Couch Gag

22 06 2016

Ganz hinten, da wo die Bilderschublade schon fast zu Ende ist, tat sich plötzlich ein Hohlraum auf. Hatte ich beim Umzug etwa einige Fotografien zu weit hineingeschoben und sie an der Lade vorbei an die Rückwand gedrückt? War dies eine Geheimtür, verbarg sich hier etwa ein aus unbekannter Quelle stammender Abzug, den ich mit dem Möbel geerbt hatte? Würde dieser Freitagstexter eine der letzten Mysterien der westlichen Ikonografie lösen?

Das Spiel war so lala, Herr Breschke hat noch einen zweiten Schnaps genommen, dann hat er sich das Foto angeschaut – „Die sieht aus wie meine Schwägerin, damals hatten die ja alle diese fürchterlichen Frisuren, schrecklich, aber sagen Sie das mal nicht meiner Frau, die hatte auch so eine!“ – und dann hat er mir erklärt, das da auf dem Bild, das seien doch die Simpsons. Also die richtigen. So, wie sie eigentlich gedacht gewesen waren. Noch ohne das Mädchen mit dem Saxofon. Aber diese Dame mit der Turmfrisur und dem Schlauchkleid könne nur Marjorie Bouvier, verehelichte Simpson, sein. Es gebe keinen Zweifel.

Wahrscheinlich meint Breschke die Sopranos. Oder er verschweigt mir seinen Fernsehkonsum. Jedenfalls nahm er die Ergebnisse dieses Durchgangs sehr genau unter die Lupe. Während er noch von seiner Schwägerin erzählte, habe ich schon mal das Schränkchen mit der ominösen Schublade untersucht. Ich habe nichts entdeckt. Wohl aber habe ich dann zu späterer Stunde – der Gast war längst wieder zu Hause – im Glanz des goldenen Pokals über jene vier Gestalten meditiert. Wahrscheinlich waren dies erste Probeaufnahmen für eine ganz andere Serie. Der Bronzerang für hele und die Erkenntnis, dass Monty Python ihre Finger eigentlich in allem drin gehabt haben müssen:

aus dem „ministry of silly stares“

Doch vielleicht war es noch ganz anders, zwar Probeaufnahmen, auch britisch, aber es wird nie herauskommen, ob und wie sie Einfluss auf eine der bekanntesten Filmreihen genommen haben. Oder Hape Kerkeling tritt in einer spektakulären Doppelrolle als Königin… nein, ich will mir das nicht vorstellen müssen. Silber, weil ich die Bilder nicht mehr aus dem Kopf kriege, für noemix:

Weil feministische Kreise aus Gleichstellungsgründen eine weibliche Hauptdarstellerin der Titelrolle im nächsten „James Bond“-Film fordern, dürfen indessen auch männliche Kandidaten zum Casting für die Rolle der „Miss Moneypenny“ antreten.

Es waren also geheime Aufnahmen, sie befanden sich gut verwahrt in einem Versteck, bis sie durch einen Zufall veröffentlicht wurden. So muss es gewesen sein. Kein Zweifel. Das Rätsel ist gelöst. Der Pokal geht in dieser Runde an Poppkörnchens Aufklärung der geheimnisvollen Dame:

Endlich kennen wir die drei Gründe, warum Margret in den Sechzigerjahren eine Affaire mit ihrem Chef Günter begann.

Herzlichen Glückwunsch! Weiter geht’s 24. Juni bei Poppkörnchen, wenn da noch mehr Koffer aufgetaucht sein sollten. Oder Kisten. Kommoden. Oder Schubladen. Viele geheimnisvolle Schubladen.





Statt Sicherheit

22 06 2016

„Also nur für das eigene Umfeld?“ „Es ist auch nichts dagegen einzuwenden, wenn Sie sich in den entlegeneren Bezirken Ihrer Heimatstadt einmal gründlich umschauen.“ „Und wenn das auffällt?“ „Dann gehen Sie eben nachts. Wenn Bürgerwehren das können, können das Hilfspolizisten auch.“

„Die Dienstanweisung sieht vor, dass wir über potenziell verdächtige Elemente Informationen sammeln.“ „Dann wird das wohl vom Ministerium als sinnvoll erachtet.“ „Von de Maizière?“ „Keine Ahnung, aber wenn er nicht widersprochen hat, wird das wohl so sein.“ „Was sind denn bitte potenziell verdächtige Elemente?“ „Das müssen Sie schon selbst herausfinden.“ „Verdächtige Leute?“ „Die Leute, bei denen sich der Verdacht ergibt, dass sie möglicherweise verdächtig werden könnten.“ „Das ist ja Konjunktiv dreieinhalb.“ „Wenn Sie den Eindruck haben, jemand könnte rein theoretisch…“ „Nach welcher Theorie denn bitte?“ „… unter Umständen verdächtig werden, dann melden Sie den dem DDR.“ „Es heißt: der DDR. Es ist die…“ „Das ist die Abkürzung für das Deutsche Denunziations-Register.“ „Wie!?“ „Sie haben ja in gewisser Weise recht. Wir melden halt, bevor wir einen Verdacht haben. Das ist für die Bürger in den neuen Bundesländern ein schönes nostalgisches Moment an der Sache.“

