Für freie Bürger

13 06 2016

„Ja, Sie! Oder sitzt bei Ihnen sonst noch jemand hinterm Steuer? Hallo? Sie sollen nicht in der Nase bohren, und schon gar nicht bei 180! Hände ans Lenkrad! Beide! Na bitte, geht doch.

Die meisten von uns waren halt im Wachdienst oder haben als Türsteher gearbeitet, schon wegen der Ansprache an den Kunden. Doch, es heißt bei uns offiziell ‚Kunde‘ – wenn Sie in der Verwaltung jemanden wie Dreck behandeln sollen, dann muss es unbedingt ein Kunde sein. In diesem Fall sind es eben die Fahrzeugführer, aber ‚Führer‘, das traut sich in der CSU noch keiner. Außerdem stimmt es ja auch nicht mehr, wenn ich eingreife.

Die Zahl der Kameras war viel zu hoch, das hat eine wissenschaftliche Untersuchung – nein, nicht wissenschaftlich im Sinne von Wissenschaft, da hat Dobrindt schnell ein paar Zahlen zusammengefaselt und dann passt es schon irgendwie. Also es gibt zu viele Straßenbahnen, U- und S-Bahnen und Busse und Sammeltaxis, und dann kam der Streit mit der Verwaltung, ob man auch in die Seilbahnkabinen eine Kamera einbaut, und dann waren es eben zu viele. Und weil man so ein Problem nur mit Logik lösen kann, haben wir jetzt eine Kamera in jedem Privatkraftfahrzeug.

Hallo? Haben wir etwa den Sitz nicht richtig eingestellt? und den Innenspiegel kontrollieren ist wohl auch nicht mehr nötig? Jetzt steigen Sie mal schön wieder aus und gehen einmal um den Wagen herum, und dann schnallen wir uns wieder an, und dann können wir richtig starten. Und wenn Sie nun einen Platten haben und es bis zur Autobahnauffahrt nicht merken, was ist denn dann? Jetzt werden Sie mal nicht frech, Bürschchen! Das zieht bei mir gar nicht! Okay, aber die Konsequenzen haben Sie sich dann selbst zuzuschreiben. Auch die juristischen.

Gut, es war halt irgendwann mal als Maßnahme gegen Terror gedacht. Wenn Sie irgendwo Terror sehen, also Handtaschenraub, oder diese Asylanten, denen Sie erst nachweisen müssen, dass die ihre Fahrkarten vor Fahrtantritt nicht haben abstempeln wollen, wenn Sie irgendwo Terror sehen, dann auf jeden Fall im öffentlichen Nahverkehr. Das ist mittlerweile öffentlicher Nahkampf – versuchen Sie in einem Ballungszentrum mal einen Sitzplatz zu kriegen, wenn Sie nicht Beziehungen zum Fahrer haben. Da werden Sie ja teilweise von Leuten beleidigt, deren Sprache Sie überhaupt nicht verstehen. Ein ganz klarer Fall für eine konzertierte Aktion von Innen- und Justizministerium. Deshalb wird das jetzt auch von Dobrindt verwaltet.

Können Sie mal eben übernehmen, Kollege? Ich habe hier einen stark angetrunkenen Fahrer, der auf der A3 kurz vor Kreuz Breitscheid auf zwei Fahrspuren – ach so, konnte ich ja nicht wissen. Danke nochmals!

Um Dienstwagen kümmern wir uns natürlich nicht, das macht die Straßenmeisterei. Aber der Terrorismus. Wenn Sie auf der Autobahn unterwegs sind, dann merken Sie sofort: da ist er. Dieses ganze Gedrängel und die schlimmen Auffahrunfälle, man möchte wirklich den Verstand verlieren. Aber einer muss sich darum kümmern, und deshalb hat der Kraftfahrer mit uns eine Kontrollinstanz an Bord, die ihm hilft, sich gesetzeskonform zu verhalten. Und das wirkt sicher, das ist –

Freundchen, müssen wir hier mit 60 durch die Landschaft schleichen? Wollen Sie mich etwa verarschen!? Natürlich weiß ich, dass das die untere Geschwindigkeitsgrenze ist, aber das heißt noch lange nicht, dass Sie mit der – keiner da? Ich sehe selbst, dass da kein anderes Fahrzeug in Sichtweite ist, aber das heißt doch noch lange nicht, dass Sie da nach Lust und Laune –

Wo war ich? ach ja, die Kontrolle. Wir haben seither einen enormen Erfolgsschub zu verzeichnen und können uns vor Glückwünschen nicht retten. Doch, das ist so gemeint. Haben Sie in den letzten Monaten etwa von einem einzigen Fall gehört, wo ein islamistischer Selbstmordattentäter plötzlich auf dem Rücksitz aufgetaucht und ein Kraftfahrzeug entführt hätte? möglicherweise sogar mit tödlichem Ausgang? Sehen Sie, es wirkt! Das passiert Ihnen jetzt vielleicht in der Tram, aber wenn man’s weiß, lässt es sich ja vermeiden. Freie Fahrt? Nein, das ist nicht mehr. Aber freie Bürger gibt es ja auch keine, und das gleich sich wieder aus.

Die Technik ist noch nicht so ganz ausgereift, das sehen Sie vor allem an den Motorrädern. Dies Gestänge da vorne, damit man die Kamera richtig anbringen kann, hat die Zahl der tödlichen Unfälle enorm erhöht. Im Bundesverkehrsministerium ist auch schon eine Expertenkommission eingesetzt worden, die wird in ungefähr einem halben Jahr herausfinden, dass es am nicht angepassten Tempo liegt, am Reifendruck natürlich, und dann muss man berücksichtigen, dass Motorradfahrer nicht angeschnallt sind. Das hätten wir aber ohne das uns jetzt vorliegende Videomaterial so nie nachweisen können.

Wollen Sie wirklich da parken? Ja, ich kann die Verkehrsschilder auch lesen, deshalb frage ich ja. Und dies Zeichen links hinten sagt eindeutig, dass Sie – Privatgrundstück? Das konnte ich natürlich nicht wissen. ’tschuldigung, Herr Direktor. Ja, Sie haben ganz recht. In alles darf sich der Staat auch nicht einmischen.“

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