Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXLVI): Das postfaktische Zeitalter

30 09 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das hatte sich Nggr nicht träumen lassen: bei der Wahl zum Stammeshäuptling zählten auf einmal nicht mehr die Tatsachen – durchschnittlich eine Säbelzahnziege und ein halbes Mammut pro Woche erlegt, den Fischteich neu besetzt, alle Laubdächer mit Blättern aus regionaler Bioproduktion gedeckt und nachhaltig befestigt – sondern eine wirre Angst, die angeblich die Vegetationsgöttin in Albträumen verbreitete. Die Leute von der westlichen Felswand, so das lebensspendende Muttertier mit Hörnern und amtlichem Brustumfang, mutierten nachts zu bösen Ungeheuern, die das Land der eigenen Sippen mit Feuer und Wasser verwüsteten, mit Bannfluch und Schadenzauber und dem Sturmdämonen, den sich Uga ad hoc ausgedacht hatte. Keiner widersprach. Nach kurzer Debatte kor die Meute den Revoluzzer zum Stammesfürsten, der Prunk und Korruption zu seinem Regierungsprogramm bestimmen sollte. Die Gemeinschaft war dem Untergang geweiht, es überlebte nur der erste Versuch eines postfaktischen Zeitalters.

Was vor der Erfindung formaler Bildung und schriftlicher Kommunikation gelang, gelingt auch heute, da die schriftliche Kommunikation sich neue Wege sucht wie etwa soziale Medien, gleichzeitig aber auf Bildung im weiteren Sinne keinen Wert mehr legt. Von der Aufklärung ins Hirn gehämmerte Mantren, Sapere aude, verdunsten im Gejiekel und Gefieper der Hasenhirne. Die Masse wird mit sogenannten Fakten gesättigt, ohne aber zu wissen, was eine Tatsache wirklich ausmacht. Das intellektuelle Prekariat geht lieber an seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit ein, anstatt sich kurz und ergreifend mit Konzepten wie Wirklichkeit zu befassen, und schon haben wir die Misere. Fakt ist, was der Beknackte in seinem Zustand mäßiger Nüchternheit dafür hält. Unter Vernachlässigung seiner angeborenen Filterfunktionen glaubt er an fliegende Schweine, wie das Mittelalter an Wunder geglaubt haben mag: aus der Wissens- ist eine Nichtwissenwollensgesellschaft geworden, die sich gegen Intellektanwendungen sträubt wie Betonkatholen gegen Gummitüten. Die Propaganda hat das Regiment übernommen, wenigstens medial.

Nirgends zeigt sich schmerzhafter, dass das Medium die Botschaft ist, als im Interwebdingsi – wo jeder ein Dackel mit Schnurrbart sein könnte, ist auch jeder ein Jurististiker, der zehn Sequester an der Unität sediert hat, ergo einer der Öchsperten, daran die neogrobianische Welt viel Knackens hat. Jeder hält seine hastig zusammengeschwiemelte Grütze für Wissen, jede Meinung für Ahnung und Emotionsbulimie für ein authentisches Merkmal von kommunikativer Kompetenz. Es besteht kein Interesse an Überprüfbarem, da Informationen in unüberschaubarer Flut in der Population verklappt werden, ohne dass diese sich jemals aus dem Brei herauszurudern gedächte.

Es setzt sich fort mit Schnackbratzen in Parteien und Parlamenten, wie sie den Dunst der Stunde wittern, die Gerüchteküche zur Hysterisierung des Milieus zu nutzen. Längst ist es nicht mehr das simple Beeinflussungs-Marketing, bei dem man dem Ex-Schuhputzer der Klavierlehrerin mehr abnimmt als einem studierten Fachmann, sondern ein populistisches Gulasch aus gefühlter Realität in Dauerschleife und plumpen Lügen. Das Zeitalter des Postfaktischen ist also nicht viel mehr als eine Vorkriegsepoche, in der Schimmelhirne das Ruder übernommen haben, um sich nicht von plötzlich eintretenden Tatbeständen aus dem Konzept bringen zu lassen. Welch ein Glück, dass die Getöseproduktion sich das Geschäft von keinem Gegenbeweis vermiesen lässt. Die bereits vom Turbokapitalismus weich geklopften Individualisten sehen ohnehin nur das, was sie sehen wollen. Tiefe Angst bestimmt das Bewusstsein, das sich Krücken bastelt, Verschwörungstheorien als postfaktisches Pop-Phänomen, die exakt nur dann funktionieren, wenn man jedes faktische Moment zielgerichtet ausschaltet und durch verquirlte Vorurteile ersetzt.

So unternimmt die Gesellschaft genau das, was sie fürchtet, dass es mit ihr unternommen wird: sie schafft sich ab, torkelt in diverse Aggregatzustände von Beklopptheit hinein und in die prätraumatische Entlastungsstörung, um sich mit der jäh komplexer werdenden Welt nicht mehr auseinandersetzen zu müssen. Die Infantilisierung, die aus der robusten Abwehr gegen jede Art von Reflexion und geistiger Differenzierung erwächst, führt zur Abhängigkeit von soi-disant Vordenkern, die dem Dreckrand der Eingeborenen Wirsinddasvolk zum Nachplärren in die Kalotte pfropfen, damit sie sich am Gängelband frei bewegen – es reicht ja, wenn sie sich nicht gefesselt fühlen, um es als Freiheit zu definieren.

Das postfaktische Zeitalter ist nichts als das Auffüllen der Hohlräume mit Doppeldenk. Krieg ist der neue Frieden, nur Sklaverei ist Freiheit. Dass Unwissenheit Stärke bedeutet, haben sie ja schon kapiert.

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