Wo der Hammer hängt

19 05 2016

„Meine Fresse, jetzt seien Sie doch mal tolerant!“ „Tolerant, tolerant – ich will aber nicht tolerant sein, verstehen Sie das? Mit Toleranz fängt es doch an, dass man sich vom Gegner schwächen lässt und dann…“ „Gegner? schwächen? Sagen Sie mal, was für eine Matschbirne sind denn Sie!?“

„Und wenn Sie sich auf den Kopf stellen, ich werde diese Religion nicht annehmen. Die haben ja nicht einmal einen richtigen Gott, das sind doch alles Ungläubige!“ „Hören Sie sich anfallsweise auch mal selbst zu, wenn Sie reden? Ist das nun eine andere Religion, oder sind die alle ungläubig?“ „Keine Ahnung, ich habe mich mit denen auch noch nicht beschäftigt. Die sollen hier einfach nur noch verschwinden! Weg mit denen, die haben hier nichts zu suchen!“ „Entschuldigung, aber die leben hier.“ „Das ist mir scheißegal, dann sollen die eben woanders hinwandern, die Welt ist groß genug – hier wohnen die jedenfalls nicht!“ „Tun sie doch schon.“ „Ich will aber nicht, dass die hier wohnen!“

„Ich verstehe ja, dass Sie noch ein bisschen fremdeln, schließlich ist das eine Religion, die es erst seit wenigen Jahrhunderten…“ „Meinetwegen kann die älter als unsere sein, ich will einfach nicht, dass dieser komische Kult sich hier ausbreitet. Das halt nämlich etwas mit unserer Geschichte zu tun, mit Überlieferung, mit…“ „Die feiern andere Feste, ja, aber überlegen Sie mal: diese Leute leben hier vielleicht fünfzig oder hundert Jahre…“ „Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ich so lange zugucke, bis dieses Pack uns hier überrannt hat?“ „… und dann werden die sich anpassen. Die werden sich einfach assimilieren, unsere Sitten und Gebräuche annehmen, wenigstens zum größten Teil, und dann sind sie ein ganz normaler Teil unserer Bevölkerung.“ „Jaja, Bevölkerung, das heißt Volk, verstehen Sie? Volk heißt das, und die werden niemals zu uns gehören! Die gehören nicht hierher, und das ist mein letztes Wort!“

„Haben Sie eigentlich eine Ahnung, wo unsere Sitten und Gebräuche so herkommen?“ „Wie, die waren immer schon da.“ „Aber irgendwann müssen die doch auch mal entstanden sein.“ „Belästigen Sie mich jetzt gefälligst nicht mit Ihren philosophischen Grundsatzdiskussionen, ich habe meine Meinung!“ „Würden Sie sich eigentlich als religiös bezeichnen oder eher als weltlich orientiert?“ „Was soll das denn nun schon wieder? Muss man jetzt dreimal am Tag auf den Knien herumrutschen, damit Sie einen als offiziell akkreditierten Heiligen ansehen?“ „Ihre Totschlagrhetorik können Sie sich jedenfalls auch in eine Körperöffnung nach Wahl stecken.“ „Ich muss doch bitten!“ „Ach, ist doch wahr! Ihr total unreflektierter Alltagsglaube, mit dem wollen Sie ernsthaft einen religions- und kulturhistorischen Disput bestreiten, wer in einer Gesellschaft welche Rechte beanspruchen darf?“ „Noch mal, ich lasse mir keine Gutmenschenmeinung aufoktroyieren, das lehne ich ab!“ „Mehr als unreflektiertes Getöse ist bei Ihnen nicht zu holen, ich geb’s auf.“

