Drei Farben: Blau

7 07 2016

Die klackernden Flaschen rasten das Band entlang. Das Geräusch war ohrenbetäubend. „Hier laufen gut zweihundertfünfzig Liter pro Minute entlang“, schrie Wabschke mir ins Ohr, obwohl er direkt neben mir in der großen Abfüllhalle stand. „Das ist der Hustensaft, und da hinten…“ Ein Arbeiter reichte ihm ein Klemmbrett hoch. Die Flaschen störte das nicht.

„Sie müssen das entschuldigen“, sagte er mit einem unbeholfenen Lächeln. „Wenn man aus der Anlage kommt, dann brüllt man in den ersten paar Minuten noch weiter, ganz unwillkürlich.“ Hier ließ es sich jedoch aushalten. Durch dicke Glasscheiben sah man die Flaschen, braun und weiß, groß und klein und mittel, in verschlungenen Bahnen auf den metallenen Laufbändern entlangsausen. Hier kippte eine Art Trichter sie zu Dutzenden in einer Sekunde auf die Transportraupe, sie wurden geschwenkt und geteilt, dort in einem Augenblick gefüllt und im anderen verkorkt, schnapp! saß eine dünne Hülle auf dem Verschluss, und batsch! wickelte ein langer Arm, eigentlich eher ein Finger, ein buntes Stück Papier als Etikett auf das gläserne Behältnis. Das also war Hinzpeters Hustensaft, der neben dem altbekannten Stärkungstonikum für die Hausfrau den Hauptumsatz des Konzerns ausmachte.

„Allein die krampflösenden Mittel haben im letzten Quartal einen Mehrumsatz von gut zehn Prozent zu verzeichnen gehabt.“ Wabschke sagte dies nicht ohne einen gewissen Stolz, schließlich ging es dem Unternehmen gut. „Dabei haben wir die Produktpalette sogar noch erheblich erweitert gegenüber den vergangenen Jahren. Unsere Schmerzmittel werden allgemein gut angenommen, auch als Kombinationspräparate, und dazu haben wir ein herausragendes Schlafmittel entwickelt, das in den nächsten Wochen auf den Markt kommen wird.“ Er griff hinter sich und zog eine Flasche mit einer wässrigblauen Tinktur aus dem Karton neben dem Schreibtisch. „Nun ja“, bemerkte ich, „auf dem Etikett wird es jedenfalls als Stimmungsaufheller bezeichnet.“ Wabschke guckte irritiert mich an, die Flasche, dann wieder mich. Er stellte sie zurück in den Karton. „Ich weiß jetzt gar nicht, ob das die richtige Farbe…“

Der Ingenieur schrie, aber das lag am Lärm in der Abfüllhalle. Dass Wabschke ihn ebenfalls aus vollem Hals anbrüllte, war dem weniger geschuldet. Nach allem, was ich erkannte hatte, musste es einen Fehler in der Abfüllstraße gegeben haben. „Das ist das andere Blau“, röhrte der Produktionsleiter. „Ich hatte doch eindeutig gesagt, dass wir das andere Blau nehmen! Wie sollen denn die Kunden das nun auseinanderhalten?“ Er raufte sich die Haare.

Inzwischen war im Karton noch eine dritte Flasche mit blauer Flüssigkeit aufgetaucht. Diesmal handelte es sich um ein Desinfektionsmittel. Wabschke stöhnte leise vor sich hin. „Das ist seit gut sechs Wochen im Handel.“ Er schob die Flasche entnervt über den Tisch und wollte sie schon wieder in den Pappkasten zurückstellen, da besann er sich plötzlich. Er griff nach einer Tasse, die im Regal gestanden hatte, pfriemelte die Folie vom Flaschenhals, entkorkte das Ding und goss sich ein. In einem langen Zug trank er die Tasse leer. „Aber es ist doch Desinfektionsmittel“, sagte ich voller Überraschung. Heftig stellte er die Tasse auf. „Kommen Sie.“ Sein Blick war schon glasig.

Die Kanister mit den Farben waren immens groß, sogar gemessen am täglichen Ausstoß der Fabrik. „Alles absolut lebensmittelecht“, bestätigte Wabschke. „Das können Sie trinken, bis der Arzt kommt. Wobei, wenn Sie das trinken, kommt er bestimmt.“ Die Flasche mit Desinfektionsmittel war seiner Kitteltasche; ich zog sie heraus und blickte auf das Etikett. Da begriff ich endlich.

„Unsere Kunden wollen immer das passende Therapeutikum verabreicht bekommen“, erklärte er. „Denen können Sie bei einer ganz stinknormalen Erkältung nicht einfach irgendein Zeug in die Hand drücken. Ausgeschlossen! Da muss dann die Farbe verändert werden. Bei leichten grippalen Infekten bernsteingelb, bei fiebriger Erkältung bis nussbraun und schon leicht blau, für schwere Erkrankungen mit bronchialen Spasmen tiefbraun bis schwarz mit einem leichten Schimmer ins Violette, schauen Sie mal.“ In dem betreffenden Kanister schwappte eine purpurne Flüssigkeit, die leicht nach Himbeeren roch. Offensichtlich kurierte man damit gefährlich klingenden Reizhusten. „Man kann leichte Aromen dazugeben, etwa Lakritze. Aber das nur nebenbei. Das fördert nicht die Heilung.“ Er griff zur Flasche.

In allen Flaschen befand sich nun nichts als reiner Alkohol. „Richtig.“ Wabschke nickte und setzte die Desinfektionslösung nochmals an. „Wissen Sie, die Kunden interessiert doch der ganze Firlefanz nicht, die würden ohnehin gegen alle Wehwehchen Schnaps trinken, und wenn wir ehrlich sind: raus kommt das auf demselben Weg.“ Er leerte die Flasche und ließ sie wieder in seiner Kitteltasche verschwinden.

Der Inhalt hatte seine Wirkung getan, Wabschke kam schon leicht ins Schwanken und mühte sich ab, die Treppe zum Büro zu erklimmen. Seine Schritte wurden schwer. „Ist etwas dran an den Gerüchten, dass Sie mit Hopp und Söhne fusionieren?“ Er drehte sich langsam um, ganz langsam, und dann schüttelte er ganz entschieden den Kopf. „Diese Scharlatane?“ Wabschke war empört. „Eine Firma, die nichts als dubiose Wundermittelchen herstellt?“ „Aber Ihre Medikamente…“ „Nein“, unterbrach er, ernsthaft und fast nüchtern. „Sie dürfen uns nicht mit Homöopathen in einen Topf werfen. Alkohol wirkt!“

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