Mut zur Wahrheit

20 06 2016

„Wie lange sind Sie da schon Mitglied?“ „Gut zwei Jahre. Aber gemerkt habe ich es recht schnell, dass da etwas nicht stimmen kann.“ „Schön. Und Sie haben sich entschlossen, den Ausstieg zu wagen?“ „Ja, ich kann nicht mehr. Mein Leben ist völlig im Arsch, das geht so nicht weiter.“

„Sie haben sicher am Anfang das Gefühl gehabt, dass Sie endlich eine Orientierung finden.“ „Genau, ich hatte endlich wieder den Durchblick – diese ganzen Zusammenhänge, man macht sich das ja gar nicht klar, wie man bisher gelebt hat.“ „Und Sie haben ein ganz neues Denkmodell bekommen.“ „Ja, das war so eine Art, wie soll ich es nennen…“ „Wie Sie wollen. Hier gibt es keine Denkverbote.“ „… eine Art Erlösung, weil plötzlich alles stimmte. Das war ganz wichtig für die Ausrichtung im Alltag, man musste da ja immer wissen: die anderen sind alle gegen uns. Die wollen uns zerstören.“ „Hm, verstehe. Und Sie sind dann aus ihrem bisherigen Umfeld herausgelöst worden?“ „Ganz massiv. Das ging aber von ganz alleine, denn ich habe von Anfang an eine Entfremdung gespürt – ich habe denen gar nicht mehr zugerhört, weil ich ja wusste, nur ich habe recht.“ „Hm.“ „Und dann waren da zwei ganz und gar getrennte Welten, wir und die. Und dann wurde uns immer klarer, auch wenn man es nicht so merkt, dass die uns bekämpfen wollen, wir müssen die fertigmachen. Die schaden uns.“ „Hm.“ „Und das machte dann natürlich einen großen Teil des Denkens aus.“

„Sie haben ein ganz neues Gesellschaftsmodell bekommen.“ „Uns wurde mit sehr vielen Klischees beigebracht, wie wir sie zu hassen haben, damit wir als Gruppe an Ende den Sieg davontragen würden.“ „Also eine Ideologie der Überlegenheit.“ „Genau, gleichzeitig wurde uns immer wieder gesagt, dass wir die Bewahrer der einzig richtigen Werte seien, die die anderen nur missbrauchen würden.“ „Wie hat man es begründet?“ „Sie haben sich immer neue Geschichten ausgedacht, wie die Bösen mit ihren Lügen die Welt ruinieren würden.“ „Sie sagen, die hätten es sich ausgedacht?“ „Meistens handelte es sich nur um Halbwahrheiten, Übertreibung, um Mythen, oft um bewusste Irreführung.“ „Von Ihnen wurde aber erwartet, dass Sie das glauben?“ „Ja, und wir galten dann in der Ideologie als Mutige, die gegen die Herrschaft der Lüge ankämpfen.“

„Wie sah Ihre Gruppe Wissenschaft?“ „Es gab da zwei Grundprämissen. Nach der einen waren die Voraussetzungen für Wissenschaft immer von der fremden Ideologie gesteuert.“ „Und die zweite?“ „Wir waren der Ansicht, dass jeder Wissenschaftler irgendwie auch zur Wissenschaft gekommen sei, weil er Teil eines vom Teufel behafteten Systems ist. Sonst würde er ja die Wahrheit suchen und nicht so eine abstrakte Sache wie Wissen.“ „Interessant.“

„Das Wichtigste war aber, dass die Ideologie nicht mehr zur Wirklichkeit passte.“ „Sie haben da eine gewisse Inkonsequenz festgestellt?“ „Es war nicht so auffällig am Anfang, aber dann habe ich gemerkt, dass wirtschaftliche Zusammenhänge sehr wichtig waren für die Organisation.“ „Sie hatten das Gefühl, dass Sie auf Lügen stießen?“ „Vor allem auf Manipulation, und zwar auf solche, bei denen sich der Führungszirkel an Geldern bediente, die eigentlich für ganz andere Zwecke gedacht waren. Das fand ich bedenklich.“ „Sie haben dies natürlich kritisiert.“ „Nein.“ „Warum nicht?“ „Weil Kritik immer und überall und mit der maximalen Schärfe geäußert werden sollte, oft beleidigend, vor Bedrohung haben diese Zirkel auch nicht Halt gemacht, aber eben nur nach außen.“ „Wie ging das mit dem Gebot der Wahrhaftigkeit zusammen, das Sie als…“ „Gar nicht. Und deshalb kamen auch die existenziellen Zweifel, die mich zum Entschluss gebracht haben, dieses Kapitel meines Lebens so schnell wie möglich abzuschließen.“

„Die Gruppe hat auch in Ihr persönliches Leben eingegriffen?“ „Oft, ja.“ „Man hat Ihnen befohlen, mit welchen Menschen Sie Umgang haben dürfen.“ „Nicht offiziell, aber jeder Kontakt außerhalb der inoffiziellen Norm wurde sofort sanktioniert, und es wurde auch stets darauf geachtet, dass die anderen nicht zu diesem Umgang geeignet waren.“ „Als überindividuelle Gruppe?“ „Ja.“ „Wurden Ihnen Vorschriften gemacht, wie Sie im Familienleben zu handeln hätten?“ „Ja.“ „Bis weit in Ihr Sexualleben hinein, richtig?“ „Ja.“ „Und das wurde immer mit dem moralischen Überbau getan, an den sich die anderen außerhalb der Gruppe nicht halten würden, richtig?“ „Richtig.“ „Das wurde instrumentalisiert als Druckmittel, um Mitglieder der Gruppe zu konformem Verhalten zu bewegen.“ „Während die Führungszirkel diesen moralischen Ansprüchen nicht nur nicht entsprochen, sondern sie auch mit Absicht gebrochen haben, um dem Fußvolk zu demonstrieren, dass sie über jeden Anspruch erhaben sind.“ „Ja. Eigentlich immer. Ja.“

„Und Sie könnten sich ein Leben außerhalb der Gruppe wieder vorstellen?“ „Ich bin natürlich sehr enttäuscht, aber ich habe auch die Hoffnung, dass mich mein soziales Umfeld wieder annimmt, wie ich vorher gewesen war.“ „Ängste?“ „Ich habe mehr als einmal erlebt, dass man Aussteiger mit dem Tode bedroht hat, und man hat sie natürlich pauschal als Lügner abgestempelt, weil sie ja jetzt bei der Gegenseite waren. Aber es ist besser so, glauben Sie mir.“ „Haben Sie denn noch Kontakte außerhalb der Sekte?“ „Wieso Sekte? Ich war in der AfD!“

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