Hassverbrechen

19 07 2016

„Deshalb gelten Aktionen von linksautonomen Hausbesetzern nicht als Hassverbrechen?“ „Wir wollen da nach Möglichkeit mehr differenzieren. Hassverbrechen, das sind für uns rechte Täter.“ „Dann setzen Sie linke und rechte Extremisten nicht mehr gleich?“ „Nein. Linke Straftäter handeln meist aus Neid. Das ist noch viel verwerflicher.“

„Also in Ihrem Werteraster möchte ich ja nicht stolpern.“ „Wir leben hier im christlich-jüdischen Abendland, da sind gewisse Dinge eben moralisch nicht in Ordnung.“ „Ihr Werteraster zum Beispiel?“ „Neid ist eine Sünde, da er zutiefst egoistisch ist.“ „Das ist in einer neoliberalen Gesellschaft ja nun wirklich niederträchtig.“ „Außerdem widerspricht er jeglichem Gerechtigkeitsgefühl – die meisten Reichen haben sich die Klasse, in der leben, nicht aussuchen können.“ „Und darum ist ein brennendes Auto ein Anschlag auf die göttliche Ordnung.“ „Sie müssen das gar nicht so ironisch sagen, der Schutz des Eigentums ist auch in einem säkularen Staat eine der Kernaufgaben der Polizei.“ „Sie würden also sagen, dass der Schutz materieller Güter ein wesentlicher Bestandteil zur Sicherung des inneren Friedens ist?“ „Ach, man muss das gar nicht so sehr auf materielle Güter beschränken. Es geht doch im Kern um die Ideologie, die diese Gesellschaft zu zerstören geeignet wäre.“

„Interessant ist doch, dass ein brennender Benz immer als politische Straftat gilt.“ „Sie wollen auf das nationale Image hinaus, dass Mercedes für unsere Volkswirtschaft steht und sich darin eine antideutsche Gesinnung manifestiert? so weit würde ich gar nicht mal gehen wollen.“ „Es wird also angenommen, dass ein Mercedes immer einen Besitzer aus der gesellschaftliche Oberschicht hat.“ „Mitnichten, wir nehmen nur an, dass derjenige, der ihn in Brand setzt, aus der Unterschicht stammt.“ „Warum?“ „Welchen Grund hätte jemand, der sich selbst einen Mercedes leisten kann, den Mercedes eines anderen anzuzünden?“ „Also handelt es sich um Klassenjustiz.“ „Sie haben das immer noch nicht verstanden. Es geht uns um den inneren Frieden in der Gesellschaft. Nehmen Sie mal so einen aus der Mittelschicht.“ „Dem darf ich seinen VW anzünden?“ „Wenn Sie es aus persönlichen Gründen tun oder weil Sie gerade keinen Mercedes gefunden haben, ja. Da muss ich wenigstens nicht politische Motive in Erwägung ziehen.“ „Und die Mittelschicht fühlt sich angegriffen, wenn ich einen Mercedes in Brand stecke? dabei können sich doch die wenigsten in der Mittelschicht einen leisten, wie Sie sagen.“ „Aber bedenken Sie die verheerenden ideologischen Folgen! Wenn Sie als Mitglied der Mittelschicht sehen, dass Linksextreme überhaupt keinen Respekt vor Ihrem Eigentum…“ „Wieso denn Eigentum, die haben doch kaum welches.“ „Jetzt bringen Sie mich nicht aus dem Konzept! Ein Mitglieder der Mittelschicht wird sich doch gar nicht mehr motiviert fühlen, mehr zu arbeiten und sich davon irgendwann einen Mercedes zu kaufen, wenn ihn linke Chaoten irgendwann abfackeln. Das ist ein massives Wachstumshemmnis, und das muss die gesamte Gesellschaft tragen!“

„Und wenn Nazis dabei ertappt werden, Autos anzuzünden?“ „Das sind bedauerliche Einzelfälle.“ „Vermutlich ein Hassverbrechen.“ „Ja. Sehen Sie, man hasst ja nur das, was man innerlich nicht annehmen kann, und wenn Sie Nationalsozialist sind, dann haben Sie mit der linken Ideologie, die Sie zu Ihren Straftaten führt, nun mal Probleme.“ „Ein Nazi, der Autos anzündet, ist also in Wahrheit links?“ „Leider, ja. Da sehen Sie mal, was dieser schreckliche Neid für eine zerstörerische Wirkung auf den inneren Frieden unserer Gesellschaft hat.“ „Was machen Sie eigentlich mit Linken, die nicht langzeitarbeitslos sind, sondern einen guten Job haben und ein anständiges Gehalt und Familie, sind das auch klassische stalinistische Chaoten?“ „Sehen Sie, da kommen wir ja nun an einen besonders interessanten Punkt. Diese Täter handeln meist aus ideologischer Verblendung.“ „Wie beispielsweise Nazis?“ „Wenn Sie den Vergleich ziehen wollen?“ „Warum sonst ideologische Verblendung?“ „Diese Salonlinken sind die schlimmsten Täter von allen – wenn sich einer einen Porsche leisten kann, dann muss er doch kein Linker sein.“ „Also handelt man mit dem Erwerb eines Sportwagens automatisch gegen seine eigenen Interessen.“ „Schlimmer noch: die geben damit das Signal an Gesinnungsgenossen, dass ein brennendes Luxusauto möglicherweise gar keinem anständigen Bürger gehören könnte.“ „Dann provozieren diese Leute linke Gewalttaten?“ „Richtig, und deshalb muss man sie auch immer für solche Gewalttaten verantwortlich machen. Also unabhängig vor etwaigen Fakten.“

„So, dann bin ich mal gespannt, wie Sie mir das als Verbrechen aus Neid verkaufen wollen.“ „Was denn?“ „Nazis, die eine Flüchtlingsunterkunft mit Brandsätze bewerfen.“ „Ah, verstehe. Sie denken jetzt, das ist natürlich der blanke Neid auf die armen Asylanten, die fünftausend Euro pro Kopf an Begrüßungsgeld bekommen und mietfreies Wohnen und schöne neue Moscheen und freien Eintritt im Spaßbad, richtig?“ „Ich hatte ja eher darauf getippt, dass Sie mir erzählen, so ein Nazi bekäme auf einmal eine unheimliche Wut auf den Besitzer der Immobilie, die nun nicht mehr für Deutsche zur Verfügung steht.“ „Nein, das ist viel zu einfach. Da müssen Sie noch mal nachdenken.“ „Also in der Tat ein Hassverbrechen?“ „Der Nazi würde ja gerne die Ausländer lieben, aber man lässt ihn ja nicht, und die Ausländer können mit ihm auch nicht viel anfangen. Mal Hand aufs Herz – soll man das etwa moralisch verurteilen?“

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4 responses

19 07 2016
Alice Wunder

Was war denn da jetzt satirisch? Ich hab das Gefühl, Du nimmst die harte intellektuelle Arbeit von Verfassungsschützern nicht ganz ernst…?!?

19 07 2016
bee

Man muss sie gut kennen, nur so kann man die Verfassung vor ihnen schützen.

19 07 2016
Alice Wunder

Themen-Vorschlag vom bayrischen Innen-Hermann: Selbstradikalisierung – wie oft am tag ist das noch gesund? Kann ich davon Blind werden? Schaut Gott mir dabei zu? Ich bin verunsichert und bitte um Aufklärung!

19 07 2016
bee

Ich greife das gerne auf, da ich einen Text zu einem ähnlichen Themenkomplex für diese Woche schon in Arbeit habe.

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