Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXLV): Hochzeitsterror

23 09 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was war die Sache damals noch einfach. Ugas elfte Tochter, prächtig gewachsen, handwerklich nicht ungeschickt, schien das Interesse von Nggrs drittem oder viertem Sohn zu erregen – ob es der dritte oder vierte war, kümmerte niemanden, und ob es sich wirklich nur um das Interesse handelte, war auch nicht mehr von Belang – was nach kurzen Verhandlungen zur Übereinkunft der Sippen führte. Wenn sie denn wollten, hatten sie die kurze Frist zwischen Familiengründung und Kompostierung, Kinder in die Welt zu setzen, sich mit den Nachbarn in die Haare zu kriegen und der Gesellschaft auf der Tasche zu liegen. Vielleicht würde seine Existenz vorab von einem gestressten Säbelzahnnashorn als Blutsuppe beendet, aber sie würde einen neuen Bräutigam finden. Wozu also der Hochzeitsterror.

Die postbürgerliche Bevölkerung hat schon den entscheidenden Schritt in Richtung Abgrund getan, das aus alter Zeit in Mottenkugeln gerollte Gedöns hat sich in eine ff. Moderne gerettet und besteht nun in einer aus Knallfröschen dominierten Welt. Ehe – die vom Finanzamt privilegierte Gemeinschaft mag sich angesichts soziologischer Ernüchterung in die Ecke des Zimmers gemalt haben, was auch nicht verkehrt ist, wenn man nicht gerade als Religiot auf die Hirnverknöcherung des Herrn harrt, doch sie hat noch immer die Peitsche in der Hand, will man Verwandte, Freunde und den Rest der verhassten Spezies aus Sicherheitsgründen auf den kleinsten konservativen Nenner bringen. Das letzte Refugium der noch nicht business- und konsumorientierten Lebensvorstellung, die Paarbeziehung als Entwurf des Privaten, das erfordert sofortige Maßnahmen, um sie mit den restlichen Vorstellungen klebriger Romantik aufzupumpen, und zwar vor den Augen der gesamten Weltöffentlichkeit. Und mit einem an die großen Wirtschaftskriege erinnernden Overkill an kommerzialisiertem Süßstoff aus Fertigwaren.

Nicht einmal die Drogenküchen von Hollywood bieten an, was man braucht, um als Angestellte die Showvorstellung in Weiß in Angriff zu nehmen. In den einfachsten Momenten sieht es aus, als hielte sich die ganze Meute an ein von Disney in die Welt geschwiemeltes Drehbuch, dann wieder ist es eine trübe Phantasmagorie, die den Zuckerkitsch einer royalen Kopulation auf das Niveau vom Plattenbau in Bad Gnirbtzschen transformiert. Der Aufwand ist meist derselbe. Ein kompletter Wirtschaftszweig mit Brautkleiderbude und Pferdekutschenverleih, Fotografen und Event-Kalorienbeschickern steht Gewehr bei Fuß, um die wirren Vorstellungen aus Glitzer und Grütze so kostenintensiv wie geschmacksbefreit zu verwirklichen. Nachgerade als Zeremonienmeister und Wirtschaftsförderer hat sich der Wedding Planner zwischengeschaltet. Nur er weiß, wer die besten Einladungskarten druckt. Kein anderer hat den ultimativen Kuchenkünstler an der Hand. Und er lässt es sich teuer bezahlen.

Wenige brechen aus ins Ungewöhliche. Sie gehen im Ballon in die Luft, tauschen die Ringe am Südseestrand, unter Wasser, im arktischen Eis, voll kostümiert im Barockschloss, bloß nicht wie der durchschnittliche Eheaspirant. Doch ist auch dies nur eine weitere Facette unter den Zirkusnummern, mit denen das Fest zelebriert wird, höher, schneller und weiter als bei allen anderen. Die in Trüffelöl aufgeknusperte Kamelwimpern an Blattgoldrisotto, der mit rosa Plüsch bezogene Ferrari und die mit dem Helikopter an der Eiger-Nordwand abgeseilte Trachtenkapelle machen die Inszenierung zwischen Reichsparteitag und Körung perfekt. Wenn beim Anblick der n-stöckigen Torte sich nicht sämtliche Nichten vor Zorn in die Faust beißen, war es nicht dick genug aufgetragen.

Denn das ist der Sinn: man heiratet nur einmal, es ist der schönste Tag im Leben, und dann kann man auch schon mal Opas Altersvorsorge für Sekt und eine Herde steppender Flamingos auf den Kopf hauen. Was weg ist, kann nicht mehr verlieren. Der Amoklauf der Emotionen driftet schließlich ab ins magische Denken: ist die Hochzeit nur flamboyant genug, so wird das Schicksal die Delinquenten mit ewiger Zweisamkeit beschenken. Oft klappt nicht einmal der Deal, dass man mit der Pappnase an seiner Seite auch den widerlichsten Stress in trauter Harmonie zu meistern bereit ist und einen Tag nach der Eheschließung den gröbsten Dreck schon hinter sich hat. Wer einmal eine Dokuseifenoperette zum Thema verfolgt hat, weint still mit.

Warum hat der Halbaffe im Frühstadium der Hominisation nicht schon Traumhochzeit gefeiert, wo seine Lebenserwartung wenigstens eine faire Chance darauf ließ, dass es seine einzige würde?

Die logische Kosequenz der Zwangshandlung ist der Trend japanischer Frauen, sich den ganzen Kokolores mit weißem Kleid, Hochzeitsbildern und Zeremoniell zu schenken und ohne quotenmäßig dazugehöriges Gespons zu feiern, quasi als Event aus dem Automaten, aus dem man im Land der aufgehenden Sonne auch noch ganz andere Dinge ziehen kann. Und vielleicht ist das auch besser so, ohne den Neid und die stichelnden Blick des Clans in jungfräulichem Chiffon über Wiesen zu stöckeln, aus dem Fuhrwerk zu winken und sich danach noch einen reinzugießen, weil kein quengelnder Depp auf einen wartet, um an diesem schönsten Tag mit seinem Geseier die Tür zur Vorhölle aufzustoßen. Wie Fußball. Eigentlich sollt man das jede Woche wieder feiern.

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