Special Interest

13 09 2016

Siebels spuckte den Zahnstocher zielsicher in den Mülleimer. Gelernt war gelernt. „Wenn wir uns ein bisschen beeilen, kriegen wir vielleicht noch eine Talkshow mit.“ Ich blätterte mein Exposé durch. Keine hochkarätigen Gäste. Aber was konnte man auch von einem Spartensender erwarten, der noch dazu ganz am Anfang stand.

„Kantapper“, stellte sie sich kurz vor. „Ich bin hier die Chefredakteurin.“ Siebels blickte durch sie hindurch wie durch dünne Luft. „Sie haben es sich ja schon richtig gemütlich gemacht“, knurrte er angesichts der vielen Zimmer hinter den Glastüren. Außer Betonboden und Steckdosen waren nur die Fenster zu sehen. „Das wird alles noch viel schöner wieder aufgebaut“, beeilte sich die Hausfrau. „Wir warten noch auf die Anweisung. Aber unser Studio ist natürlich perfekt ausgerüstet, Sie werden es gleich selbst in Augenschein nehmen können.“ Viel Betrieb herrschte nicht, und das lag nicht an der Tageszeit. Laut Sendeplan setzten spätestens am frühen Nachmittag – Siebels hatte mir verraten, dass um diese Uhrzeit die Hauptzielgruppe sich vor den Empfangsgeräten versammelt – Liveformate und die beliebten Reportagereihen ein. „In Studio 1 können wir nicht“, informierte Kantapper uns. „Da zeichnen wir gerade fürs Abendprogramm auf.“ Also ein Vorspielen falscher Tatsachen? „Entweder Tatsache oder falsch“, replizierte sie spitz. „Sie müssen sich schon entscheiden, woran Sie und wie Kritik üben wollen. Aber das sind wir von Leuten wie Ihnen zur Genüge gewohnt.“

„Das ist also…“ Siebels nickte. „Als ich den in seinen ersten Moderationsjob gebracht habe, war er noch ein drittklassiger Fußballheini aus Südwest, jetzt macht er politische Pöbelshows.“ Die Gäste waren aber auch nicht besser. „Es ist die Talkrunde um Bundeswehreinsätze im Innern, Überfremdung und den Niedergang der christlichen Leitkultur.“ Er blickte kurz auf den Stundenzettel an der schlecht beleuchteten Innenseite der Studiotür. „Sie irren sich“, antwortete er, „es ist schon für die nächste Woche, da geht’s um den Untergang des Kapitals durch den Islam.“ „Sie meinen das Zinsverbot und das antikapitalistische Gegenmodell einer globalen Gesellschaft?“ Er schüttelte den Kopf. „Sie haben nur Angst, dass die deutschen Waffenexporte durch die geforderte Modernisierung der arabischen Welt die Börsenkurse vernichten könnte.“

Es handelte sich um einen Special-Interest-Sender. „Um neun bringen wir grundsätzlich eine islamkritische Talkshow“, erläuterte Kantapper. „Die Folgen Minarette in meinem Vorgarten – werden wir alle zwangsislamisiert? und ‚Schweinefleisch, nein danke‘ – womit hat die deutsche Rasse den Hass dieser Untermenschen verdient? werden gerne wiederholt, aber sonst produzieren wir immer frisch.“ Der Plan sah Dokumentationen vor. „Wir müssen ja momentan noch Material zukaufen, aber wir wollen so schnell wie möglich selbst produzieren. Kommen Sie, ich zeige Ihnen etwas.“

In einer zum Kabuff umgebauten Müllhalde am Ende des Ganges saß ein gelangweilter Techniker und klebte Filmschnipsel aneinander. „Schauen Sie mal.“ Zwei süße Kätzchen spielten mit einem Ball, während eine bedrohliche Stimme mit russischem Akzent – „Es klingt aber wenigstens ausländisch, das erwarten die Zuschauer!“ – verkündete, dass nur die Juden am Untergang des deutschen Volkes schuld sein könnten, weil sie mit dem Geld der Wall Street die Bundesrepublik GmbH gegründet hätten. „Sie denken doch nicht“, schwatzte sie eilig, „dass wir das so über den Sender gehen lassen!“ „Schon klar“, murmelte Siebels. „Nee“, schaltete sich der Techniker ein. „Das wird synchronisiert, dann sagt einer, dass alle Musel die Europäer wegballern, und ich muss das auf eine Stunde zwanzig aufblähen.“ Kantapper guckte betreten. Immerhin bekäme sie damit ein halbes Abendprogramm gefüllt.

„Es ist doch besser“, sagte sie, „wenn wir dies Programm auf einen eigenen Kanal packen. Seien Sie ehrlich, Burka, Döner, Ramadan – was muss sich die Volksdemokratie noch gefallen lassen? und die Reportagen aus Dresden an jedem Montag, das kriegen Sie nie in einen Sender, der nebenbei noch Unterhaltung zeigt und Krimis, in denen reinrassige Biodeutsche, weder Neger noch Transen, Straftaten begehen?“ Ich wusste es nicht. Siebels schob mir verstohlen sein Exposé herüber. Hystery Channel stand auf dem Titelblatt. Ich verstand. Man kann also nicht nur die einschlägigen Dokumentationen über den Bettnässer von Braunau, die Wehrmacht und die Blitzkriege in schimmelige Anderthalbstünder pfropfen, um die alte und jungen Glatzköpfe auf gleichbleibendem Pegel zu halten, man kann das alles in immer neuer Verpackung auf den Markt schmeißen, in Bausch und Bogen braun und blau, und jeder auf dem Sofa wird diesem Ding seine Ehre, die Treue heißt, sonst wohin halten. Das geht während der Werbepause nicht austreten, das ist berieselbar bis zum Endsieg. „Der Vorteil an der Sache“, erklärte Siebels, wie er die Tür hinter sich ins Schloss zog und einen neuen Zahnstocher aus der Jackentasche fingerte, „Sie brauchen nur einen Sender, den Sie abschalten können. Das schont die Nerven.“

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