Karriere

25 05 2016

„Nein, das hat doch keiner verlangt. Sie müssen Ihre Berufstätigkeit nicht aufgeben. Wir bezahlen Sie nur ab sofort angemessen. Also gar nicht.

Schauen Sie mal, wie lange haben Sie jetzt als Abgeordneter im Deutschen Bundestag gesessen? Na, das ist doch sehr schön. Keine Reden gehalten, wie ich sehe, haben Sie auch nur dann abgestimmt, wenn es sich nicht vermeiden ließ, in keinem Ausschuss gesessen, also alles in allem durchaus in der Langzeitarbeitslosigkeit angekommen. Nein, ich will ja gar nicht bestreiten, dass Sie dafür eine Menge Geld bekommen haben, aber Sie wissen es doch auch, mit dem Geld ist es beim Verdienen wie mit dem Haben. Je mehr Sie dafür tun, desto weniger bekommen Sie. Na, und Sie haben ja über die Jahre eine Menge bekommen.

Wie gesagt, Sie können ja durchaus weiter in dem Beruf tätig sein, falls Sie noch jemand wählt. Ihrer Partei wird wohl auch gar nichts anderes übrig bleiben, als Sie aufzustellen. Und dann können Sie das gerne so weitermachen. Als Ein-Euro-Job. Wie, es zwingt Sie keiner? Sie haben Ihre eigene Arbeit wohl nicht ganz mitgekriegt, wie?

Natürlich zwingen wir sie. Dann werden Sie eben irgendwo anders im politischen Betrieb aufgebraucht – eingesetzt, wollte ich sagen, eingesetzt. Was sind Sie denn so von Haus aus? Da hätten wir im Innenministerium noch einen Posten frei. Kirchenreferent. Für Sie als Maschinenbauer sicherlich eine gewisse Umstellung, aber es kommt ja auch nicht auf die Qualität der Arbeit an, die Sie da so verrichten. Im Gegenteil. Sie sollen zwar produktiv sein, das ist richtig, aber nie so, dass man das als eine richtige berufliche Tätigkeit auffassen könnte. Also Sie schon. Nur eben nicht die anderen, denen Sie die Arbeit wegnehmen.

Meine Güte, Sie sind doch ein intelligentes Kerlchen, da kennen Sie sich sicher mit Dialektik aus, oder? Ja, ich kann’s Ihnen auch nicht erklären, aber ich muss das auch nicht. Ich mache hier nur den Verwaltungsakt, ausbaden müssen Sie das. Wir haben das ja auch nicht beschlossen.

Bei guter Führung können Sie sogar einen neuen Posten bekommen. Im Außendienst. Nein, nicht Außenministerium, Außendienst. Rasenpflege oder Autowaschen. Hauptsache, Sie sind für diese Tätigkeit hinreichend über- oder unterqualifiziert, das weckt in Ihnen persönliche Potenziale, sich an den Arbeitsmarkt und seine flexiblen Strukturen und Erfordernisse anzupassen. Das muss man als Arbeitsloser heute ja sowieso schon, da werden Sie das auch irgendwann lernen. Ich meine, wir haben Zeit. Ob Sie die haben, ist mir ja eher wurst.

Sie haben den Unterschied immer noch nicht so ganz kapiert, oder? Das ist keine Sozialromantik, habe ich mich derart missverständlich ausgedrückt? Noch mal: bedingungsloses Grundeinkommen, das ist Geld, das nichts mit Arbeit zu tun hat, und Ihr Jobs als Ein-Euro-Politiker, das ist Arbeit, die hat nichts mit Geld zu tun. Deshalb bekommen Sie auch keinen Arbeitsvertrag. Und sind nicht mehr sozialversichert. Verabschieden Sie sich einfach mal von der Idee, dass Sie in dieser Gesellschaft noch etwas wert sind, nur weil Sie arbeiten. Das können Sie anderen einreden, die nicht arbeiten wollen – Sie haben ja sicher ein paar Erben oder Börsenspekulanten im Bekanntenkreis – aber davon wird es nicht wahrer. Arbeit entwertet. Ich weiß ja nicht, was Sie in den letzten Jahren als Mitglied des Bundestages so alles mitgekriegt haben von der Wirklichkeit in diesem Land, aber viel kann’s nicht gewesen sein.

Und wissen Sie, was mir auf den Keks geht? Ihr ewiges Gejammer. Seien Sie doch mal froh, wenn man Ihnen einen attraktiven Job aufs Auge drückt, der wirklich der Verbesserung der Lebensumstände anderer Leute dient. Hinhören, Kollege: anderer Leute. Nicht ihrer eigenen. Sie sollen gemeinnützig tätig werden. Das ist doch auch ein schönes Ziel für eine Politikerkarriere, oder nicht? Was meinen Sie, wie viele das ein Leben lang probieren und dann doch wieder nur in die eigene Tasche wirtschaften. Das müssen Sie jetzt lernen, die Zeiten ändern sich, und wenn Sie sich nicht genügend flexibel zeigen, dann werden Sie gesellschaftlich am Ende noch ausgegrenzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass das die Leutchen aus Ihrer eigenen Partei übernehmen, ist verdammt hoch. Also reißen Sie mal die Knochen zusammen, besser wird’s nicht mehr.

Überhaupt, seien Sie froh, dass wir Sie erstmal nur in die marktfernen Dienstleistungen vermitteln, da müssen Sie sich in der Presse nicht auch noch als vorsätzlicher Jobkiller beschimpfen lassen. Sie sind weiterhin streng wettbewerbsneutral: ob Sie nun arbeiten oder nicht, vom Ergebnis her macht das keinen Unterschied. Wenn ich mir ansehe, was Sie bisher als Abgeordneter geleistet haben, dürfte der Unterschied für Sie auch nicht ins Gewicht fallen. Ungesetzlich? seit wann hat Sie das gestört?

Verdammt noch eins, gehen Sie doch mal mit gutem Bespiel voran! Verkündet nicht Ihr eigener Laden seit Jahren, dass Motivation nicht abhängig ist von der Bezahlung? und dass man Erwerbslose erst so richtig zum Arbeiten bringt, wenn man ihnen nichts mehr zahlt und dann auch noch das Nötigste streicht? Betrachten Sie den neuen Lebensabschnitt einfach als offenen Strafvollzug. So war das für die anderen bisher auch gedacht, wenn ich mich nicht irre. Und denken Sie immer daran: zeigen Sie ein bisschen Ehrgeiz. Arbeit macht bekanntlich frei.“


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