Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXXXVII): Kindernamen

15 07 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nggr hieß wie sein Vater, der wie sein Vater hieß, und der hieß, wie sein Vater geheißen hatte. Bei Rrt war nicht anders, nur dass er seine Kinder mit Hilfe von Ordinalzahlen auseinanderhielt. Uga schließlich führte die Methode seines Schwagers fort, dem Nachwuchs sprechende Bezeichnungen zu geben, „Winterkind“, „Die Begriffsstutzige“ und „Warum auch noch dieses Drecksbalg“. Jedem Spross seiner Lenden ward sein eigenes Schick-, manchmal ein Schocksal zuteil, immerhin, sie alle waren gut unterscheidbar, kamen wie gerufen und brachten die Entwicklung der Gesprächstherapie sowie des Unterschichtenfernsehens entscheidend voran. Die folgende Generation würde schon etwas machen aus ihren verschissenen Kindernamen.

Weil sich die, bar jeglicher Erkenntnis, stets Eltern aussuchen, die auch in anderen Lebenslagen behandlungsbedürftige Geltungsneurosen mit sich herumschleppen. Sie mögen zu kurz gekommen sein, die Töchter und Söhne aber sollen Jayden-Fynyan oder Shaleela-Soej heißen, auf dass sie bereits in der Kindertagesdeponie in die Riege der Hohlhupen verklappt werden, wo sie kein geistig gesundes Kind mit sozialer Interaktion belästigt. Angefangen hat der verbale Missbrauch im Abseits der intellektuellen Raumkrümmung, wo Mandy, Peggy und Kevin sich allein zu Haus mit der Mattlacktristesse einer reizarmen Umgebung herumärgerten und plötzlich bemerkten, dass nicht sie, sondern ihre Erzeuger verhaltensauffällig sind.

Natürlich ist der Name, wird er außerhalb der Sippen- und Religionszugehörigkeit zugeteilt, ein tragendes Merkmal höchster Individualität. Hielt man früher die Schutzheiligen einer Gemarkung für wichtig genug, sein Volk einheitlich auf ein halbes Dutzend Taufmarken zu konzentrieren, so hielten in der Geschichte schnell wechselnde Moden Einzug. Hier französischer Schick gegen teutonische Gründlichkeit, dort südliches Frömmeln gegen den hanseatischen Pragmatismus, ab und an quetscht sich ein literarisches Figürchen in den Horizont des Bildungsbürgers – wobei der nicht unbedingt den Zuckerguss des Exotischen haben muss, er ist nur Indikator eines noch nicht komplett abgestürzten Kreativitätsschubes, wie ihn sich die jüngere Neuzeit leistet. Wo die entgrenzte Eigentümlichkeit zum Distinktionsmerkmal erhoben wird, lässt der Beknackte gern leiden.

Die Heiligen des Medienzeitalters sind die Prominenz, teils von F abwärts, aber in der Schicht der Schuldigen durchaus prägend präsent. Hatte der Exotismenwahn im real vegetierenden Sozialismus noch mit italienischer Phonetik über die Mauer geholfen, so orientiert sich der geschmacksfrei aufgezogene Bevölkerungsausschnitt komplett am Verhalten der Berühmtheiten, von der flamboyanten Schuhmode bis zum gruseligen Körperschmuck, wie er aus allen Erkern baumelt, und eben auch an den Bezeichnungen der Bambini, wie sie täglich durch den vermischten Teil der Primatenpostillen getrieben werden, um ein allerletztes Bröckchen Aufmerksamkeit zu erhaschen, bevor ihnen wieder der Deckel des Vergessens ins Gesicht klappt. Dass die pseudounbürgerlichen Egoschnitzel ihren Chromosomencocktail dann als Wilson Gonzalez, Jimi Blue und Cheyenne Savannah in Verkehr bringen – zwingend mit Doppelnamen, wobei mindestens einer flockig die Grenze zum Debilen überhüpft – demonstriert machtvoll, dass diese Kollateralbekinderung nichts anderes ist als ein strategisch nutzbares Statussymbol in handlicher Accessoireform.

Die nächste Charge an Beleidigung für den Durchschnitt erkrankt an primärem Schantallismus, der qua Eindeutschung fremdgelauteter Wortformen leichte Linderung im Frontallappen verheißt, bis er sämtliche Hemmungen verliert und Yann, Litizia, Luquas, Klair sowie Jaques in die Welt setzt, weil es sich für die Haushaltskasse offenbar rentiert. Der dialektisch verschwiemelte Hass auf die eigene Brut zeigt sich daran, dass der Bekloppte sie im Supermarkt oder auf dem Parkplatz vor dem Jugendknast verhältnismäßig unfallfrei artikuliert rufen kann, was ihnen eine Normalität vorgaukelt, die so nicht besteht. Die ersten Hürden wachsen in der Primarstufe, wo manche anderen gleich heißen, sich aber ohne eine Tüte Sonderzeichen schreiben. Die Frustration, korrekte Diakritika aufs Gekrickel zu flanschen, türmt sich im weiteren Leben zur Symphonie des Strauchelns, wenn wieder andere, die ihr Aufnahmegesuch für die Selbsthilfegruppe in die Maschine hacken wollen, so schreiben, wie man’s spricht. Immerhin, kommen sie dann in die Krawalltalkshow am frühen Nachmittag, fallen sie zwischen den Adelheids und Karlheinzelmännern auf, die auch ihre Eltern über die Wupper gebracht haben, aber sie fügen sich gut ins Gesamtbild, das von Marilyne Jádore Chérie und Monroe Pharrell dominiert wird. Wie in Zukunft Kanzler, Könige oder Kardinalinnen benamst sind, will schon keiner mehr wissen. Das Rad der Zeit wird sich drehen. Irgendwann sind wir schon wieder bei Adolf.

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