Abteilungsleiter

20 10 2016

„Natürlich nur zum Tragen“, erklärte Herr Breschke, „so ein Ding ist ja recht sperrig, und für den Kofferraum ist es auch zu groß.“ Wie gut, dass ich ihn zufällig besucht habe, nachdem mich seine Frau angerufen hatte. Das Apfelbäumchen hing voll und war ohne Leiter nicht zu besteigen.

„Die unterste Sprosse.“ Mit einer ruckartigen Handbewegung demonstrierte der alte Herr, wie das dünne Brettchen, das seit Jahrzehnten die Trittleiter abgestützt hatte, unter seinem Gewicht eingeknickt war. „Ich war ja noch nicht einmal hinaufgestiegen, aber was hätte da alles passieren können.“ Er zog seinen Schal gegen die herbstliche Kühle etwas fester, schien aber voller Zuversicht, dass er ein seinen Ansprüchen genügendes Gartengerät finden würde, noch dazu im hiesigen Gartenmarkt, der im Spätsommer erst seine Pforten geöffnet hatte. „Die Kirsche und die Pflaume hat sie noch mitgemacht, aber die aggressive Außenluft, ich sage Ihnen – die Abgase sind schuld!“ Er riss geradezu empört die Augen auf. „Wenn wir nicht diesen Autoverkehr haben würden, man müsste sich nicht ständig neues Gartengerät kaufen!“ Nun stammte diese Trittleiter von Breschkes Vater, der einen kleinen Garten in der Kolonie Zum fröhlichen Landmann gepachtet hatte – ein bräunliches Bild von 1931 zeigte ihn als schnauzbärtigen Kartoffelernter – und war von dem längst pensionierten Finanzbeamten in der warmen Jahreszeit stets griffbereit am Fuße der Kellertreppe aufbewahrt worden. Erst im letzten Frühling hatte Anne ihn mit einer kurzen, trockenen Bemerkung darauf hingewiesen, dass das Ding als willkommene Einstiegshilfe für Räuber nicht nur seine Versicherung nutzlos machen würde; sie hatte ihm auch gehörige Angst eingejagt, dass nach einem Einbruch die Polizei den Klapptritt als Erleichterung des Verbrechens, ja: als Anstiftung dazu werten würde. Der Schrecken saß tief und nachhaltig. Breschke hatte gar nicht erst in Erwägung gezogen, seine Tochter auf einer ihrer zahlreichen Reisen um die Lieferung des erbetenen Gegenstandes zu fragen, möglichst zollfrei und aus übel beleumundeter Quelle, er zog den Gang in ein Ladengeschäft vor. Und ich war ja auch noch da.

Die Türen öffneten sich. „Schauen Sie mal“, sagte ich wohlwollend, „das Sortiment kann sich doch wirklich sehen lassen.“ Lange Reihen mit Balkonkästen und Arbeitshandschuhen, Holz- und Kunststoffzäunen verwirrten seinen Blick. „Das ist alles sehr unübersichtlich“, stöhnte der Alte. „Wo finde ich denn hier die Leiterabteilung?“ „Ich habe eine Idee“, gab ich zurück, „suchen wir nach dem Abteilungsleiter.“

Ein beflissener Verkäufer – er war sicher noch nicht lange in dieser Branche tätig, man konnte ihn noch sehen – breitete den Stolz des Sortiments vor dem Gartenbesitzer aus. „Dieses Modell ist aus Aluminium“, erläuterte er, „während wir diese hier haben, die sind aus Metall.“ Ich beäugte die Geräte. „Leiterinnenbreite 29 Zentimeter“, las Breschke auf einem der Anschläge, „ich wollte keine Leiterin, ich hatte eher an ein Herrenmodell gedacht.“ Der Verkäufer biss sich nervös in die Unterlippe. Die Situation musste gerettet werden. „Die sieht doch aber sehr robust aus“, befand ich fachmännisch, „gute Sprossenverpressung, und die Kunststofffüße sind sicher rutschfest.“ Breschke klopfte gegen die Konstruktion. „Natürlich bekommen Sie dies Modell auch als Klappstehleiter“, beeilte sich der junge Mann. „Die Holmstärke befindet sich bei 60 Millimetern, dazu haben wir eine Breite von 33 Zentimetern und ein Profil von…“ Er klappte die Füße auseinander. Es rasselte ein bisschen, nichts Ungewöhnliches, aber der Alte schreckte instinktiv zurück. „Ich weiß ja nicht!?“ „Probieren Sie es ruhig einmal aus“, ermutigte ich ihn. „man kann hier oben sogar einen Eimer einhängen für die Äpfel. Oder eine Werkzeugtasche.“ Noch immer war er skeptisch. Es half nichts, beherzt setzte ich einen Fuß auf die Leiter, griff nach den Holmen und stieg hinauf. Es wackelte ein wenig, was aber wohl der Tatsache geschuldet war, dass Breschke, der ja noch immer unten stand, mit zittrigen Händen eine Sprosse umklammerte und angstvoll empor sah. „Die Sicherungskette“, erinnerte der Verkäufer, „Sie sollten die Sicherungskette auch noch bedenken.“

„Vielleicht sollten wir es doch lieber mit einer Haushaltsleiter versuchen“, schlug ich vor. Der Verkäufer nickte. „Unser Spitzenmodell hat extra breite Stufen mit Profil für eine Maximalbelastung von 150 Kilogramm“, strahlte er. Horst Breschke verzog das Gesicht. „Das kriege ich ja nie im Leben zusammen“, nörgelte er, „was ist denn dann, wenn die Leiter dadurch unstabil wird?“ Der Ladenmann schaute mich betreten an, dann Herrn Breschke, dann wieder mich. „Denken Sie an die Äpfel“, erinnerte ich, „Sie müssen ja einmal hoch und dann mit den Eimern einmal wieder runter.“ Er überlegte kurz. „Wenn man das mal genau nachrechnet“, murmelte er, „dann müssten Sie eigentlich recht haben.“ Banges Warten. „Und das Modell ist gerade im Sonderangebot“, frohlockte ich, „es kostet nur…“ Ich schielte nach dem Preisschild. Breschke strahlte. „Die nehme ich!“

Der junge Verkäufer brachte uns ein Gerät in Originalverpackung bis an die Kasse und wünschte viel Freude mit der neuen Leiter. „Ein richtiges Schnäppchen“, jubelte Breschke und rieb sich die Hände. „Dann geben Sie mal her.“ Doch er zog mir den Pappkasten gut gelaunt aus den Händen. „Lassen Sie mal, Sie wollten heute noch einkaufen gehen.“ Er schulterte den Karton. „Mit so einer Leiter werde ich doch immer noch selbst fertig!“

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