Allergo moderato

16 06 2016

Bruno war am Ende. Seine Schnurrbartspitzen vibrierten bedenklich. „Ich mache den Laden zu“, stöhnte er, „das kann doch kein Mensch kochen!“ Keiner wagte ein Wort zu sagen. Dicke Luft.

„Vor allem, wir haben dreißig Gedecke.“ Hansi, der Serviceleiter der beiden Bückler-Brüder, kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Das alles aufzutragen ist ja schon unmöglich.“ „Und wenn wir einfach eine Gemüseplatte mit…“ Petermann verstummte. Bruno, von Feinden wie Verehrern Fürst Bückler genannt, wie er im Landgasthof mit Schwarzsauer und Aal in Gelee sein legendäres Regiment führte, war nicht zu Späßen aufgelegt. „Herr Generalmajor Itzenplitz hat uns eine Liste geschickt, um das Dienstjubiläum entsprechend zu bekochen.“ Petermann konnte es nicht lassen. „Dann koche wir Preußens Gloria“, kicherte er, „am besten Bismarckhering und…“ Da knirschte Bruno mit den Zähnen. Jedes weitere Wort wäre zu viel gewesen.

„Eine moderne Familie“, stellte ich fest. „Jeder schleppt seine eigene Nahrungsmittelallergie mit sich herum.“ Hansi blätterte einen Schnellhefter durch. Es sah aus, als hätte er sich das Internet ausgedruckt „Ich habe grob vorsortiert“, berichtete er, „die Kinder essen sowieso kein Gemüse, die bucklige Verwandtschaft kommt mit Pommes frites zurecht, aber sonst müssen wir für jeden extra die Beilagen auswürfeln.“ Direktor Itzenplitz nebst Gattin vertrugen weder Möhren noch Nüsse, die Tochter hatte eine schwere Histamin-Intoleranz – „Wahrscheinlich war die Mutter zu oft in Bordeaux“, meinte Petermann – und alle bekamen Nesselsucht von Soja. „Dann nehmen wir eben echte Milch.“ „Tofu geht auch nicht“, brachte sich Hansi in Erinnerung. „Es ist zwar ein älterer Onkel, aber ein Erbonkel.“ „Wenn wir ihm vorsätzlich Tofu verabreichen“, grinste Petermann, „dann ist es sogar ganz bestimmt ein…“ Bruno hieb mit der flachen Hand auf den Tisch. „Das ist nicht mehr komisch“, schrie er. „Die eine Hälfte isst kein Schweinefleisch, die andere keinen Fisch, dann wollen sie etwas ohne Erdnüsse, Erbsen und Milch, und dieser verdammte Major verlangt von mir eine kalorienarme Vorspeise – bin ich denn im Zoo!?“

Längeres Blättern brachte zutage, dass auch Selleriesalat ausfiel. Schneckenragout wäre ohnehin viel zu teuer gewesen, hätte aber der angeheirateten Schwippnichte Dorothea zu schweren Beschwerden geführt. „Warum essen diese Leute nicht à la carte“, fragte ich verwundert, aber Hansi musste es mir gar nicht erklären. „Wenn ich dreißig Gästen je drei Gänge auftrage, und geschätzt hat jeder zweite noch einen Sonderwunsch, dann ist bei dem einen das Dessert, während der andere noch auf die kalte Suppe wartet.“ Das leuchtete ein. Immerhin hatte ich nicht gefragt, warum die Gesellschaft überhaupt in ein öffentliches Lokal gingen und sich nicht ihre eigenen Stullen mitbrachten.

„Vielleicht könnte man aus Kartoffelschalen einen Sud kochen.“ Petermann, Entremetier und seit Jahren Brunos rechte Hand, versuchte die Situation zu retten. „Oder aus Pilzen?“ „Viel zu teuer“, knurrte Hansi. „Dann sollten wir lieber den Blumenkohl von gestern zu Brühe verarbeiten.“ „Fräulein Haubenstockler, die Zukünftige von Itzenplitzens zweitem Sohnemann, verträgt keinen Muskat.“ Bruno war schon im Trockenlager. Vielleicht ließ sich aus glutenfreiem Hafermehl eine Pampe anrühren, mit der man die Sippe satt bekam.

„Überhaupt“, überlegte Hansi, „wir haben doch eine Tagessuppe.“ „Aber die kochen wir frisch“, gab Bruno zurück. „Ich will hier keinen Tütenkram in meiner Küche sehen, auch nicht ausnahmsweise und nicht einmal püriert!“ Sein Bart ließ keinen Zweifel, es war ihm ernst. „Außerdem dürfen keine Erbsen drin sein“, erinnerte Petermann. Bruno Bückler explodierte. „Soll ich diesen Idioten heißes Wasser servieren“, schrie er, „und ein Foto von einer halben Scheibe Toastbrot!?“ „Vegan!“ Doch Petermann verwarf seinen Gedanken ebenso schnell wieder. Das alles war eine ausgesprochene Schnapsidee, und keiner wusste wirklich weiter. Doch dann hatte ich eine Idee. „Ich brauche eine halbe Stunde“, verkündete ich, „und Hansi kommt mit.“ Bruno seufzte ergeben. Was sollte er auch tun.

„Das Süppchen kommt sehr gut an“, berichtete Hansi, „der Jubilar und sein Schwager Holzhändler Itzenplitz haben soeben Nachschlag geordert.“ „Das spricht nicht für die Offiziersmesse“, antwortete Petermann trocken. „Aber jetzt etwas Vorsicht mit den Bratlingen, die Sauce nur ganz leicht übergießen, und das Gelee an den Tellerrand.“ Die Köche zirkelten, die Kellner hebelten einen Teller nach dem anderen in den Saal. Bruno tupfte sich den Schweiß von der Stirn. „Wenn das rauskommt, bin ich geliefert.“ „Ach was“ tröstete ich ihn. „Gesunde Zutaten, schonend gegart – wen wir lieben, dem geben wir nur das Allerbeste.“ Er starrte auf das Etikett mit dem bemerkenswerten Spruch. Das letzte verbliebene Gläschen Muckis Babykost Hypoallergen. „Nicht aus der Tüte – und so lecker!“

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s