Kommunikative Ebene

19 09 2016

„Es könnte sich da auch um eine neurologische Störung handeln. Wenn die Leute plötzlich alle den rechten Arm hochheben, dann haben sie manchmal kollektiv einen verminderten Blutdurchfluss in den zuständigen Organen. Ja, da auch.

Man muss mit den Leuten nur reden, haben wir uns gesagt. Diese Asylanten machen inzwischen so ein Bürgertelefon, wo sich unsere Landsleute über sie beschweren können, da haben wir uns gesagt, das sollte es für uns auch geben. In Wirklichkeit ist das nämlich alles ganz harmlos. Die meisten, die man für Nazis hält, das sind einfach nur Menschen, die ihr Vaterland verteidigen wollen. Also unser Vaterland, damit das mal klar ist.

Hakenkreuze? die würde ich an Ihrer Stelle aber sofort wegmachen. Ja, das ist mir schon klar, dass Sie die nicht selbst an Ihr Haus gemalt haben, aber es ist schließlich Ihr Haus. Das sind Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, da verstehen wir keinen Spaß. Wieso Schadenersatz? Sie haben selbst gesagt, dass das Ihr Haus ist, da muss doch der Staat nicht für den Schaden aufkommen? Das werden erlebnisorientierte Jugendliche gewesen sein, die mal ein bisschen provozieren wollten. Wir waren doch alle mal jung, Sie etwa nicht? Und jetzt entwickeln Sie hier mal keine Vorurteile, die Sie nicht mit eindeutigen Beweisen untermauern können, sondern nehmen Sie Pinsel und Farbe, und dann wird das alles größer und schöner wieder aufgebaut, Freundchen!

Man muss mit denen einfach nur mal reden. Es entstehen viele Vorurteile oder Missverständnisse, wenn man die gemeinsame kommunikative Ebene nicht finden kann. Beispiel? Da ruft uns gestern eine Frau an, auch schon weit über achtzig, weiß man gar nicht, was die das noch zu kümmern hat, die sagt, da brüllt einer in der Nachbarschaft immer herum: Deutschland den Deutschen, Juden ins Gas! Ich sage, beste Frau, sage ich, Sie müssen das mal auf einer rein kommunikativen Ebene begreifen. Es geht da um Ausländer, also alle, die nicht deutsch sind, und auf der anderen Seite geht es um unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger – das ist eben kein Gegensatz, verstehen Sie, man kann ja durchaus Deutscher und Jude sein, also ist das doch ein integrativer Gesamtansatz, der die Gesellschaft gar nicht spalten will. Sie regt sich auf, das sei ein Nazi, rechtes Scheißpack, jetzt seien sie wieder aus ihren Löchern gekrochen, ich sage, beste Frau, sage ich, was sie sich so aufregt. Sie ist doch weder Ausländerin noch jüdisch?

Hallo? Nein, sexuelle Belästigung ist nicht mein Aufgabengebiet, aber kann ich Ihnen trotzdem weiterhelfen? Können Sie das auch beweisen, dass es sich um einen deutschen Staatsbürger gehandelt hat? Sie kennen ihn? Da könnten Sie zum Beispiel zur Polizei gehen. Doch, die müssen Ihnen glauben. Ja, ich weiß selber, dass die alle gleich aussehen, aber wenn Sie den Namen haben und eventuell auch Zeugen für die Tat? Sie haben keine Zeugen? dann ist die Tat ja so rein kriminologisch gesehen gar nicht passiert, oder? Also das ist doch jetzt ein bisschen dünn, finden Sie nicht? Erst sagen Sie, es sei ein Deutscher gewesen, nur weil er so einen Pullover mit Abzeichen getragen hat, und dann wissen Sie nicht mal, wer den Täter gesehen haben könnte? Nein, ich würde Ihnen das auch nicht abnehmen. Erst rufen sie alle nach den Deutschen, die sie vor nordafrikanischen Grabschern schützen, und wenn dann mal einer Hand anlegt, ist Ihnen das auch wieder nicht recht? Sagen Sie mal, was wollen Sie eigentlich in Deutschland? und warum?

Wir haben wirklich sehr mit den Vorurteilen zu kämpfen, auch hier in der Dienststelle. Das geht ja teilweise bis zu richtigen Verschwörungstheorien. Neulich sagte da einer, in der Kaufhalle hätten sie zwei Nazis rausgeschmissen, weil die mit einem ganzen Kasten Bier stiften gegangen seien. Und dann hätten die auch noch versucht, den Filialleiter abzustechen, Rettungswagen, Intensivstation, drei Tage im künstlichen Koma, jetzt ist er halbseitig gelähmt. Waren aber zwei Flaschen Schnaps. Sehen Sie, schon sieht die Situation völlig anders aus.

Oder dass hier angeblich Journalisten von den Rechten aus dem Ort tätlich angegriffen worden seien, gibt es da einen stichhaltigen Beweis? Die waren bestimmt von außerhalb, uns schiebt man dafür die Schuld in die Schuhe. Und überhaupt, wenn die Schmierfinken hier plötzlich im Vorgarten stehen, hat man da als deutscher Staatsbürger etwa kein Widerstandsrecht? Jetzt kommen Sie mir nicht mit Pressefreiheit – was soll ich als Bürger mit einem Grundrecht, das nur für eine Minderheit gilt?

Wir sehen einen ganz klaren Auftrag, nämlich den Schutz der Zivilgesellschaft, die auf keinen Fall in die Auseinandersetzung hineingezogen werden soll. Die sollen ihre Stadt ruhig schützen dürfen, aber wir können ihnen leider nur gewaltfreie Mittel zugestehen. Das muss man auf der kommunikativen Ebene auch regeln, zur Not dann halt nonverbal. Es ist ja im Sinne der Zivilgesellschaft, auch der vielen Benachteiligten, Frauen beispielsweise, die den ganzen Winter über nicht mehr ins Freibad gehen können, weil der Ausländer ja quasi überall schon da ist. Es ist nun unsere Aufgabe, hier für einen geregelten Ablauf der Dinge zu sorgen. Diese Stadt muss doch mal wieder in Ruhe schlafen können.

Hallo? ja, das ist eindeutig rechtsradikal. Hitler ist zwar tot, aber das tut hier nichts zur Sache. Und Auschwitz ist ja gar nicht mehr in Betrieb. Haben Sie da abgesehen vom Nachnamen Einzelheiten in Erfahrung bringen können? ist Ihnen vielleicht der Dienstgrad bekannt, damit wir den betreffenden Kollegen vorab mal in Kenntnis setzen können?“

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