„Dann sage jetzt ich Ihnen mal was.“ „Ganz ehrlich? ich kann darauf verzichten.“ „Mir egal, da müssen Sie jetzt durch. Jetzt werde ich Ihnen mal beibringen, wo der Hammer hängt.“ „Ach was.“ „Sie tun immer so intellektuell, Sie haben immer alles gelesen, Sie sind viel gebildeter als andere…“ „Neid der Besitzlosen. Wie spannend.“ „… und Sie haben in Wirklichkeit nämlich überhaupt keine Ahnung! Unsere Gesellschaft ist in ihren Wertvorstellungen viel stärker geprägt von unserer Religion, als Sie das wahrhaben wollen!“ „Oha, da bin ich mal gespannt.“ „Worauf?“ „Auf die drei Dutzend Beispiele, mit denen Sie mich von Ihrer These überzeugen werden.“ „Sparen Sie sich diese Albereien!“ „Na gut. Eins reicht.“ „Was?“ „Ein Beispiel. Nennen Sie mir einfach ein einziges Beispiel.“ „Ich lasse mich doch von Ihnen nicht…“ „Ja, so hatte ich mir das vorgestellt. Das war immer schon so, darum muss man es nicht beweisen.“ „Sie gehen mir auf den Sack!“ „Und das mit Vergnügen. Nennen Sie mir nur einen Grund, warum die…“ „Die Vermischung von Recht und Religion, das ist hier in der Gesellschaft nicht bekannt und soll auch gar nicht erst etabliert werden.“ „Sie sind mir ja ein Spaßvogel. Ist Ihnen klar, dass ein Großteil unseres zivilen Rechts auf Stammesrecht fußt, das religiöse Wurzeln hat, und dass die Religion teilweise archaische Rechtsnormen einfach überformt hat?“ „Sie können wirklich nichts als klugscheißen!“ „Ist aber so. Und wenn Sie religiöse Vorstellungen bei den anderen so schlecht finden, warum verteidigen Sie dann die eigenen? die dürfte es doch dann gar nicht geben.“ „Gibt es auch nicht!“ „Und warum bezeichnen Sie die dann als konstitutiv für Sitten und Gebräuche in unserer Kultur?“ „Ach, lecken Sie mich doch am Arsch!“

„Sehen Sie es einfach pragmatisch. Solange Sie leben, können Sie gerne Ihre eigene Religion weiter praktizieren und den anderen ihre lassen, und wenn Sie dann eines Tages…“ „Diesen Leuten unsere Kultur kampflos übergeben!? Sie haben doch einen Knall – wir werden hier Widerstand leisten, darauf können Sie sich verlassen!“ „Meine Güte, Sie sind ja verbohrter, als ich gedacht habe.“ „Widerstand! Solange es in diesem Land noch freie Menschen gibt, werden wir diese Scheißchristen zu Klump hauen, wo wir sie finden! Heil Wotan!“

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8 responses

19 05 2016
Alice Wunder

Wotan konnte dann bei Wein und Frischwasser nicht mehr mithalten…

19 05 2016
bee

Immer dasselbe. Moral und Werte haben gegen gutes Marketing einfach keine Chance.

19 05 2016
Alice Wunder

Obwohl, wo die Infrastruktur fehlt, konnten sich die Werte halten. Musste mal in Schleswig-Holstein leben. Da hab ich zum Beispiel keine Nazis getroffen. Ich glaub, es gab da auch nie welche. Die Leute da finden halt Odin gut

19 05 2016
bee

Och, ich muss hier nicht leben, halte es aber auch schon seit ein paar Jahrzehnten ganz gut aus. Trotz einer Menge Altnazis und Wirrköpfen mit und ohne Religionshintergrund.

19 05 2016
Alice Wunder

Ich fand immer den waagerecht ins Gesicht prasselnden Regen ziemlich furchtbar. Aber die dänische Backtradition versöhnt mit vielem. Mhh, Zimtgebäck…

20 05 2016
bee

Außerdem haben wir alle Marzipanstauden in den Vorgärten 😉

20 05 2016
hummingbird

Die Auflösung! Ich falle gerade halb vom Stuhl! Grandios! Wenigstens eine humorvolle Art mit diesen sich-im-Kreise-drehenden Diskussionen umzugehen.

20 05 2016
bee

Man muss den Dumpfbacken wenigstens zeigen, dass nicht nur ihre Argumente für die Tonne sind, sondern ihre gesamte Argumentation.

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