„Mal ganz praktisch gefragt: wie radikalisieren sich denn die Nachbarn?“ „Naja, das kommt darauf an.“ „Jetzt sagen Sie nicht, ich soll einen melden, nur weil der keinen schwarzen Fußballspieler neben sich wohnen haben will.“ „Quatsch, das hat doch keiner behauptet.“ „Ist es nicht vielmehr so, dass die Leute sich heimlich mit Bombenbasteln und Schusswaffen beschäftigen?“ „Das ist ein Klischee, die meisten sind in Moscheen oder…“ „Keiner meiner Nachbarn oder Verwandten ist Muslim, keiner von denen geht in eine Moschee.“ „Auch nicht heimlich?“

„Das ist doch wieder nur eine der üblichen Nebelkerzen, um rechtsterroristische Gewalt zu verharmlosen.“ „Wo sehen Sie denn Rechtsterror?“ „Den Nationalsozialistischen Untergrund und seine guten Beziehungen zum Verfassungsschutz haben Sie anscheinend schon vergessen.“ „Ach so. Das waren aber tragische Einzelfälle.“ „Da haben die Nachbarn also bloß nicht mitgekriegt, dass die sich radikalisiert haben?“ „Nein, das sehen Sie falsch. Die waren schon radikalisiert, da war dann schon nichts mehr zu sehen. Manchmal ist man eben als Staat auch mal machtlos.“

„Und dieses Denunziations-Register, da melde ich dann jeden, der plötzlich eine Hakenkreuzfahne im Wohnzimmer aufhängt?“ „Da müssen Sie schon ein bisschen mehr niedrigschwellig denken.“ „Wie bitte?“ „Also einfach, ganz einfach.“ „Auf dem Niveau von de Maizière?“ „Unterbrechen Sie mich jetzt nicht. Sie müssen der Gefahr schon auf die Schliche kommen, bevor sie entsteht.“ „Bevor sie zu entstehen drohen könnte?“ „Ich glaube, Sie haben das langsam kapiert.“ „Wenn mein Nachbar beispielsweise Verständnis für Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte äußert?“ „Eher, wenn Sie so ein komisches Bachgefühl haben.“ „So eins wie die Bundeskanzlerin, wenn sie mit dem Grundgesetz konfrontiert wird?“ „Nein, eher sicherheitsmäßig. Wenn die Leute im Hausflur immer freundlich grüßen und trotzdem so wirken, als ob sie etwas zu verbergen hätten.“ „Ich habe auch einiges zu verbergen.“ „Aber Sie sind nicht der Typ, der im Hausflur freundlich grüßt. Bei Ihnen mache ich mir da keine Sorgen.“

„Und dann kommen die Hilfspolizisten vorbei, oder wie soll ich mir das vorstellen?“ „Ach was, das dauert. So viele kann man gar nicht einstellen, außerdem sind die für Wohnungseinbrüche gedacht. Man kann sich auch nicht um alles kümmern.“ „Sagt die Hilfspolizei?“ „Sagt de Maizière.“ „Auch nicht besser.“ „Bevor da irgendwas passiert, müssen sämtliche Daten erst einmal gründlich ausgewertet werden. Das nimmt einige Zeit in Anspruch, denn es sind mehrere Behörden damit beschäftigt.“ „Und wann passiert mal etwas?“ „Nicht so schnell, wir sind schließlich immer noch in einem Rechtsstaat.“ „Noch immer?“ „Dann kommt erst unser Analyse- und Auswertungstruppe. Die Statsi.“ „Von Stasi oder von Statistik?“ „Weder – noch. Die Statsi ist zuständig für alle Aktivitäten statt Sicherheit.“ „Also doch Staatssicherheit.“ „Nein, hören Sie doch mal zu! Statt Sicherheit – wir können ja objektiv keine Sicherheit garantieren, stattdessen verbreiten wir halt subjektive Unsicherheit.“

„Meinen Sie nicht, dass der Mann mit seinem Amt völlig überfordert ist.“ „Ach was.“ „Und warum macht er dann so eine…“ „Ich meine, nicht mit seinem Amt. Dass er überfordert ist, da gebe ich Ihnen recht.“ „Und dieses Theater hier? dies ständige Geschnüffel, ob man nicht irgendjemanden verleumden kann? Diese permanente Angst, dass man in unserer entsolidarisierten Gesellschaft selbst zum Opfer irgendeiner Rufmordkampagne wird?“ „Das entspricht doch nur dem aktuellen Trend.“ „Ich weiß nicht, ob ich das Trend nennen würde.“ „Gucken Sie doch in die Lifestyle-Zeitschriften: alles redet ständig von vermehrter Achtsamkeit.“ „Entschuldigung, aber Sie haben einen Knall.“ „Bitte, so nehmen Sie doch Vernunft an!“ „Ich will von dem Murks nicht mehr hören!“ „Aber unser Bundesinnenminister möchte doch einfach nur ein bisschen beliebter sein.“ „Was!?“ „Er setzt sich doch ein. Er liebt doch alle Menschen.“