Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXXXI): Gestritis

20 05 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Gespenst geht um in Europa; es hinkt. Während ein paar Entwicklungsverzögerte sich um zwanzig bis dreißig Jahre zurückwünschen, um Bausparverträge, Einkommensteuer und sämtliche Schwiegereltern von der Backe zu haben, nagt eine kleine Schar von Realitätsallergikern die Nägel bis zum Ellenbogen ab. Sie wollen zurück, weit zurück in die Vergangenheit, wo sie am vergangensten war und ist. Damals, da war alles noch schön, der liebe Gott hat die Schäfchen tot gemacht und als Wolken ans Himmelszelt geschwiemelt, nachts war alles böse, aber das sah man nicht. Alles war irgendwie gut, wenigstens tat es so, und der Schmerz setzte erst viel später ein mit dem ersten Anfall von chronischer Gestritis.

Früher war bekanntlich alles besser, mit Ausnahme der Dinge, die damals wenigstens so beschissen waren wie heute, wenn nicht noch sehr viel mehr. Die Säuglinge starben früher, die Löhne waren geringer, es gab noch keine Geschirrspüler, kein Satellitenfernsehen, keinen Pizzaservice und weniger gute Entziehungskuren. Es gab drei (in Worten: drei) Fernsehprogramme plus Ostzone, in denen unwitzige Herren Scherze machten, damit man sie für seriös hielt und darüber lachen konnte. Man hörte das Sonntagskonzert, aß Möhren in Mehlpapp und wählte, wohnte, wusch unauffällig. Der Amerikaner war der beste Freund, und von der Vergangenheit sprach man nicht gerne, falls es sich ab einer gewissen Blutalkoholkonzentration nicht unbedingt vermeiden ließ. Irgendwann gingen die Jahre ins Land, Generationen kamen und gingen und kamen, und dann hatten sie die Gestritis, die feucht-völkische Schmierinfektion der Gegenwart.

Zunächst diagnostiziert man die verschärfte Form einer akuten Nostalgie, einer masochistischen Daueropferhaltung, die ihren Erfolg aus der Tatsache zieht, dass die Vergangenheit nie mehr wiederkommt. Pocken, Mettigel, Fremdarbeiter, die Sahne ist weg. Was noch in Kindertagen wie eine Selbstverständlichkeit klang, ist dahin; immerdar wird es abgepackten Schnittsalat im Plastebeutel geben, das Ozonloch, Gravitationswellen. Alles das aber passt nicht in den Horizont, der sich zwischen zwei schmalen Brettchen aufspannt, die man den Heckenpennern an die Birne genietet hat, damit sie nicht mehr über dummes Zeug reden als nötig. Und so brechen sie aus.

Weit kommen sie nie, sie bleiben stecken in ihrem angestammt irrationalen Weltbild, das eher einer punktförmigen Projektion im Vakuum ähnelt als dem tatsächlichen Leben. Wahrscheinlich ist es eine Fehlstellung der Optik, die sie immer nur die Ästhetik des Kompoststadiums wahrnehmen lässt: dass Kraftfahrzeuge und Küchengeräte heute nicht mehr so aussehen wie im Neolithikum erfunden, das macht ihnen Schmerzen im Frontallappen. Aber ist das bloß eine sorgfältig verschlampte Vergangenheitsbewältigung, oder steckt dahinter ein größeres therapeutisches Versagen?

Der Patient sieht sein sachzwangreduziertes Dasein als universalen Kleingarten, vollgerümpelt mit Zwergenzeugs und Jägerzaunresten, er macht die Schotten dicht, stülpt allenfalls ein Fähnchen über die Sessellehne, wenn seine Psychose ein Jodelkonzert gibt, und sondert ein bisschen Heißluft in die desinteressierte Atmosphäre ab. Früher war hier sicher der Mittelpunkt der Welt, was aber der Bescheuerte nicht weiß: früher war er noch nicht da und damit so verzichtbar wie später.

Verloren und verlogen ist der deviante Depp. Die meisten Patienten verklären eine Zeit, die sie selbst nicht erlebt haben und die sie allenfalls aus den Erzählungen der Altvorderen kennen – Gestritis ist eine Infektionskrankheit, die sich durch schlecht geschützten Schwall überträgt, braunen Ausschlag und wuchernden Schimmel. Symptomatischer, schließlich ideopathischer Hass auf die Gegenwart fräst sich in entlegene Regionen des Zentralglibbers unter der Kalotte, mithin auf alles, am meisten wohl auf sich selbst, denn das Ich ist die einzige Instanz, die die Zeit zurückdrehen könnte, wenngleich auch nur imaginär, und es ist zugleich das Ich, das dazu nicht in der Lage ist und deshalb keinen anderen dafür verantwortlich machen kann. Die ganze schöne Opferinszenierung. Alles für die Deponie.

Sollte sich der Erkrankte sprunghaft steigern und frühere Gesellschaftsstadien in seinen Wahn integrieren, bleiben immer noch Versuche, ihn zu isolieren, denn manchmal hilft das. Erst ab einem klinisch diagnostizierten Status der Beklopptheit, da der schmerzbefreite Hirnabstinenzler den Kaiser zurückhaben und gleichzeitig zum Mond fliegen will, eine funktionierende Kriegswirtschaft bei nationalem Wohlstand, sollte sich die Therapie wesentlich ändern. Denn Tatsachen abstreiten ist das eine, das komplette Dasein verleugnen und sich ohne Rücksicht auf Verluste unter seinem Aluhut gegen die Zeit zu stellen, damit sie auf Befehl wieder rückwärts läuft, ist das andere. Wer sich nur in einer Epoche wohlfühlt, in der Kreuzzüge, Pest und ein plärrender Postkartenmaler den Ton angaben, soll auch dahin zurückkehren dürfen, wo sich der Schmadder jetzt befindet. Gerne für immer. In den ewigen Jagdgründen nämlich.

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