Heldenplatz

23 05 2016

„Darf man da jetzt noch ‚Küss’ die Hand‘ sagen?“ „Solange er noch nicht im Amt ist.“ „Und dann?“ „Na, weiß ich’s. Fragen Sie einen Experten.“ „Aus der Politik?“ „Gehen Sie halt zum Heilpraktiker.“

„Sie, Ihre Kalauer könnten bald richtig teuer werden für Sie.“ „Wegen Majestätsbeleidigung? Das hatte ich nicht gewusst, dass die Türken wieder derart dicht vor Wien stehen.“ „Die lassen Sie nicht mehr einreisen.“ „Erstens befinde ich mich da in guter Gesellschaft, und zweitens muss ich das gar nicht.“ „Sie wollten doch im Sommer dahin?“ „Ich sagte, ich will in den Süden und braun werden.“ „Also doch.“ „Sie sind auch nicht besser.“ „Mit der Fremdenfeindlichkeit?“ „Mit den Kalauern.“

„Aber mal im Ernst, wenn uns in den nächsten Wochen ein Rutsch nach rechts bevorsteht…“ „Wenn Sie glauben, dass der Ihnen bevorsteht, dann haben Sie ihn bloß noch nicht bemerkt.“ „Bis jetzt ist da doch noch nicht viel gewesen.“ „Nur, dass die Österreicher diesen Bundespräsidenten gewählt haben, aber sonst war da natürlich nichts.“ „Es ist doch nicht viel passiert, die sind den Bundeskanzler losgeworden, das wünschen sich hier auch eine ganze Menge Leute.“ „Ich sage nichts.“ „Weil das nicht Österreich ist?“ „Weil Sie keinen Rutsch nach rechts mitkriegen.“

„Dieser Präsident soll angeblich der Verfassung treu sein.“ „Er hat da etwas falsch verstanden.“ „In der Verfassung steht doch aber: ‚Das Recht geht vom Volk aus.‘“ „Und für den Präsidenten?“ „Ist noch Volk, wenn das Recht ausgeht.“ „Sie meinen, wenn den Rechten das Volks ausgeht…“ „… dann geht er davon aus, dass das Volk rechts ist.“ „Das hätte ich jetzt nicht erwartet.“ „Dass der Präsident meint, er könne dafür sorgen, dass das Recht ausgeht?“ „Dann müsste er ja quasi, also wenn er, und dann ist jetzt wer der Souverän?“ „Das kennen Sie auch von woanders her. Wenn hier die Masse ‚Wir sind das Volk‘ plärrt, gehen Sie davon aus: die sind rechts.“

„Muss man sich denn das jetzt als einen großen historischen Schnitt vorstellen?“ „Keinesfalls, es ist nur eine leichte Gewichtsveränderung in Europa. Die kommt denen selbst wie ein historischer Schritt vor, ist aber in Wirklichkeit nur eine Vorspiegelung von Größe, die so nicht existiert.“ „Im historischen Sinne?“ „Ja, auch.“ „Sie meinen also, das Land käme sich so vor, als ginge es in die Zukunft.“ „Während es sich in Wirklichkeit nur in die Vergangenheit bewegt.“ „Und das mit der Größe? Hat das etwas mit dem Anschluss zu tun?“ „Ja, aber historisch.“ „Wie, historisch? natürlich ist das eine historische Tatsache, die kann man zwar auch anders gewichten, aber faktisch ist das nur eine…“ „Nein, nicht der. Im europäischen Maßstab.“ „Wieso europäisch?“ „Bisher war in der Geschichte nur Ungarn einmal der Wurmfortsatz Österreichs. Ab jetzt ist das andersherum.“

„Dann werden die Freiheitlichen als erstes einen großen Aufmarsch auf dem Heldenplatz machen, richtig?“ „Fast.“ „Aber der kleine Mann, der sie gewählt hat, der muss doch etwas haben, woran er sich freuen kann. Sein Leben ist doch sonst so verdrießlich.“ „Deshalb will der Präsident auch als erstes die Spitzensteuersätze senken, sonst wird es ganz sicher nicht für Millionen neue Arbeitsplätze reichen.“ „Das hat der Führer damals auch gesagt.“ „Damals gab es aber auch noch keine Autobahnen.“ „Sehen Sie, und heute gibt es keine neuen Jobs. So groß ist doch der Unterschied gar nicht.“

„Dass der Präsident noch vorher die Entlassung der Regierung und die Auflösung des Nationalrats als Lüge bezeichnet, als hätte man ihn vor laufender Kamera angespien, um sie dann in Aussicht zu stellen…“ „Das gehört nun mal zu einer modernen Demokratie dazu. Da versprechen Sie den Leuten Frieden und Freiheit, und dann gibt’s plötzlich Krieg, weil sie zufällig gemerkt haben, dass sie seit ein paar Jahren Waffen produziert und die Armee hochgepäppelt haben. Das passiert nun mal.“ „Und dass er Freunde bei den Identitären hat?“ „Man kann sich nicht immer aussuchen, was für ein Menschenmüll einem Beifall klatscht.“ „Aber bedenklich ist das schon, wenn so eine Kornblumenfratze Präsident wird und nichts Besseres zu tun hat, als ständig zu verkünden, dass er sich nach Möglichkeit an Recht und Gesetz halten wird.“ „Natürlich ist das bedenklich, aber genau dafür haben ihn die Leute ja auch gewählt. Stellen Sie sich mal vor, da würde einer kommen und wollte alles anders machen – und dann hält er sich strikt an die Verfassung. Damit macht man doch keinen Staat unter den heutigen Umständen.“

„Also erleben wir europäische Geschichte als aufgewärmtes Dosenfutter.“ „Ich bitte Sie!“ „Nein, so wie die Wähler ihn verstehen, wollen sie wieder einmal den starken Mann, der die Minderheiten abserviert, angeblich linksradikale Gutmenschen aus den öffentlichen Positionen entfernt, die dem Staat gefährlichen Bürgerrechte beschneidet, die internationalen Beziehungen nach Nützlichkeit für die nationale Sicherheitspolitik sortiert und dazu ein Kultur- und Gesellschaftsbild installiert, das geistig behinderte Apparatschiks und Soziopathen sich ausgedacht haben.“ „Nein.“ „Wie, nein – das ist es doch!“ „Es ist keine Wiederholung. Diesmal ist Österreich zuerst dran.“

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