Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXXXIX): Slice of Life

5 08 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das spanende Verfahren war mangels Werkstoff noch nicht etabliert, die Materialkaltverformung bis dato rein auf Unfälle im Gesichtsschädelbereich beschränkt, da zeigte Rrt anlässlich eines auf der Haut gerösteten Mammuts seinem Schwager den letzten Schrei der Innovationsmesse vom Markt an der großen Felswand beim Tümpel: den Faustkeil. Jessas, ward da ein Geschrei los – der Anverwandte begriff sofort, wozu man das Ding nutzen konnte. Keine fünfzigtausend Jahre später jodelt es von der Mattscheibe, wie man sein Klo schrubbt, Brillen trägt oder die digitalen Endgeräte vors Maul hält. Man vertraut ja nur dem, was man sieht. Notfalls in einem Slice of Life.

Die Werbung beschreibt dem Konsumenten den Alltag des Konsumenten, und zwar exakt so, wie er sich im Kopf eines zugekoksten Unkreativdirektors nach zwei bis zehn Meetings mit dem alternden Firmenpatriarchen zusammengeschwiemelt hat. Fröhliche Kinder, aus grob entsehntem Kalbshack, Milchpulver und Fleischkleber geklöppelt, ohne Poren oder dreckige Fingernägel, in tiefensauberer Polyestermischgewebefaser sowie mit modischem, aber keinesfalls flamboyantem Schuhwerk, wie zu erwarten hyperaktiv und mit dem typischen, wie ins Gesicht gedroschenen Grinsen gestraft, turnen um kurz nach sieben durch das quasi aseptisch geleckte Einfamilienhaus, fallen jubelnd in eine wie aus dem Katalog für unfunktionales Protzmobiliar mit zwei eingeschlafenen Händen zusammengeschusterte Wohnküche ein und lassen sich mikrometergenau in Standardscheiben gelasertes Mischbrot, quasi auf niedermolekularer Ebene krümelfrei, mit einer aus Zucker, Altöl, Nüssen und Zucker gequirlten Pampe schmecken, als wäre gerade der Feiertag, Mariae Hirnabsaugung oder Tag des Flötenschlumpfs, an dem man vor der Schule noch frühstücken darf und nicht einen Festmeter Sumpfholz kleinsägen muss. Die Eltern des Klonmaterials, gestärkt, gebügelt, bis zur Unkenntlichkeit manikürt, pomadisiert und in Gesichtshöhe sandgestrahlt, haben nur diese eine Sorge, den Nachwuchs nicht ohne Saccharose in die Welt zu entlassen, und verdammt noch eins, sie werden es schaffen. Es hängen Arbeitsplätze an der Wahnvorstellung, viele Arbeitsplätze, und vor allem der Gedanke, dass jeder, der den Schmadder auf die Stulle klatscht, von der intrinsischen Motivation getrieben ist, in diesem Bild zu leben.

Aber Pustekuchen. Die Nussschmiere war in der Vorstellung des Bekloppten die allerletzte Rettung, bevor Blauhelme aus dem Kühlschrank stürmten, die einzige Lösung eines zu schnell eskalierenden Problems mit all seinen Implikationen, Spliss, das nächste Revival von Modern Talking, Atomkrieg in Korea, Til Schweiger als Testimonial für eine Gottfried-Benn-Gesamtausgabe. Nur ein rascher, beherzter Griff zum Glas wendet die Apokalypse noch ab, südamerikanische Singvögel brüllen durch die Küchenfenster, der Tag kann doch noch einmal durchstarten, alles auf Anfang. Der Kunde ist noch mal zufriedengestellt.

Doch hat die aus intellektuellem Bauschaum mit reichlich Glutamat gedengelte Wirklichkeit den Verbraucher ansatzweise über den Sekundenschlaf der Vernunft hinaus berührt? Der gemeine Hohlrabi verneint; zufriedene Produktverwender verwenden zufrieden ein Produkt, wiewohl man ihnen ansieht, dass sie dieses Zeugs nicht wirklich bräuchten, um weit über dem Durchschnitt der Zielgruppe zu sein: nölende Blagen schlurfen maulend aus dem total verkalkten Bad, die Flecken der Fertigpizza noch in epischer Breite auf der Bangladesch-Jeans verteilt, während Mutti ihnen kalten Toast auf die Teller pappt, der Alte schiebt sich die fünfte Zichte in den Rachen, weil er gleich wieder auf den Bau muss, sein Frühstück entspricht dem Reinheitsgebot und benötigt den mundgesägten Kapselheber aus dem Manufactum-Katalog nicht mal im Vollkoma.

Menschen wie Du und ich, nur dass sie eben nicht diese rissigen Nägel vom Spülen haben wie Du – ich habe zwar auch maschinenuntaugliches Glas mit Goldrand, aber im Gegensatz zu einem Hartzarsch wie Dir kann ich mir eine Feudelfee leisten – Kassenvieh aus der gefühlten Mitte der Gesellschaft ist der Fokus der Marketingabteilung, die aus Nacktmullen zusammengeklömperte Truppe im Keller der Entscheidungsempfänger, wie es außerhalb von Sekten, Armeen und Parteien selten miserablere Kreaturen geben dürfte. Man braucht sie, aber nur wie Gummihandschuhe beim Wühlen im Modder, und sie geben dies Gefühl getreu an den Konsumenten weiter. Vergeblich hofft der Affe im Vertrieb auf das Imitationsgebaren der vom Kapitalismus konditionierten Stumpfklumpen – das noch so emotional herauskleckernde Narrativ ist für die Tonne, wenn sich auf der Mattscheibe eine Rotte Arschlöcher tummelt. Wir sind bereit, alles in Kauf zu nehmen, den Atomkrieg, Spliss, notfalls auch Til Schweiger. Aber verarschen, Freunde, verarschen können wir uns auch selbst.

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