Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXXXIII): Stadtfeste

10 06 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Sonne steht hoch, vielleicht sind gerade Ferien, mit Sicherheit aber ist es Wochenende, eins der schönsten im ganzen Jahr, und viele Touristen sind unterwegs, wenn auch ganz bestimmt nicht hier. Es riecht so vertraut nach säuerlichem Schweiß, Auspuffgasen und Gummiabrieb, das kann nur verdrängen, wer sich täglich in diesem Mief aufhält. Schon von Weitem wird man durch ein ehemals grell bedrucktes, jetzt weitestgehend ausgewaschenes Transparent vor der stationären Katastrophe gewarnt. Hier sind die Eingeborenen noch unter sich. Jucheirassa. Es ist Stadtfest.

Ein Grund findet sich. Irgendwann hat Ludwig der Ersetzbare eine seiner Aushilfsfrauen über die Zinne gekippt und zur Feier des Tages den großen Bananenorden gestiftet, zu dessen Gedächtnis noch heute Nackenkoteletts vom Schwenkgrill und der Ansatz einer Altbierbowle aus dem Dreißigjährigen Krieg in Verkehr gebracht werden. Die Mitte der Gesellschaft wirft sich in zeremonielle Frotteekluft und Trekkingsandalen, damit auch durchreisende Ostasiaten merken: dies ist Deutschland. Sodann latscht das Volk durch die Absperrungen – dank einer vorausschauenden Kommunalverwaltung stehen diese meist schon drei Tage vorher an Ort und Stelle, um den Berufsverkehr zum Erliegen zu bringen – und lässt seinem Ärger freien Lauf. Wieder alles wie beim letzten Mal.

Weil das ja die Quintessenz des Festes ist: keine Kreativität. Wenn Schinkenwurst und körperwarm gezapftes Bier die letzten Jahrzehnte kleinstädtisch gewachsener Langeweile dominiert hatten, gehen die Entwicklungsschübe in evolutionärem Zeitmaß von sich. Die Großväter hatten schon Vergnügen an frittiertem Kartoffelmatsch, den Enkeln soll es also nicht besser gehen. Meist kriegen sie auch das alte Frittierfett mit. Kurz nach dem Krieg etablierte sich die vorerst letzte Neuerung, als der Pfarrerssohn ein Crêpeeisen aus Verdun einschleppte. Der Enkel des Bestatters wird jetzt großjährig, er schielt, hat ein paar Probleme mit Mathe und Triebstau, aber für eine Heirat wird es reichen. Sein ältester Sohn wird dermaleinst einen gebrauchten Dönerspieß für die Bude zwischen Kriegerdenkmal und Kirche kaufen, so will es das Gesetz. Man kann Traditionen nicht entkommen, weil sie so verdammt langsam sind.

In variablen Abständen zwischen den Bierbuden bieten unterschiedlichste Händler ein sinnfreies Sortiment aus Kunstgewerbe und Kleinsthandwerk feil, Bürsten mit Originalborsten, Schmuck aus gedengeltem Tinnef Made in Neugablonz, ein wirrer Reigen offenbar drogeninduzierter Fantasien, die man als Verstörungstrigger im Wohnraum hinterlassen kann. Teilweise sind es die lokalen Geschäftsleute, die das öffentliche Spektakel zum Anlass nehmen, ihre Lager mit sattem Preisaufschlag zu leeren, teilweise karren fliegende Händler ihren industriell zusammengeschwiemelten Vollschrott nach Fahrplan an, klappen die Läden auf und beglücken das einfache Volk mit der Mutter aller Küchenreiben, wie es sie in Westeuropa sicher seit der Völkerwanderung nicht gegeben hat. Hier und da wedeln kambodschanische Textilien im Wind, wie man sie auch auf jedem Wochenmarkt bekäme, bei Tschibo oder im Internet, und womit sonst feiert der Bekloppte das Gründungsjubiläum von Schmalzburg an der Flupper als mit dem Erwerb einer flammneuen Freizeithose.

Zwischendurch gibt’s mal ordentlich Action im Blaulichtmilieu, weil die ersten Teilnehmer sich an der Promillegrenze die Klöten eingedellt haben. Aus dem Rinnstein jodelt die Bauchspeicheldrüse dreistimmig nach Korn, Pils und viel Saurem, von Uschi als Stimmungsaufheller bis zum endgültigen Verlust der Muttersprache ausgeschenkt, während zwei Sanitäter die Materialkaltverformung des Gesichtsschädels nachzuvollziehen versuchen, um beim Aufsammeln für die Chirurgie nicht aus Versehen einen halben Hund mit einzutüten. Gleich nebenan dürfen drei Kollegen vom Traditionsverein Schirmmütze den Gegenwert einer Palette Whisky-Cola wegschippen, danach geht’s in die stabile Seitenlage. Es ist Samstag, kurz nach acht, der zwanglose Teil des Abends steht unmittelbar bevor.

Manches mag sich ändern, die Braukonzerne teilen sich den Schluckerstrich regional auf und wechseln hier wie da einmal die Straßenseite, die Plastebecher werden von siffigem Billigpressglas ersetzt, damit die Schlägerei recycelbar endet, die Dixielandkapelle wurde vom Bestatter verklappt und durch ein Rudel durchreisender Panflötenindios ersetzt, die nun alljährlich akustisches Armageddon über den Markt pupen, bis der widerstandsfähigste Anwohner sein Vorverdautes beim Nachbarn in die Rabatten pladdern lässt; auch dieses ist ein gutes Stück Unsittengeschichte. Woanders wird mit großem Aufwand Mittelalter inszeniert, wie es mit der Realität so gar nichts zu tun hatte, ab und zu stolpern Schwerstalkoholiker in eine Hüpfburg, aber dieses Stadtfest bleibt, wie dieses Stadtfest ist, nämlich so, wie dieses Stadtfest immer war, und im Grunde wird der ganze Zauber ja nur veranstaltet, weil man die Zucker-Fett-Alkohol-Orgie in der Vorweihnachtszeit ohne ein paar Trainingseinheiten zwischendurch gar nicht packen könnte. Ist halt so.

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2 responses

13 06 2016
lamiacucina

Trefflich beschrieben. So sehen Feste auch bei uns aus. Auch wenn uns der ersetzbare Ludwig als Festanlass fehlt, die Neuinstrumentierung oder Neuuniformierung der Stadtmusik, das Jubiläum des Kaninchenzüchtervereins sind Grund genug, die Festkasse zu äufnen.

13 06 2016
bee

Es muss sich um evolutionär sehr früh angelegtes Verhalten handeln. Oder um eine weltweite Verschwörung.

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