Strahlenkrank

1 06 2016

„Er ist mein Zeuge!“ Der kleine Mann mit dem schütteren Haar gestikulierte aufgeregt und zeigte mit dem ausgestreckten Finger in meine Richtung. Luzie verdrehte die Augen. „Die Frau hat zu mir gesagt, ich hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank, und der da hat’s gehört! Ich brauche jetzt sofort einen Rechtsanwalt!“

Anne saß seit Tagen an den Verträgen der Unternehmensgruppe Zuckerkant und hatte so gar keine Zeit für einen hysterischen Mandanten, der bei schönstem Frühlingswetter einen Lodenmantel trug und Wanderstiefel. Aber da war er bereits in ihr Zimmer gestürmt. Luzies Warnung, es sei ohnehin jetzt erstmal Mittagspause, hatte ihn nicht erreicht. Oder er wollte sie nicht hören. Oder Luzie war zu leise gewesen. Seufzend wickelte sie belegte Brote aus. Das konnte heiter werden.

„Sie können hier nicht einfach…“ „Brommer“, schrie der Lodenmann, „Herr Brommer. Sie werden für mich sofort eine Strafanzeige aufsetzen, und dann stecken wir den Kerl ins Zuchthaus.“ Er ließ sich in den Besuchersessel fallen. „Nehmen Sie doch Platz“, antwortete Anne lakonisch. Ich hielt mich vorerst im Hintergrund. „Er hat zu mir gesagt, ich soll mich um meinen eigenen Scheiß kümmern, jawohl! Das lasse ich mir nicht mehr gefallen, dagegen werden wir strafgerichtlich vorgehen, und dann lassen wir ihn aus der Straße entfernen!“ Anne zog langsam, aber deutlich eine Augenbraue hoch, derart langsam, dass man auch ohne nähere Bekanntschaft hätte merken können, wie es um ihre Laune stand. „Von ‚Wir‘ ist hier erstmal keine Rede“, schnitt sie dem komischen Kauz das Wort ab. „Sie erzählen mir jetzt langsam und etwas weniger lautstark, was Sie zu mir führt, und dann entscheide ich, wie ich vorgehe.“ Offensichtlich war bei ihm nicht alles angekommen, denn er schrie und schwitzte nur um so toller.

„Das ist mein Nachbar“, fuhr Brommer ansatzlos fort. „Hat der auch einen Namen?“ Der Alte hörte offenbar gar nicht zu, jedenfalls blieb er die Antwort schuldig. „Der hat auf dem Hausdach so ein Drahtgestell angebracht, aus Metall, und da ist das jetzt noch drauf.“ „Also ein Drahtgestell aus Metall“, murmelte Anne und schrieb vollkommen geistesabwesend mit. Das musste man ihr lassen, sie war eine hervorragende Juristin; Fakten waren für sie nebensächlich, jedenfalls nicht so wichtig wie Zusammenhänge. „Vielleicht handelt es sich einfach um eine Hausantenne“, brachte ich mich in Erinnerung. Doch Brommer winkte ab. „Das Ding strahlt“, krähte er, „ich höre das nachts, wenn bei mir die Wasserleitungen bibbern, und dann klopft es in der Heizung – das macht alles dieser Verbrecher, der hat das mit Absicht auf sein Dach montiert.“ „Er hat recht“, sagte ich. „Ich kann mir kaum vorstellen, dass man so etwas unabsichtlich tut.“

„Haben Sie denn Ihren Nachbarn schon einmal auf diese Metallkonstruktion angesprochen“, fragte Anne, mehr der Form halber. „Er leugnet ja alles“, sprudelte es aus dem Sonderling heraus, „der hat bisher immer alles abgestritten. Schon vor einem Jahr, als er im Vorgarten dieses Empfangsgerät aufgestellt hat, das hat er glatt geleugnet!“ „Hat er es nun aufgestellt oder geleugnet?“ Langsam, aber deutlich verlor sie nun auch die Geduld. Doch was kümmerte das Brommer. „Er hat dies Sprühdingsda auf den Rasen gestellt, mitten auf den Rasen, und durch die Magnetisierung von den Wasserstrahlen habe ich natürlich feindliche Ionen im Sauerstoff geatmet.“ In diesem Moment wollte sie eingreifen, aber es war zu spät. „Weil der Wind die immer auf mein Grundstück hinüberweht“, schrie er, „ich atme dann die ionisierten Wasserstrahlenatome ein und bekomme Haarausfall und…“ „Er hat recht“, sagte ich abermals, „schau Dir mal seine Haare an.“ Mir war gar nicht aufgefallen, dass Anne einen derart scharfen Brieföffner besaß.

„Was schwebt Ihnen denn so vor“, wandte ich mich nun an den aufgekratzten Mann, während ich mich auf die Schreibtischkante setzte, achtlos nach einem Kugelschreiber griff und wie zufällig auf die Taste des Telefons kam. „Zuchthaus“, quäkte er, „mindestens hundert Jahre Zuchthaus – wenn die Wasseratome nämlich in die Atmosphäre wehen, da werden sie zu Schwarzen Löcher, aus denen riesige Tiefdruckgebiete kommen, größer als die Sonne, und dann werden wir alle zu Atomen geschrumpft, die dann…“ Ich kannte diesen Gesichtsausdruck von Anne. Zum Glück hatte ich ihn noch nie selbst ausgelöst, wusste aber, man wünscht sich in diesem Augenblick, zuvor ausreichend um ein wenn auch sicher nicht schmerzfreies, so doch kurzes Ableben gebetet zu haben. „Was wollen Sie“, stieß sie hervor. „Es gibt da“, sprach ich sehr betont, „eine interessante Untersuchung von Hülsenbeck.“

Und wirklich, keine dreißig Sekunden darauf öffnete Luzie die Tür, vorschriftsmäßig mit einem Hütchen aus Alufolie bedeckt, durchquerte den Raum und brach in Geheul aus. „Elektrostrahlen“, kreischte sie, „er will uns mit elektrischen Strahlen töten!“ Verwirrt hielt Brommer das Handgelenk mit der billigen Digitaluhr hoch. „Aber die Batterie ist doch nur…“ „Mörder“, fauchte Luzie, „Sie sind ein ganz gemeiner Mörder!“ Sie drehte ihm den Arm auf den Rücken, zerrte ihn durch den ganzen Flur zur Tür und warf ihn mit Schwung aus der Kanzlei. „Großartig“, jubelte Anne. „Luzie, Sie sind ein Naturtalent!“ „Gut, dass der alte Widerling doch noch zu etwas nutze ist. Wenigstens weiß ich bei dem Namen, dass Gefahr in Verzug ist.“ Und sie zupfte sich das Hütchen von ihren Locken, knüllte es zusammen und warf es in den Papierkorb. Strahlend natürlich.

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