Katerstimmung

29 06 2016

Bismarck lag apathisch auf dem Sessel und schniefte. „Sie sehen es doch selbst“, jammerte Herr Breschke, „er kann es gar nicht gewesen sein!“ Das ließ sich nun nicht leugnen; zwar schlich der von einem Sommerschnüpfchen gequälte Dackel ab und an in die Küche und schlappte ein bisschen Wasser, doch das Haus hatte er seit einer Woche nicht verlassen.

„Er war es nicht!“ Horst Breschke stampfte voll Empörung leise auf den Teppich, immer bedacht, den dämmernden Hund in seinem Genesungsschlaf nicht zu stören. „Ich bin ja gleich mit ihm zum Tierarzt, und seitdem liegt er und kuriert sich aus. Er kann Gabelsteins dämliche Tulpen überhaupt nicht zertrampelt haben – das bildet dieser Idiot sich nämlich nur ein. Was weiß ich, wahrscheinlich trinkt er wieder und…“ Da gebot ich dem zornigen Hausherrn Einhalt. „Keine Vermutungen“, mahnte ich, „wir brauchen verlässliche Fakten. Nur damit kommt man dem Mann auf die Spur.“

In der Tat war Gabelstein einer von der Sorte Nachbarn, die einem das Leben auf einer einsamen Wüsteninsel im Ozean schon nach kurzer Zeit recht schmackhaft machen. Im Herbst kippte er sein Laub auf Breschkes Rasen, anstatt es – was weniger Aufwand bedeutet hätte – auf den eigenen Kompost zu tragen, im Winter schippte er den Schnee von seinem auf Breschkes Trottoir, schoss auf den Nachbarn zur anderen Seite mit Kernen, die von dessen Kirschbaum stammten. Nun hatte Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, mehr als einmal sich in Gabelsteins Garten an den Beeten verlustiert, ein Gartenzwerg war zu Bruch gegangen und hatte die Gräben zwischen den beiden noch einmal empfindlich vertieft. Leicht war es nicht. Wenn man ihn ignorierte, ging es einigermaßen.

„Ich werde diesem Unhold gehörig die Meinung geigen“, knurrte der Alte, und schon lief er die Treppe empor. Ich folgte ihm. Er zog die Gardinen zur Lagebegutachtung ein wenig auf. „Dort ist das Beet“, erklärte Breschke. „Wenn Bismarck – also ein Hund, ein anderer Hund natürlich auch, aber der müsste dann ja von der Straßenseite, und wir haben hier eigentlich keine anderen Hunde.“ Er sah mich an, eine Mischung aus Argwohn und halber Furcht im Blick. War es doch der eigene Dackel gewesen? Aber der lag ja ab und an hustend im Wohnzimmer. „Wer könnte ein Interesse an Gabelsteins Blumen haben?“ Der pensionierte Finanzbeamte musste wirklich scharf nachdenken; üblicherweise wären neue Nachbarn, gefährlich aussehende Chinesen – die für ihn immer gefährlich aussahen, sonst wären es keine Chinesen gewesen – oder geheimnisvolle Möbellieferanten die Quelle seines Misstrauens geworden, doch jetzt war alles anders. „Da!“ Ich packte ihn am Arm. Durch den Staketenzaun glitt geschmeidig ein dicker, rot getigerter Kater.

„Zu wem gehört denn der?“ Breschke hielt die Luft an, als wollte er das behäbige Tier dort unten in Gabelsteins Garten nicht erschrecken. Der Kater schnürte zielgerichtet an der Hecke entlang und betrat dann das besagte Tulpenbeet. „Er scheint sich dort recht wohlzufühlen“, bemerkte ich. Genüsslich scheuerte er sich an der Hauswand und ließ sich dann in die Blumen fallen. Bismarck war, was dies anging, ein Musterbild an Gründlichkeit, doch fehlte es ihm immer an der nötigen Zerstörungswut.

Keine fünf Minuten später – der Kater hatte sich noch einmal genussvoll und entspannt die Pfoten geleckt und war auf der anderen Seite der Hecke über das Grundstück der Breschkes verschwunden – tobte Gabelstein am Zaun, schrie und schüttelte wutentbrannt die Fäuste. „Sehen Sie?“ Ich begriff. „Was machen wir denn jetzt?“

Der Ersatzgartenzwerg stand noch in Packpapier eingeschlagen im Kellerregal. „Meine Tochter hat gleich drei von ihnen gekauft“, erklärte Breschke. „Einer hat den Transport nicht überlebt, dann hat meine Frau einem mit dem Besenstiel die Nase abgehauen, und der hier ist noch übrig.“ Ich nahm ihn heraus und trug ihn behutsam die Treppe empor. Dort am kleinen Baumstumpf dicht am Zaun passte das Ding ganz gut. „Man sieht ihn ja gar nicht“, maulte Breschke. „Lassen Sie mich nur machen.“ Wir stellten ihn unter großem Gestikulieren und mit enormem Theater ab. Dann gingen wir im Schutz des Kellertreppenaufgangs in Deckung.

Hinter dem Fenster bewegte sich ein Schatten. Die Tür öffnete sich einen Spalt, heraus huschte Gabelstein, die Harke in der Hand. Wo kurz zuvor noch der fette Kater sein Unwesen getrieben hatte, drückte er sich an der Wand lang auf die Hecke zu, wo er sich duckte und gebückt nach vorne schlich. Wir hielten die Luft an. Da knackte es, raschelte und keuchte unterdrückt, um nur ja keinen Laut zu machen. Millimeterweise drehte Gabelstein den Stiel um und schob ihn zitternd durch die Hecke. An einem starken Ast blieb er fast stecken, dann kam der Stiel näher, dicht über dem Boden, noch zwei Handbreit, noch eine –

„Schaffen Sie’s alleine?“ Mit dem Fuß hatte ich auf den Rechen getreten, während sich zwischen Stiel und Kiesweg Gabelsteins Finger befanden. Ein unterdrückter Schmerzensschrei zeigte an, dass die Operation gelungen war. Er fuhr in die Höhe. „Was machen denn Sie hier?“ Es raschelte hinter ihm an der Hauswand. Da war er wieder, der rote Kater. Wie von der Tarantel gestochen drehte sich der Mann um. Die Harke verhielt sich vorschriftsmäßig, ihr Stiel schlug Gabelstein mitten ins Gesicht. Breschke lugte von der Kellertreppe auf. „Vielleicht sollte ich Bismarck wieder in den Garten lassen.“ Ich nickte. „Eine gute Idee. Die frische Luft wird ihm gut tun.“

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