Walkürenritt

3 08 2016

Er hatte die Zunge zwischen die Zähne geklemmt. Ich sah, es war ihm ernst. Sorgfältig zwirbelte er den Draht ineinander und wickelte eine Schicht Klebefilm um die Kabel, bevor er den Stecker behutsam wieder einsteckte. „Das müsste jetzt aber halten“, murmelte Herr Breschke.

Vorsichtig ruckelte er an der Buchse. „Meine Frau liest ja gerne mal ein bisschen, und ich störe sie dann mit meiner Musik.“ Das kleine, doch nicht minder formschöne Gerät im untersten Brett des Plattenschranks schien die Lösung zu sein. Der pensionierte Finanzbeamte zeigte mir die flache Fernbedienung, mit Hilfe derer das ganze Haus nun zum frei begehbaren Musentempel werden sollte. „Ich gehe dann nach oben ins Lesezimmer, und die Lautsprecher sind dann ja kabellos – so haben wir beide unsere nachmittägliche Unterhaltung, ohne dass einer den anderen stört.“ Bismarck, immer noch der dümmste Dackel im weiten Umkreis, sah die Sache gelassen; gelangweilt lag er auf dem Sessel, den sonst der Hausherr zu besitzen beliebte, blickte dem Gepfriemel mit den losen Kabelenden verständnislos zu und schien den nachmittäglichen Gang auf die Allee durchaus erwarten zu können.

Die dünne Bedienungsanleitung, in fließendem Fremdländisch verfasst, eindeutig von Breschkes Tochter aus wirren Quellen unter Umgehung von Zoll und Verstand eingeführt, nannte mehrere Lautsprecher sowie einen Subwoofer als nötige Bauteile, um in den Genuss eines akustischen Ereignisses zu gelangen. „Das steht ja auch alles schon oben“, informierte mich Horst Breschke, „das hier ist ja nur der Sender.“ „Warum haben Sie es denn oben aufgebaut“, fragte ich, „wo da doch das Lesezimmer ist, während Sie hier unten im Wohnzimmer auf Ihrem Sessel sitzen könnten?“ Er zeigte auf das Heftchen. „Es hat über zehn Meter Reichweite, da muss man die Lautsprecher eben in ein anderes Stockwerk stellen, denn so groß ist unser Haus nun auch wieder nicht.“ Ich konnte gar nicht anders, als mich dieser bestechenden Logik zu beugen. Er tastete noch einmal nach dem Stecker.

Das Abspielgerät, nein: die Musikanlage im Sargformat gemahnte an spätmittelalterliche Möbel, die man zur Befüllung zu groß geratener Burghallen aufstellte. Dem Design nach zu urteilen hatte kurz nach dem Kauf der Nachrichtensprecher den Prager Fenstersturz vermeldet. Die Kabel waren direkt in den Eingang des Sendeapparats geschleift. Offenbar fehlte es an ein paar Adaptern, Würfelstecker auf Klinke, Gardena auf USB, um das Bluetoothding im Sinne des Erfinders anzusteuern. „Wir probieren es am besten gleich einmal aus“, verkündete er. „Haben Sie einen bestimmten Wunsch?“ Bevor ich noch etwas sagen konnte, hatte er auch schon in den Plattenschrank gegriffen. Das Schicksal nahm seinen Lauf.

Knacksend setzte die Nadel auf. „Schnell“, rief Herr Breschke, „schnell – es fängt ja jeden Moment an!“ Und er riss die Tür auf, stürmte mit wehenden Hosenbeinen die Treppe hinauf, lief rechts in das kleine Lesezimmerchen, das übrigens auch einen Fernseher beherbergte, und kniete sich von das Bücherregal. „Ich drehe mal auf“, stöhnte er mit unterdrücktem Schmerz; der sportliche Einsatz, besonders aber der Kniefall hatte seinem Rücken nicht gutgetan. Er drehte, drehte und drehte, doch nichts tat sich. Ich lauschte konzentriert nach unten, doch nichts war dort zu hören. Aber es war auch der Ausgang, den Breschke mit seiner Drahtskulptur verbunden hatte. Sicher war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Röhren so weit erwärmt hatten, dass die Funksignale den Weg ins Obergeschoss finden würden.

„Wäre es nicht doch einfacher“, grübelte ich, „wenn Sie unten säßen?“ Er blickte mich an, doch es fehlte ihm wohl an Verständnis. „Sie müssen ja nicht nur einmal die Nadel auf die Schallplatte setzen, Sie müssen sie auch umdrehen, und für alles werden Sie stets den Gang ins Erdgeschoss antreten – und wieder zurück nach oben.“ Einen kurzen Augenblick grübelte Breschke. „Ich könnte meine Frau fragen, ob Sie mir die Platten umdreht, das würde sie ja kaum stören. Es macht auch kein Geräusch, und sie könnte ganz in Ruhe weiterlesen, meinen Sie nicht auch?“

Das Drehen hatte keinen Erfolg. Schließlich stapfte der Alte die Treppe hinunter, öffnete die Tür zum Wohnzimmer, überzeugte sich von der ordnungsgemäßen Rotation des Plattentellers sowie der beabsichtigten Stellung des Tonarms – was ein mechanisches Gerät so an Fehlerquellen mit sich bringt, ist meist nur dem erfahrenen Fachmann klar – und kam gemessenen Schrittes wieder herauf. „Ich begreife es nicht“, klagte er. „Es müsste doch alles so funktionieren – brennt denn die Leuchte an den Lautsprechern?“ Sämtliche Einheiten, Brüllwürfel aus mattschwarzem Kunststoff, flirrten in irisierend blauem Licht, das jedoch außer blauem Leuchten keinen sinnvollen Effekt hatte. Breschke zog die Fernbedienung aus der Hosentasche. „Oder ob ich mal auf die…“ Augenblicklich donnerte ein Blechgewitter durch den Raum. Wagners wilder Walkürenritt knallte mit derartigem Schalldruck aus den Membranen, dass Herr Breschke in den Sessel gedrückt wurde und in entsetzter Furcht die Knie anzog. „Oh Gott“, schrie er, „das ist ja furchtbar!“ Ich hob das Kleinteil vom Teppich auf und schaltete die Anlage aus. „Sehen Sie das Positive“, beruhigte ich ihn, „die Anlage funktioniert tatsächlich.“ „Aber von dem Lärm wird meine Frau doch verrückt“, stammelte er, „wo soll ich die Dinger denn bloß hinstellen?“ „Hm“, überlegte ich. „Ich hätte da zu Hause noch einen Kopfhörer. Sogar mit Kabel.“

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