Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXLI): Das Schützenfest

19 08 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Am Anfang war der Kampf. Der Hominide verteidigte sein Jagdrevier und das Weibchen, die Höhle und den Pelz, und hätte ein umsichtiger Zeitreisender aus dem späten 19. Jahrhundert den gerade erst an den aufrechten Gang gewöhnten Halbaffen Feuerwaffen nebst Munition in die Pfote gedrückt, die Evolution wäre ganz anders verlaufen, nämlich gar nicht mehr. Andere Lebewesen über die Wupper gehen lassen, das zeichnete das Ichgefühl des Brusttrommlers schon immer aus. Nur in der gottgleich empfundenen Macht, dem Bison wie dem Nachbarn ad libitum die Kerzen auszupusten, begriff sich der bräsige Brunstbruder. Allmählich überformte eine gemeinsame Kultur die Triebe, von der Höhlenzeichnung übers Halali bis zum gemeinsam praktizierten Rausch nebst kollektivem Nacherzählen des Erlebten. Mit der Erfindung von Krieg und Karriere erschloss sich die Hohlhupe neue Aggressionspotenziale, doch der Urgrund ist noch immer da. Jedes Jahr ist es wieder zu sehen, das mühsam als postquartär zu erkennende Gewese auf dem Schützenfest.

Die Kostümierung hat sich seit der Erfindung des Gamsbartes nur graduell verändert, noch immer ist die Hauptattraktion der gemeinsame Verzehr von im Großhandel besorgter Schlachttiere, die über dem Elektrogrill rituell als Brandopfer dargebracht werden, und der gemeinsame Rausch, da sich alle Eingeborenen des Weichbildes Alkoholika in den Verdauungskanal schütten. Die Tugendbolde sind größtenteils Flusenlutscher geworden, subalterne Buchhalter und Klempnergeselle, die Aggression nur noch in Anführungsstrichen kennen und sie statt sozialverträglicher Sublimierung zur Steigerung der globalisierten Konsumgesellschaft in einen bunten Strauß selbstquälerischer Symptome kanalisiert. Wie sonst ist es zu deuten, dass geistig gesunde Mitmenschen, größtenteils mit Schulabschluss und bürgerlicher Existenz, Familie und Kraftfahrzeugen ausgestattet, bis zu drei Tage in einem Festzelt ausharren, um sich das Verhalten prädiluvialer Dumpfbollen in grüner Filzhülle anzutun. Noch immer scheint die Gemeinschaft am besten zu funktionieren, wenn an einer Geschmacklosigkeit alle beteiligt sind, erst recht die, denen man es eigentlich gar nicht zutrauen würde.

Aber das Schießen. Schon packt der eine seine Wumme aus und ballert in die Umgebung, trifft aus Zufall den Landvogt nicht an der Marmel, sondern nur seinen Hut, und hat sich diverse Privilegien für ein Jahr gesichert: Steuernachlass, Heiratserlaubnis oder Straferlass nach ortsüblicher Verletzung der Zunftordnung. Auch hier wird nur das Recht des Stärkeren hübsch verbrämt, wer sich heute keine bessere Büchse mehr leisten kann, hat eben den besseren Anwalt, falls der Staat Steuerbetrüger in die öffentlich finanzierte Sitzgelegenheit schickt. Der Rest der Lodensäcke darf sich als antiquierte Bürgerwehr selbst vorführen, und auch im hohen Mittelalter waren die Hilfspolizisten nicht anders als heute sozial unterprivilegierte Knalltüten, deren Stolz sich mit ein bisschen Pulver und Blei stopfen ließ und viel Getöse verursachte.

Die ins Stammhirn abgetauchte Verteidigung des Reviers ahnt nur, wer die verschwiemelten Kommentkämpfe der Platzhirschlein sieht, wer zum Beispiel als Oberfahnenschwenker den seltsam schwankenden Gestalten voraustorkeln darf. Ganze Dörfer entzweien ihre aus tausendjähriger Inzucht geronnene Solidarität über der Frage, ob das aus vulgärtheologischem Symbolismus geschwiemelte Gehampel der Ehre der regionalen Bruderschaft Abbruch tut, und wahrlich, wer in seinem reinen Individualismus Bundesfahnenschwenkerordnung und völkisches Sendungsbewusstsein vermissen ließe, der wäre wirklich besser nie geboren. Es ist Abendland hier, das darf man wohl noch sagen.

Hin und wieder wird das Gepränge, sexuelle Belästigung angetrunkener Frauen, kooperatives Urinieren und Kampferbrechen hinter dem Festzelt, mit pseudoreligiösem Imitat vermanscht, damit ja die Tradition nicht verloren geht. Unter Anrufung amtlich beglaubigter Heiliger ballert die Truppe, als stünde der Einmarsch der Roten Armee unmittelbar bevor. Kein Wunder, dass fremdländische Leute, wiewohl bestens integriert, hier nicht mittun dürfen, denn wer nicht seit frühester Zeit zu den Stützen der Gesellschaft zählt – ein Milchgeschäft im mittleren Pleistozän macht auch in Sachsen bisweilen nur den Parvenü – braucht sich bei den unteren Zehntausend gar nicht erst anzubiedern. Hier im Urschlamm der Zivilisation zählen nur Blutsbande, und wer seine Neurose profilieren will, braucht nur die Flinte und Korn in korrekter Dosierung. Sich einmal im Jahr als klinisch hoffnungsloser Fall zu gebärden und ansonsten seine Frustration an anderen auszulassen, in Seppelhut und Kniestrumpf, das schafft großes Vertrauen in die Stabilität der Gemeinschaft. Fast so, als stünde der aufrechte Gang zur Disposition, wieder einmal. Nur die obligate Blasmusik hat sich seit der Anfangszeit des Menschen entwickelt. Was auch viel ist, aber kein Trost.

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