Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXXXVIII): Wellnessterror

22 07 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war einmal ein Land, in dem gab es eine Gesellschaft, die in einem Land lebte, dem es so gut ging wie nie zuvor. So schnell änderte sich das nicht, auch nicht mit immer neuen Menschen, die das Land verbrauchte, damit es ihm immer gut ging und es immer neue Menschen produzieren konnte, damit es ihm gut ging. So gut ging es dem Land, dass die Menschen sich vorzugsweise selbst aus dem Weg räumten. Sie bekamen einen Burnout, denn sie wussten, ohne ihren Einsatz und den unbedingten Willen, es dem Land gut gehen zu lassen, ginge es dem Land nicht mehr gut. So veranstalteten sie regelrechte Wettbewerbe, wer als erstes umkippt und von diesem ganzen Dem-Land-Gutgegehe nichts mehr hat. Und irgendwann kamen pfiffige Realitätsallergiker aus der kapitalistischen Chefetage auf eine neue Idee: es soll auch den Menschen gut gehen, so gut wie möglich. Und zwar zackig. Es begann der Wellnessterror.

Schon lange hatten sie dem Arbeitsvieh bei der täglichen Somnolenz im Großraumbüro zugeguckt, wie sich molluskenhafte Teilzeitschläfer über die Tische verteilten und mit ihrem Gesichtsausdruck ein nachhaltiges Montagmorgenfeeling noch in den strahlendsten Sommertag schwiemelten. Weder die Erleuchtung noch die Entspannung waren zu Hause in dieser Rotte endabgelagerter Hirnleichen, ihr Karma hatte sich bereits prämortal erledigt. Auf, sprach der Trend, werde Opfer der Lebensqualität!

Sie hörten gerne und legten sich freiwillig auf den Altar der Erholung. Aßen dreimal pro Schicht das vom Arbeitgeber bereitgestellte Obst und liefen nach dem Job noch schnell drei Kilometer auf dem Band. Trugen orthopädisches Schuhwerk, liebevoll von kambodschanischen Kinderhänden hergestellt, hockten auf Sitzbällen, atmeten in ihre Mitte, bis sie leer waren. Und dann wurden sie aufgefüllt.

Denn das Wellnessgedöns nimmt terroristische Züge an, weil es Freiwilligkeit voraussetzt, und wer nicht aus freien Stücken mitmacht, gehört eben nicht zur großen, glücklichen Familie der Gutgeher. Sie leisten nichts, nehmen nicht messbar ab, ihre Haut wird nicht straffer, ihr Krebsrisiko sinkt nicht, sie kriegen ihren Hinterwandinfarkt immer noch aus den falschen Gründen. Die Erleuchteten aber, die ihren Arbeitsplatz nicht aufs Spiel setzen wollen und sich nach jeder zweiten Klangschalenmassage noch eine Runde tantrisches Tauchen geben, sie sind längst in ein neues Hamsterrad geraten. Ihnen geht’s so gut, der Tod hat jeden Schrecken verloren.

Sie sind glücklich, denn sie haben die Doktrin begriffen, dass mangelndes Glück eine Infektion ist wie Grippe oder Fußpilz. Natürlich wollen sie die komplette Harmonie, um ihre Work-Life-Balance in den Griff zu kriegen, und wo setzt der Bekloppte an, wenn nicht an seiner eigenen Nase. An der Gesellschaft kann es ja nicht liegen, wenn er derart scheiße drauf ist. Jeder hat ein perfekter Mensch zu sein, nur glückliche Menschen sind perfekt. Nur entspannte, rundum relaxte, entstresste, gedetoxte, aprilfrisch zellgereinigte, derb saunierte, gecleanste, zugedopte, endverstrahlte Knalldeppen. Alles andere sind die Unterschichtfritzen, die sich abends ein Bier mehr als genug reingießen müssen, um am nächsten Tag noch gut zu funktionieren. Ärzte beispielweise. So lassen sie sich für teures Geld in die Gräten hauen, schmieren sich freiwillig Grütze auf den Bauch, lassen sich im Unterwasserpilates die Bandscheiben wieder reinpfriemeln, die sie sich beim Yoga rausgehauen haben, und dazu trinken sie billigen Beuteltee, der auf der Packung mindestens die Unio mystica verspricht.

Daneben wirkt das Verbotsregime weiter. Keine Kohlehydrate nach sechs, Trennkost, viel stilles Wasser trinken, aber nicht aus der Leitung, sondern abgefülltes Markenleitungswasser. Grünkohl gibt’s nur als vorverdauten Saft, dazu Apfelessig, die Altersvorsorge wird in Chia-Bröseln angelegt, und wer noch ins Fitnessstudio geht, darf fürderhin auf der Straße angespuckt werden. Es gilt die knallharte Bio-Moral: Du bist nichts, Dein Körper ist alles. Der dialektische Backlash trifft dann auch volle Möhre in die Kauleiste. Das Erlittene fräst nicht nur Schneisen der Erniedrigung in die Seele, es kratzt mit psychosomatischer Präzision wieder an der Wirbelsäule und hakt die Schleimbeutel aus. Wo nur die subjektive Verbesserung zählt, die jeder andere sich überstülpen kann wie des Kaisers neue Kleider, während noch exzessive Selbstverachtung zu keiner messbaren Steigerung führt, ist der zum Narzissmus gezwungene Sozialzombie erkennbar der Letzte im Rennen, vergeblich gestartet, um Geld, Zeit und viel Kraft ärmer, durch Mitlaufen ausgegrenzt. Keiner von ihnen hat den Marktwert auch nur um einen Strich erhöht, sich stattdessen bereitwillig stigmatisiert und die Verantwortung dafür unter „Selbstverwirklichung“ abgebucht. Es ist wie eine Religion, und so wirkt sie auch: nur äußerlich, und nur, wenn man daran glaubt. Dann geht es gut. Wem auch immer.

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3 responses

23 07 2016
Lo

Herrlich und so treffend geschrieben! Klasse!
Das Lesen hat richtig Spaß gemacht (gilt also als Wellness).
Und ich fühle mich erinnert an den Buchtitel von Manfred Lütz:
„Irre! Wir behandeln die Falschen.“
Unser Problem sind die Normalen.

Lieben Gruß!

23 07 2016
bee

Der Kollege ist wieder in Sicherheit, wir konnten gerade noch verhindern, dass er mit bloßen Händen eine im Hinterhof gelegene Reiki-Praxis dem Erdboden gleichmacht. Wahrscheinlich hätten sie ihn freigesprochen, weil er gerade zurechnungsfähig war.

23 07 2016
Lo

;-))

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