Marschlöcher

27 06 2016

„Hatten Sie an ein konkretes Projekt gedacht oder sind Sie eher an einer generellen Umkehrung von gewissen Verhältnissen in diesem gesellschaftlichen Kontext interessiert? Ich frage das nur wegen der Dauer des Einsatzes. Sie müssen ja auch wissen, was Sie sich das kosten lassen wollen.

Ja, das stimmt. Wir haben damals mit Bürgerinitiativen begonnen. Hier mal eine 30-Kilometer-Zone verhindern, eine Verkehrsinsel, das waren noch Zeiten! Dass man eventuell damit die Startbahn West durchkriegt, ein Kernkraftwerk, oder – ja, Sie haben recht, das ist absolut crazy! – einen Bahnhof, wobei: da muss ich jetzt leider den Mund halten. Wir haben auch Betriebsgeheimnisse, und Sie möchten sicher nicht in Gewissenskonflikte kommen, oder?

Wobei: Gewissen, das ist so eine Sache. Viel davon dürfen Sie hier nicht haben, auch nicht so eine intermittierende Solidarität mit dem Volk, das sich irgendwo leider so stark mit seiner Heimat identifiziert, dass es da Häuser bauen und wohnen will. Da gehen die Interessen des Kapitals nun mal ganz eindeutig vor. Einflugschneise zum Beispiel, oder Nachtflugverbote, wobei: wenn so eins dann durchkommt, dann steigen auch die Grundstücke wieder im Wert, und dann müssen Sie schon überlegen, ob Sie vorher eins kaufen und es dann hinterher abstoßen, aber gut, so eine Frage des Gewissens ist das jetzt nicht. Wir sind inkognito unterwegs und in vielen Vereinen und Verbänden tätig und in Bürgerinitiativen. Keine Lobbyisten, das hat in Deutschland immer so einen negativen Touch. Eher eine stimmbildende Maßnahme. Für die Stimme des Volkes halt.

Diese Sache mit dem Saatgut, Sie haben sicher davon gelesen, da haben wir gerne mal eine ganze Mannschaft losgeschickt. Natürlich nur gut erprobte Spezialisten, die müssen sich ja mit ihrem Umfeld auch auskennen. Parlamente, Kommissionen, die Industrie, Banken, die Kontaktbereichsfachkräfte, die den Landwirten mal ein paar Fragen stellen, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen, auch gerne mal mit leicht existenziellem Unterton, wobei: wir sind ja im Vorfeld immer an den finanziellen Bedürfnissen unserer Zielgruppen interessiert, das dürfen Sie nicht falsch verstehen. Verwechseln Sie uns nicht mit der Mafia. Oder mit dem Verfassungsschutz. Damit wollen wir nichts zu tun haben.

Aber beispielsweise die vielen besorgten Bürger, die gegen Flüchtlingsheime in ihrem Viertel sind. Gut, die sind nicht direkt neben ihrer Haustür, und manchmal sind die auch nicht in ihrem Viertel, aber dafür sind es größtenteils gar keine besorgten Bürger. Wir springen da gerne ein, damit die schweigende Mehrheit sich äußern kann. Das ist ja manchmal gar nicht so einfach, wobei: die haben zwar eine Stimme, aber manchmal sagen die nicht das, was wir uns vorgestellt hatten. Oder unsere Auftraggeber. Aber dafür gibt es uns ja.

Doch, Sie dürfen uns ruhig als gesellschaftlich relevant begreifen. Wir betrachten uns auf einem Marsch. Auf einem Marsch durch die Institutionen sozusagen, durch die Politik, damit der Bürger sich vertreten fühlt, und durch die Bevölkerung, damit die Politik weiß, worum es eigentlich geht. So eine gesamtgesellschaftliche Einheit würden Sie mit etwas Bestechung nie hinkriegen.

Natürlich haben Sie dann immer noch das Problem mit der Presse. Die wollen Ihnen ja nie glauben, dass das alles ganz basisdemokratisch, wobei: Basis stimmt, aber über Demokratie würde ich mich an Ihrer Stelle mit denen nicht streiten, da haben die sowieso ihre eigenen Ansprüche. Und da ist es ja auch kein Wunder, dass keiner mehr die Presse mag.

Also für Sie jetzt erstmal nur das mit den Fahrradwegen? Ach, Sie haben da Baugrund, dann ist das klar. Wir machen das zum Einheitspreis, wenn Sie später beispielsweise eine Erweiterung auf drei Fahrspuren wollen, wobei: da man auch da den Fußgängerüberweg wegnehmen würde, müssten wir unsere Kommunikationsstrategie nochmals überarbeiten. Oder gleich ganz andere Leute einsetzen. Das ist Ihre Entscheidung. Aber jetzt erstmal nur den Radweg. Wir würden da vielleicht eine praktische Überprüfung machen, in etwa mit einem halben Dutzend Kraftfahrern pro Tag, die sich durch Radfahrer massiv in ihrer Verkehrssicherheit bedroht fühlen. Wenn Sie uns die Adresse vom zuständigen Bauamtsleiter geben, wobei: den kenne ich sogar, der hat nebenbei ein Autohaus. Ich würde sagen, läuft bei Ihnen.

Man kann ja für spätere Projekte immer offen bleiben, nicht wahr? Falls Sie auch mal einen Bahnhof bauen sollten. Oder bei akut drohender Errichtung einer Moschee, wobei: wir sind ja doch bemüht, die Grenzen des geltenden Rechts nicht zu sehr überzuinterpretieren. Das schaffen manche besser, manche nicht so gut, dann gibt es noch die Hamburger Polizei, und wir haben einen sehr individuellen Weg, uns mit der Materie zu befassen. Falls Sie Fragen haben, stellen Sie die lieber vorher. Ein Teil der Antworten könnte Sie verunsichern.

Sie müssten nur noch ein paar Formulare ausfüllen, dann können wir auch schon beginnen. Gucken Sie sich das lieber noch mal auf dem Stadtplan an, möglicherweise eignet sich da ein Grundstück auch für einen Kindergarten. Oder ein Pflegeheim. Oder ein Hospiz, wobei: Schulen kriegen Sie schwieriger weg. Und noch eine kurze Frage, bevor Sie unterschreiben: aus der EU wollen Sie nicht zufällig raus?“

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