Faselland

31 05 2016

„Hauptsache, Sie sind Deutscher. Das ist bei uns schon mal die halbe Miete. Personalausweis haben Sie dabei? Gut. Mehr müssen wir über Sie gar nicht wissen. Das mit dem Lebenslauf, naja, und das Führungszeugnis – wir sehen das nicht so eng. Wer heutzutage Fachkräfte haben will, darf nicht mehr wählerisch sein. Das gilt auch in unserer Behörde.

Haben Sie denn schon mal in diesem Bereich gearbeitet? Als Patriotismusbeauftragter muss man ja auch über eine gewisse Praxis verfügen, um die Vaterlandsliebe authentisch vermitteln zu können. Haben Sie eine Deutschlandfahne zu Hause? Hm, das lasse ich ausnahmsweise mal gelten. Obwohl diese Rückspiegelüberzieher rein heraldisch nicht als vollwertige Hoheitszeichen… ja, ist schon gut. Sie müssen nicht gleich beleidigt sein. Wir wollen nur sichergehen, dass wir bei den Bewerbern auf einen gewissen patriotischen Enthusiasmus stoßen, der auf der anderen Seite auch mit den Vorgaben der Verfassung nicht kollidiert. Also nicht ständig.

Na, denken wir uns mal so eine Situation aus. Sie sind als Beauftragter für Patriotismusfragen in einer allgemeinbildenden Schule, und da sehen Sie dann ein Bild unseres Staatsoberhauptes… wie gesagt, des Staatsoberhauptes, das Sie ja sicher dem Namen nach… – Hören Sie, das interessiert mich nicht, wen Sie sich wünschen, ich hatte gedacht, Sie würden mir den Namen des Bundespräsidenten… Sie machen es mir echt nicht einfach, das muss ich ja mal sagen! Also weiter, Sie sehen das Bild, und da fällt Ihnen doch gleich der Text der deutschen Nationalhymne ein, die da lautet – na? Bitte!? Ich weiß nicht, ob sich das bis zu Ihnen noch nicht herumgesprochen haben sollte, aber normalerweise singen wir die dritte Strophe. Ja, das mag bei Ihnen zu Hause gerne so sein, aber wir sind nun mal eine Bundesbehörde. Hier gilt das Grundgesetz.

À propos, dann zitieren Sie doch mal aus dem Kopf. ‚Die Würde des…‘ – fast, es gilt eben nicht nur für die Deutschen. Nein, das haben Sie sicher in den falschen Hals gekriegt. Es heißt zwar Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, aber deshalb sind die Grundrechte für sämtliche Personen bindend, die sich im Geltungsbereich der Verfassung aufhalten. Ja, auch für die, aber ich würde es bevorzugen, wenn Sie diese Menschen als Ausländer bezeichnen würden oder wenigstens mit einer anderen Wortwahl, was die Hautfarbe angeht. Im Prinzip ist das richtig, auch Ausländer müssen sich in Deutschland an geltendes Recht halten. Das bedeutet allerdings nicht, dass Deutsche im Sinne des Grundgesetzes das nicht müssten.

Bitte jetzt keine Grundsatzdiskussionen, das heißt Grundgesetz, und ich möchte mit Ihnen nicht debattieren, ob das als vollgültige Verfassung der BRD anzusehen ist. Und ich möchte Sie bitten, dass wir das für die Souveränität der Bundesrepublik Deutschland ebenfalls so handhaben, sonst ist dies Gespräch ganz schnell zu Ende, Zensur hin oder her. Hören Sie mal, wir sind hier doch nicht beim Verfassungsschutz!

Es gibt da so historische Leitfäden, mit denen Sie sich in die Geschichte des Deutschen Reichs einlesen können. Ja, der ist auch dabei, aber die ersten beiden Teile handeln von den Karolingern und gehen bis zum Spätmittelalter. Nein, der ist wirklich im ersten Band, und ja, er hieß auch schon damals Barbarossa. Sie meinen etwas ganz anderes, und das kommt erst in Band fünf.

Sie müssten in der Lage sein, selbstständig eine Vermittlung deutscher Leitkultur zur Durchführung zu bringen. So steht das in der Dienstanweisung. Es gibt sicherlich eine Art Qualitätskontrolle, aber da können wir auch nur stichpunktartig nachfragen, da für diese Aufgabe eine Kraft bei uns beschäftigt ist. Eine Teilzeitkraft. Ich schätze, die dürfte bis zur Pensionierung einmal bei Ihnen vorbeigeschaut haben. Aber das ist nicht schlimm, die muss Ihnen den schriftlichen Bericht vorher zur Stellungnahme vorlegen. Da ist dann oftmals noch viel Zeit für ein eingehendes Gespräch mit ihr. Oder eben ihrer Nachfolgerin, sie ist ja seit letztes Jahr krank.

Sie können beispielsweise auch direkt zu den Bürgern gehen, wenn diese etwa in der aktuellen gesellschaftlichen Situation sich sorgen sollten, und könnten ein ausgleichendes Nationalgefühl in die Bevölkerung kommunizieren. Nur stellen Sie bitte sicher, dass Sie die richtigen Werte vermitteln. Für die europäische Leitkultur sind Sie nicht zuständig, das macht keine Regierungsbehörde. Das müssen die Leute sich auch mal selbst erarbeiten, wir setzen da eher auf den mündigen Bürger. Fangen Sie bei Bratwurst und Bier an und arbeiten Sie sich dann bis zur Rolle der deutschen Streitkräfte in der globalen Rohstoffversorgung vor, meinetwegen erzählen Sie ihnen von der deutschen Kultur, von Dichtern, die schon unsere Großeltern in der Schule als Vorbilder auswendig lernten, Heine, Goethe, Brecht, Sie wissen schon.

So ganz reicht das nicht. Ich will ehrlich sein, es könnte bei Ihnen zu kleineren Problemen kommen, daher möchte ich Ihnen nicht unbedingt zu einer Position in unserem Hause zuraten. Es könnte schwierig werden, was Ihre Qualifikationen… warten Sie mal, wo kamen Sie noch mal her? Da hatte ich doch gestern noch etwas gesehen. Das dürfte doch passen. Ist das nicht etwas für Sie? Sächsische Landesregierung? Fachkraft für Rassismus?“

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