausufernder Kenntnis gewesen, doch das ließ mich an seinem Verstand zweifeln. „Wenn den Pflanzen auf einmal zu warm wird“, mutmaßte ich, „warum treiben sie dann nicht eher aus? Liegt das hier nicht an den vergangenen Wochen mit Eis und Schnee?“ Breschke verzog keine Miene. „Dann ist das sicher so etwas Homöopathologisches“, murrte er. „Das bewirkt dann das Gegenteil, wegen der Luftschicht oben drüber. Oder irgendwas in die Richtung.“

Während der pensionierte Finanzbeamte die Rasenkante akribisch genau auszupfte, schnürte Bismarck die Terrasse entlang. „Nicht einmal auf den Hund ist noch Verlass“, klagte er. „Man sagt doch, dass Tiere ein besonders feines Gespür haben für Katastrophen, aber er verhält sich überhaupt nicht anders als sonst.“ Ich blickte ihn über den Rand meiner Brille hinweg an. „Das sollte einem zu denken geben“, sagte ich mit grabestiefer Stimme. „Wenn die sogar Tiere in Sicherheit wiegen können, was sollen dann erst wir davon halten?“ Breschke schüttelte sich wie von einem jähen Frostanfall gepackt. Die Lage war offensichtlich aussichtslos. Aber nicht ernst.

„Wenn jetzt nämlich der Goldpreis noch fällt, und dann gibt es sicher noch mehr Bombenattentate überall, und weil ja die Wirbelstürme, die über den Atlantik kommen, also kurz: es wird schlimmer!“ Er japste nach Luft. Kein Wunder, dass der Dackel nicht mehr mit ihm über die Zukunft rede wollte. „Aber ich habe vorgesorgt.“ Diese leise Ahnung des Triumphs in seiner Stimme beunruhigte mich. „Sie kennen mich!“ Es bestand kein Zweifel, wir waren beide am Rand einer grandiosen Schnapsidee. Also eigentlich alles wie immer.

Horst Breschke knipste das Licht an. „Kopf einziehen“, klang es dumpf durch den Gang. „Da wollte ich schon längst einmal aufräumen, der alte Kohlenkeller wird ja schon seit Jahren nicht mehr benutzt, und jetzt habe ich diese Stellagen rings um die Wände aufgebaut – dreißig Zentimeter tief, deckenhoch, da passt eine Menge rein.“ Tatsächlich erblickte ich im Schein der trüben Funzel eine enorme Front flacher Konservendosen. „Das wären dann sechs Meter fünfzig, Tür schon abgezogen, auf sieben Böden, mal dreißig Zentimeter.“ Ich griff in eins der Regale und zog eine Büchse heraus. Sie enthielt feinste Dosenwurst. Vermutlich hatte er die Heeresbestände von Wallensteins Fußtruppen mit Mengenrabatt aufgekauft. „Meine Tochter hat da“, begann er, und mehr musste man nicht wissen.

Breschkes Tochter reiste um die Welt und besorgte aus libanesischer Quelle echt chinesisches Porzellan, das von einem Afrokubaner aus Seattle importiert wurde, wie man unschwer am Aufdruck Made in Deutshlant feststellen konnte. Was sie nicht von ihren Reisen mitbrachte, erstand sie kostengünstig im Internet, meist in größeren Mengen, so dass nach einer Lieferung Zahnstocher der Nachbau des Petersdoms im Maßstab 1:1 drei Fehlversuche vertrug, bevor die letzte Packung leer war. Auch hier hatte sie ohne Auftrag die Geschäfte geführt. „Gute Wahl“, bestätigte ich, „sehr gute Wahl. Ihre Gattin mag Dosenwurst offenbar auch so gerne wie Sie.“ Er nickte vorsichtig. „Dann wird es sie sicher auch nicht stören, dass das Zeug 1998 abgelaufen ist.“ „Aber es sind doch Konserven“, begehrte Breschke auf. „Ich vergaß“, antwortete ich mit einem leisen Lächeln. „Aber nur für den Fall, dass Sie aus diesem luftdichten Keller – er ist doch luftdicht? – noch einmal rausmüssen, haben Sie auch an Trinkwasser gedacht?“ Sein Blick wurde ein bisschen glasig, doch er hatte den Türstock noch fest im Griff. „Und, ganz wichtig: besorgen Sie sich mindestens einen Ersatzdosenöffner, sonst nützen Ihnen diese ganzen Wurstdosen nichts mehr.“ Ich sah mich um. Ein paar kleine Kisten lagerten auf dem Boden in der Raummitte, man würde auf ihnen schon ein paar Wochen sitzen können, bis die Wurst verzehrt war. Ich wandte mich zum Gehen. „Ach“, fiel mir ein, „was bekommt eigentlich Bismarck?“

Der Dackel kam geräuschvoll durch die Hecke gekrochen, direkt aus Gabelsteins Garten, wo er im Tulpenbeet einen der bemerkenswert hässlichen Gartenzwerge hingerichtet hatte. Gemütlich tapste er über die Terrasse, erklomm die aufgemauerte Treppe zum hinteren Anbau und verschwand im Haus. Wenigstens einer, der den Anschein der bürgerlichen Normalität noch aufrecht erhielt.

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2 responses

19 05 2016
lamiacucina

Ersatzdosenöffner! Ich muss mir dringend einen Notzapfenzieher beschaffen für den Weinkeller. Wie ich das bloss vergessen konnte.

19 05 2016
bee

Ich will nicht meckern, aber ohne die bekannte Käsehobelmaschine aus dem Hause L. wird das doch nichts.

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