Thermodynamisch

16 08 2016

„Das dürfte reichen.“ Herr Breschke zog eine Rolle Dichtungsband nach der anderen aus der Tüte, sechs Stück insgesamt. Vermutlich würde es auch noch ausreichen, um die Küchentür von innen hermetisch zu versiegeln, damit beim Teekochen kein kostbarer Dampf nach außen dränge. „Für innen sollte es auf jeden Fall genügen, und dann müssen wir mal sehen.“ Ich winkte ab. „Sie glauben doch nicht, dass ich auf die klapprige Leiter steige, um Ihre Fenster im zweiten Stock von außen…?“ Er lächelte hilflos.

Im selben Moment bereute ich meine Aussage. Es zog, Frau Breschke hatte angesichts eines doch recht kühlen Sommers über Schlafstörungen geklagt, und vor meinem inneren Auge sah ich schon, wie der pensionierte Finanzbeamte sich an der Fassade hoch hangelte, um die Scheiben gegen einströmende Luft zu verkleben. „Eigentlich sind ein paar Grad weniger ja nicht verkehrt“, erklärte er mit nachdenklichem Blick, „aber sie fröstelt und friert, das kann ich mir nicht länger mit ansehen.“ Fest entschlossen riss er eine der Schachteln auf. „Messen Sie mal nach“, bat er. Ich hielt das Band gegen den Küchenfensterrahmen – wie zu erwarten war es deutlich zu lang. Ein Teppichmesser würde helfen. Wie gut, dass ich ahnte, wo Breschke es versehentlich hatte liegen lassen.

Auf dem Küchentisch befanden sich neueste Prospekte. „Ich habe meiner Frau noch nichts davon erzählt“, begann der Hausherr, „aber diese Heizlüfter sind gerade im Preis heruntergesetzt. Ob man sich mal einen anschaut?“ Die Geräte hatten alle stattliche Preise; ausgeglichen wurde dies von der Tatsache, dass sie alle auch einen stattlichen Elektrizitätsverbrauch haben würden. „Rechnen Sie sich das mal durch“, empfahl ich. „Bis Sie damit das ganze Haus warm haben, ohne zusätzlich die Heizung aufzudrehen, können Sie das Geld auch für einen Flug in die Karibik ausgeben.“ Er kniff die Augen zusammen und betrachtete die Lüfter, vor allem das Kleingedruckte. „Ob meine Tochter wohl so einen besorgen könnte“, murmelte er. „Vielleicht gibt es da etwas Billiges aus…“ „… der guten alten Sowjetunion“, ergänzte ich. „Oder aus Ägypten, in formschönem Hartplastik mit zwei Handgriffen und Bedienungsanleitung in handgemalten Hieroglyphen. Nein, das lassen Sie mal schön bleiben.“ Er atmete tief ein. „Am Ende fackeln Sie sich mit dem Ding noch das ganze Haus ab.“ Seine Augen weiteten sich vor Schreck. „Furchtbar“, stammelte er. „Und das darf einfach so verkauft werden in einem ganz normalen Prospekt!?“

Wir stiegen die Treppe empor, da sich das Schlafzimmer im Obergeschoss befand. „Unter Umständen ist auch der Teppich schuld“, mutmaßte Herr Breschke. Hatte er heimlich Eisschollen auf dem Estrich verteilt? „Die Kälte zieht ja durch die Decke, und wenn der Teppich von unten durch die kalte Luft, Sie verstehen, die Schicht zwischen den Dielenbrettern und dem Teppich ist ja nur sehr dünn, und dann steigt die warme Luft wieder nach unten.“ Ich runzelte erstaunt die Stirn. „Sie wollen doch nicht etwa deshalb gleich die ganze Etage mit Dichtungsband verkleben?“ Er schien für einen kurzen Augenblick zu überlegen. „Nein“, schüttelte er den Kopf, „nein – das wäre viel zu teuer. Aber vielleicht die Ritzen?“ Vielleicht hatte ich mich bisher auch nicht genügend mit Thermodynamik beschäftigt.

Das Bett stand nur einen halben Schritt entfernt vom Fenster. „Ich hatte schon überlegt, ob wir vor die Schlafzimmertür einen Zugluftdackel legen sollten, aber das ist das Problem mit dem Perser.“ Der dicke Bodenbelag reichte bis knapp an die Tür heran, während die Außenseite einen fingerbreiten Spalt offenließ. „Ich müsste diese Rolle von außen hinlegen, damit ich danach ins Schlafzimmer, aber wegen der Tür – ach, ich weiß es doch auch nicht!“ Herr Breschke war verzweifelt. Das Problem schien ihm wirklich langsam über den Kopf zu wachsen. Noch eine Nacht, das war klar, würde er seine Gattin nicht frieren lassen. „Hier unten“, erklärte er, „da müsste man vielleicht etwas anbringen. Direkt am Fenster ist es am kältesten, und wenn meine Frau ins Bett geht, haben wir auf ihrer Seite mindestens ein Grad weniger als dort drüben.“ Er wies auf die gegenüberliegende Wand, wo sich Stuhl und Herrendiener befanden. „Wir müssen das Problem wohl wissenschaftlich lösen“, befand er grimmig.

Horst Breschke schritt den Raum ab. Alles hatte den Anschein, als wolle er wegen eines geringen Temperaturunterschiedes die komplette Schlafzimmereinrichtung um hundertachtzig Grad drehen. „Es zieht hier immer so quer durch“, zeigte er, „am Abend lasse ich ja die Jalousien herunter, und dann ist es plötzlich so kühl.“ „Verständlich“, sagte ich knapp, langte nach dem Griff und schloss das Fenster. Er sah mich betreten an.

„Nehmen Sie noch ein Stück Apfelkuchen“, bot Frau Breschke an, „gleich koche ich auch noch mal frischen Tee.“ Sie schnitt ein gewaltiges Stück aus dem Backwerk. „Ich will nur Horst eben eine Tasse nach drüben bringen, damit er mit seinem steifen Nacken nicht vom Sofa hoch muss. Er stand ja so lange im Zug da oben.“