Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXXXIV): Clickbaiting

24 06 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Für Rrt sah die Sache auch nicht besser aus. Die Hauptfrau hat ihn aus der Höhle geworfen, nachdem er einen Eimer Palmschnaps aufs frisch gereinigte Schlaffell gehustet hatte. Bei Nggr war gerade die bucklige Verwandtschaft zu Besuch, die Gattin von Uga hatte soeben irgendein Kind zur Welt gebracht – so genau zählte man damals nicht – und er wusste nicht, wo er übernachten sollte. Ein Kleckerchen Getreidebrei trug er noch bei sich für die Nacht, aber das verbesserte seine Gefühlslage nicht nennenswert. Da stand eine fesche Braut an der Blätterhütte neben dem Fischtümpel. Rrt drückte der Drallen drei Eberzähne ins Händchen, nestelte erwartungsfroh seinen Pelz auf und spürte das Blut in seinen Arterien gefriertrocknen. Auf der Moosunterlage rekelte sich etwas, das nur einen Schluss zuließ. Die am Eingang musste ihre Enkelin gewesen sein. Schade eigentlich.

Das funktioniert bis heute, und das funktioniert im Internet erst recht. Weil das Klickibunti mit den gefühlten 99 Prozent Luft nach unten jede noch so redundante Information zur Not hinter sich selbst versteckt, um den Nutzer im Augenblick festzuschwiemeln, braucht es Angelhaken, spitze Dornen zum Kobern für den schnellen Leserausch, damit die hirnreduzierte Masse im Dunkel des unsortierten Wortdurchfalls nicht weiterdümpelt und nach dem nächsten Wurm schnappt. Das bisschen intelligente Leben in diesem stehenden, halb umgekippten Gewässer, es hat sich schon fast abgewendet von der Hoffnung, in der medialen Unratsuppe zu überleben. Die Nebenprodukte der Zivilisation haben die Herrschaft übernommen, kurzlebige Arten mit der Aufmerksamkeitsspanne von Mikroben, instinktgesteuert, wenngleich mit wenig davon ausgestattet. Zehnmal wollen sie unbedingt sofort und jetzt gleich alles, statt etwas zu verpassen, von dem sie nicht einmal wissen, was es ist. Sie wissen nicht, dass sie eigentlich Köder sind, weniger Konsumenten als das Produkt selbst, das in evolutionär signifikanten Mengen verbraucht und gleich darauf entsorgt wird.

In der eher vernachlässigbaren Existenz der Querkämmer passiert nachweislich nichts – wie auch, wenn Permanentberieselung mit medialem Sondermüll zum seit Generationen in die Gene eingelaserten Programm gehört, das die mähliche Abstumpfung bis in valiumgeschwängerte Gefilde hievt, wo nur noch grobe Schmerzreize für wenige Sekunden aus dem Halbkoma holen, bevor die Dumpfklumpen wieder im Sopor ersaufen. Jetzt aber, jetzt! Unglaublich, was der Mann da mit dem Eierkarton macht! Faszinierend! Wir werden alle gar nicht darauf kommen, was dann geschieht! Der nackte Wahnsinn! Wahrscheinlich klatscht er ihn platt und tritt das Ding in die Tonne.

Aber selbst da, rabulierende Rhetorik im letzten Gewindegang für zu viel Scheiße unter der Sahnehaube, rechnet sich der knapp kalkulierende Businesskasper aus, wie viel Adrenalin er braucht, um den Aggregatzustand der sedierten Herde zu ändern. Er arbeitet gegen seine eigene Verrichtung an, proximate Ursachen des Verhalten zeitweilig wieder zu unterdrücken. Der instinktiv Beknackte wird intellektuell ausgeknipst, bevor er in einer Art Kurzschlusshandlung aufflackern darf, damit der Konsumismus nicht die Grätsche macht. Latscht in die Werbung, sagt der Schmadder, um mehr geht es doch gar nicht. Wenn wir sie verkaufen, dann doch wenigstens für dumm.

Damit der dünn angerührte Schlumpf sein Äußerstes gibt, wird er am Plärrzentrum gepackt. Ein Zehnjähriges ist seit Wochen um, jetzt lesen wir den erschütternden Brief an die Eltern. (Reklame für Appetitzügler, mit einem einfachen Trick zehn Kilo in weniger als einer Million Jahren verlieren.) Die Tragödie eines Schülers, der als Großvater wieder nach Hause fand. (Weil er mit einem Kredit die Hütte abreißen konnte.) Die dreiundneunzig Dinge, die man nicht verpasst haben darf, wenn man vor siebenunddreißig Jahren höchstens elf war. (Billiger Spot für gefärbte Zuckerplempe, die es damals noch nicht gab, aber der Creative Director macht den Mist auch nur für die Kohle, außerdem ist er noch nicht alt genug.) Kurz bevor es haarig wird, rutschen Kinder und Katzen auf den Rührungsdrüsen herum. Irgendwie kriegt man die Sache immer verkauft.

Der Guckreiz drückt von innen gegen die Rinde. Der auf Passivität gedrillte Kurzstreckendenker muss selbst die Tür eintreten, die ihm ein Komplize von innen vernagelt, er ist nicht verführt worden. Und der Komplize weiß um die Denkart der Schnitzelkinder: was alle wollen, das muss gut sein. Teilt der Bescheuerte seinen Müll, den er nicht einmal begriffen haben wird, auch noch in den asozialen Medien, so wird er endgültig seinem Ruf als Marionette gerecht: die Beute, die Lockspeise wird. Das Schrecklichste, was man sich vorstellen kann. Achtunddreißig Gründe, warum es einem trotzdem wumpe ist. Bei Nummer dreizehn wäre der Redakteur fast eingeschlafen. Und jetzt die Klickstrecke. Bleib dran, Du Opfer.


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2 responses

24 06 2016
Alice Wunder

Des Internetz is halt bloß ne Littfaßsäule mit unendlich Fläche.

24 06 2016
bee

Ja, das halte ich für denkbar. Wer auf der einen Seite der Rundung steht, kriegt von der anderen Seite eben nicht mehr viel mit 😉

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