Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXLVII): Performancewahn

7 10 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Bei Uga war die Zielvorgabe klar: wer pro Tag einen Korb Beeren sammelte, durfte weiter am Feuer sitzen bleiben. Manche schafften knappe zwei Körbe, einer immerhin drei, wenn auch nur einmal und das bloß aus Glück. Nggrs Nichte hatte konstant anderthalb Körbe, ausgesuchte Ware, und ihr bekam die Sache nicht. Sie wurde aussortiert, auch wenn die das verordnete Ergebnis immer erreicht hatte. Zahnausfälle und Magenbeschwerden richteten nichts aus, der Häuptling hatte recht. Leistung musste sich wieder lohnen, es war nur nicht jedem klar, wer was leisten sollte. Es war der Beginn des Performancewahns.

Spätestens mit dem Durchbruch calvinistischer Vorstellungen von Sturm und Zwang würgt sich die Sekte der Aluhütchenspieler gegenseitig mit der Etablierung des bis heute lebendig gehaltenen Paradoxons: Arbeit ist jedermanns Recht zur Ehre jenes höheren Wesens, das wir verehren, aber wer nicht überdurchschnittlich schafft, darf nicht mehr mitmachen. Der Beweis, dass die Renovierung des christlichen Abendlandes von ein paar Soziopathen für eine Handvoll Würfelzucker verscherbelt wird, fiel noch nie leichter. Ab jetzt plärren die Manager, quäken endloses Feedback von Zielvereinbarungen und greinen sich Kennzahlen in den Bart, damit der Moloch, die allnährende Firma, noch schneller noch größer wird, fünfhundert Prozent Marktanteile hält und wächst; sie beten quasi ein Krebsgeschwür an. Doch nicht genug, auch die unterste Ebene, der Mitarbeiter, Kreditsachbearbeiter oder Erntehelfer, muss bin in die Weichteile hinein optimiert werden, messbar optimiert. Qualitätsgrinsen! Freundlichkeit Stufe II! Hauptsache, der Quatsch wirkt.

Denn was lässt sich schon innerhalb eines Bezugsrahmens objektiv messen. Wer die Arbeiter dafür bezahlt, am Laufband fehlerhafte Teile zu entfernen, wird bald eine intern gut organisierte Kohorte haben, die frisch gestanzte Rohlinge ansägt und verdengelt, während die andere Hälfte der Mannschaft das Zeug auf die Halde kloppt. Auch in den Grenzen dieser Welt existiert der Wunsch nach einer permanenten Steigerung, und wer sich geistig nicht in der Lage sieht, die Voraussetzungen zu begreifen, sieht allenfalls seine Kosten über die Latte hüpfen, nicht aber den Erfolg. Man mag sich matt damit trösten, dass ohne die Klötenkönige aus der Controllinggrotte die Komplettversager in den Unternehmensberatungen nie eine Beschäftigung bekämen – aber auch ihnen fällt zur Kostensenkung nur ein, die Hälfte des Personals aus dem Fenster zu schmeißen, was nicht einmal theoretisch die Produktivität zu heben vermöchte. Was die Wirtschaftswissenschaften eben für Realität halten.

Mehltaugleich verbreitete Leistungskontrolle ist wie der Einbruch der Planwirtschaft in die Freiheit des Unternehmertums. Der Maschinenmensch wird auf seien Output reduziert – ethische Positionen sind nicht gefragt, genauso wenig allerdings eine Verbindung von Leistung und Nachhaltigkeit. Die angebetete Zahl ist noch immer die skalierbare, mit allen inneren und äußeren Verzerrungen. Rigide Raster einerseits, eine hochgradig subjektive Sicht auf Humaneigenschaften andererseits, mit der man auch ein Eiskunstlaufturnier bestreiten könnte, umfahren das Problem weiträumig und jodeln dabei noch immer von tollen Ergebnissen, die weit in der Zukunft liegen. Wenn Kundenzufriedenheit das Maß aller Dinge ist, warum lassen sich dann meist nur unzufriedene Kunden befragen? Wenn die Ziele eines Unternehmens bis in die letzten Winkel der Verwaltung durchdringen sollen, ist dann die Bürokauffrau mit ihrem Karpaltunnelsyndrom für den Welthunger verantwortlich, den eine NGO in diesem Quartal wieder nicht weggekriegt hat? Ist Leistung, angeblich nach Belieben zu steuern, nicht grundsätzlich nur in einem engen Grenzbereich möglich? Nach ihrem Modell ließe sich der weltweite Bedarf an Schmierkäse von einer punktförmigen Kuh im Vakuum fabrizieren. Warum also machen sie es nicht einfach?

Schließlich trifft die Beurteilung die Beurteiler, die sich selbst aus der Schlinge ziehen. Sie haben kein interdisziplinäres Wissen, sondern in der Klippschule zusammengeschwiemelte Vorurteile, sehen wie Aktienhändler in die Vergangenheit und versuchen Prognosen für eine Zukunft zu drechseln, deren Umstände sie nie beeinflussen werden. Doch wie immer gilt die Behauptung bereits als Beweis, sie glotzen nur auf den Tacho, ohne sich um den Reifendruck zu kümmern. Hauptsache, die Karre trifft mit amtlich Schmackes die Wand. Dann kann der geneigte Beraterfuzzi aus Anprallwinkel und Trümmergröße gemütlich die Aggregatzustände von Beklopptheit herausdestillieren, die zum Unfall geführt haben. Wahrscheinlich war es einfach ihre Überzeugung, alles besser zu können.

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