Jäger des verlorenen Schatzes

20 09 2016

„Es muss einfach da sein!“ Anne wühlte nun schon zum dritten Mal alle Schreibtischschubladen um, nur das Diktiergerät war nicht zu finden. Dabei gehörte es doch nachgerade zur Grundausstattung einer Kanzlei. „Deshalb muss es ja auch griffbereit sein“, ächzte sie und verschwand unter dem Tisch, wo sich ein erklecklicher Aktenstapel befand. Auch hier war der Rekorder nicht zu finden. „Aber er kann doch nicht weg sein!“

Das Problem war, dass Anne seit Eröffnung des eigenen Büros nie einen Brief diktiert hatte. „Sie schreibt selbst“, bemerkte Luzie lakonisch. „Sie meint, das ginge schneller, aber meistens muss ich die ganze Post vor dem Ausdrucken noch einmal kontrollieren.“ So war die Fachkraft zwar noch nicht ausgelastet, saß aber nicht den ganzen Tag an ihrem Tresen mit der Verwaltung von Terminen und der Gebäckschublade. „Es muss sich auch einer um die Topfpflanzen kümmern“, erklärte die Anwältin. „Gerade jetzt sollten wir doch einen guten Eindruck bei den Mandanten hinterlassen, nicht wahr?“ Sie sah mich erwartungsvoll an, aber was sollte ich daran jetzt tun? „Keller“, schloss sie messerscharf. „Wenn ich es seit Anfang des Jahres nicht benutzt habe, muss es noch in einem der Umzugskartons liegen. Auf in den Keller!“

Im Gegensatz zum Diktafon war der Schlüssel leicht zu finden; Luzie verwahrte ihn. „Ich war nie hier unten“, erklärte Anne. „Das heißt, ich war schon hier, aber ich habe nur die Kartons bis vor die Tür getragen – also nicht ich habe sie getragen, aber ich war hier, als sie getragen wurden.“ „Ich weiß“, antwortete ich, „und ich erinnere mich noch sehr gut, wer von uns beiden sie getragen hat.“ Sie zog die Augenbraue hoch. „Dafür habe ich sie in den Keller gestellt!“ Auch das war so nicht ganz richtig. „Wir hätten also lieber Luzie in den Keller schicken sollen? Aber ich war es, der die Kartons beschriftet hat, also weiß ich auch, wo wir was finden!“ So leicht war das nicht. Ein Schalter fand sich zwar, doch die Glühlampe hatte zwischendurch ihr Leben ausgehaucht. Anne blickte konzentriert auf ihre Schuhspitzen. „Luzie weiß ganz bestimmt, wo wir die Taschenlampe liegen haben.“

Sie wusste es tatsächlich. Keine drei Minuten später leuchtete Anne durch die staubige Luft, um die noch staubigeren Umzugskartons zu erkennen. „Da steht A1“, verkündete sie. „Das sind sicher Akten, wegen A nämlich.“ „Das heißt“, konstatierte ich, „Du weißt es auch nicht.“ „Entschuldige mal“, brauste sie auf, „wer hat denn die Kartons nun beschriftet, ich oder Du!?“ „Dann solltest auch Du wissen, was drin ist und warum er so heißt.“ Ihre Antwort ging in staubigem Husten unter.

„Vielleicht sollten wir den öffnen“, schlug ich vor. Die Beschriftung deutete auf Kleinteile hin. Zumindest stand es auf der Seite des Pappkastens. „Ich weiß nicht“, hüstelte Anne. „Ich könnte mich täuschen, aber der sieht aus wie, ja, also das ist gar nicht meine Schrift.“ „Egal“, beschied ich. Ich zog den Karton aus der Stellage. Eine Staubwolke von ägyptischen Ausmaßen verteilte sich im Raum – es musste jeden Moment ein Grabwächter aus dem Regal geklettert kommen, um sich nach Anzahl und Zustand der hier gelagerten Mumien zu erkundigen – und der Kasten stand auf dem Boden. Anne zierte sich. „Sicher ist da gar nichts drin.“ Dafür aber war er viel zu schwer. Der Karton barg einen Kochtopf, wie er gleichfalls in jeder besseren Anwaltskanzlei zu finden ist, mehrere Schachteln mit Bleistiften sowie eine hübsche kleine Tischuhr. Ich kannte sie. Anne hatte sie auf einem Flohmarkt erquengelt, weil sie sich partout etwas zum Einzug wünschte. „Aha“, stellte ich fest. „Das also sind Kleinteile.“ Anne stemmte die Hände in die Hüften. „Es gibt noch viel größere Tischuhren! Sehr viel größer!“

Karton A1 war wirklich mit Akten angefüllt, während A2 schon Jahrgänge einer Fachzeitschrift für Juristen beherbergte. „Papier“, analysierte Anne, „beides Papier. Daher das A.“ Die Zeitschriften setzten sich in B2 und B3 fort (B1 gab es gar nicht, jedenfalls nicht in diesem Keller), wobei B3 diverse stark eingetrocknete Kekse historischen Baudatums enthielt. Das Jahr 1987 war zu entziffern, jedoch keine Hieroglyphen. Man konnte mit dem Gebäck wohl noch einiges anfangen, reich werden oder die Geschichte der Ernährung umschreiben aber nicht. „Wo ist denn dieses verfluchte Gerät“, schrie Anne, außer sich vor Zorn. „Ich habe es doch selbst in einen dieser Kartons gepackt!“ Ich bugsierte sie sanft in Richtung Tür. Nicht auch noch, dass eine Staubexplosion uns beide in die Luft jagte.

Luzie hatte in der Zwischenzeit ein Schreiben aufgesetzt, alle Termine aktualisiert und Kaffee gekocht. Anne strich sich einen Staubfaden aus dem Gesicht und setzte die Tischuhr vorsichtig auf das Fensterbrett. „Ich müsste alles wegräumen“, sagte sie mit düsterem Blick auf die Oberfläche ihres Tisches. „Gib mir mal den Gesetzeskommentar und die Briefmappe – nein, die andere, die hier ist für Unterschriften – und leg sie am besten da auf den Sessel, ich kümmere mich später darum, und dann kannst Du die Stifte wieder in den, und den Locher brauche ich sowieso nicht, der kann nach vorne zu Luzie, und der Block auch, und das Diktiergerät…“ Da war es also. Ich nahm es mit spitzen Fingern und legte es demonstrativ in die oberste Schublade. Anne biss sich auf die Unterlippe. „Vielleicht sollte ich es auch bei ihr abliefern“, sagte sie dumpf. Ich wollte etwas erwidern, doch ich kam nicht mehr dazu. „Du hast da einen Faden“, bemerkte sie und hielt mich am Arm fest. „Warte, ich werde den eben mit der… – Hast Du meine Schere hier irgendwo gesehen?“

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