„Ich schau Dir in die Augen, Kleines…“

1 06 2016

Dicke Luft. Nicht, weil ich heute schon wieder den ganzen Tag mit einem Festmeter Folianten zugebracht (und danach den Flur mit ihnen verbarrikadiert) habe, sie ist miserabler Laune. Hildegard. „Dass man darauf nicht kommen kann!“ Sie hat den jüngsten Freitagstexter verfolgt. Oder vielleicht doch nicht?

„Was für Ideen die Leute wieder haben!“ Ich höre angesichts der heiteren Bildunterschriften eine Spur von Missbilligung, dass ihr davon nichts eingefallen wäre. „Das sieht doch ein Blinder mit dem Krückstock“, moniert die Beste, „Doktor Frankenstein – Hollywood – kapierst Du es denn überhaupt nicht?“ Ich passe. „Männer!“ Hildegard stöhnt entnervt auf. „Das ist doch so eine Maschine, mit der man die Castings geheim halten wollte. Auf der einen Seite sprechen die Schauspieler rein – ‚Das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft!‘ – und auf der anderen Seite sitzt die Regieassistentin und auf der anderen Seite ist dann die Monroe und wird berühmt.“ Ich hätte schwören können, Marilyn Monroe habe 1937 nicht in Casablanca mitgespielt, aber ich kann mich selbstverständlich irren.

Wie dem auch sei, ich muss ja nun die Einschätzungen über den Sinn und Zweck dieser Apparatur irgendwie in eine Reihenfolge bringen. Hildegard wird mir fürderhin keine große Hilfe mehr sein, möglicherweise schmollt sie lange und ergiebig. Vielleicht handelt es sich auch um eine Frühform der Gehirnwäsche, wie man sie heute in allerhand Sekten findet, wo einer reinguckt und der andere Sachen sieht, die gar nicht da sind. Streng wissenschaftlich natürlich. Für diese Erklärung geht die bronzene Plakette an den Wortmischer:

Anthroposophischer Sehtest

Wie gesagt, die Metaphysik. Viel Heißluft auch hier, viel Jenseitiges, man sieht Dinge, die nicht da sind – des Menschen Traum, diese Barriere durch allerlei technische Hilfsmittel zu überwinden, lässt manches vor dem geistigen Auge wahr werden, was doch Hokuspokus ist. Silber für den heißen Draht zur anderen Seite für lamiacucina:

„Und Dir gehts wirklich gut im Jenseits, Ludwig? Zieh Dir ein sauberes Hemd an, trink nicht soviel und schreib uns auch mal eine Postkarte!“

An dieser Stelle kommt Hildegard noch einmal rein. Sie hat Tee gekocht, und nun ist sie der Ansicht, die Maskenbildner in Hollywood hätten sich nach den Probeaufnahmen gleich auf den anderen Stuhl gesetzt und den zukünftigen Stars ein Make-up auf Probe verpasst, falsche Wimpern, Augenbrauen gezupft, Mitesser gequetscht. Es ist schwierig, aber ich kann sie davon überzeugen, dass es sich um eine medizinische Anwendung handelt. Der goldene Pokal für eine dentalphilosophisch ausgeklügelte Methode geht an Shhhhh:

„…Und immer schön den Mund offenhalten, sonst wird das nichts mit den Locken auf den Zähnen.“

Herzlichen Glückwunsch! Wir sehen uns am 3. Juni wieder bei den Leisen Tönen, frisch onduliert, ordentlich gegen den Strich gekämmt oder auf Krawall gebürstet. Aber ich wollte ja nicht wieder von ihr anfangen, obwohl sie gerade jetzt…

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4 responses

1 06 2016
Wortmischer

Herzlichen Glückwunsch an den Herrn Leistöner! Den Hinweis auf Zahnlocken muss ich mir unbedingt für passende gelegenheiten merken.

(Danke auch sehr für Bronze! Nehm ich immer wieder gerne.)

5 06 2016
bee

Hildegard lässt ihre ja immer hochstecken

1 06 2016
Micha

Lauter gute Ideen – auch meinen Glückwunsch!

5 06 2016
bee

Ich bin selbst immer wieder überrascht, was sich aus diesen alten Fotos herausholen lässt

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