Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXLIX): Patriotismus

21 10 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Geografisch war die Sache schnell geklärt. Wer diesseits des Tümpels wohnte, gehörte zum Stamm der Gga, die anderen eben nicht. Der Höhenzug mit dem reichlichen Beerenvorkommen duldete kleine Übergriffe von beiden Seiten – meist im Schutz der Dunkelheit verübt und eine beliebte Mutprobe von Heranwachsenden – und die etwas abseits gelegene Steppe mit ihren üppigen Jagdgründen – bot einem guten Dutzend Sippen genug Beute zur kollateralen Existenz. Nur eben der eine Baum nicht, der just an der Grenze der Territorien wurzelte. Alles konnte man teilen, tolerieren, tauschen, nur die Deutung eines über die Geschichte herausgehobenen Dings glitscht beharrlich durch die Finger. Es gehörte nur den einen, weil sie nicht die anderen waren. Weil die Hominiden ahnten, sie wären wie die anderen ohne eine Grenze. Und ohne Patriotismus.

Beflissene Raumkrümmer schwiemeln sich seit langen Jahren zusammen, dass Patriotismus nur die kleinere Ausgabe von Nationalismus sei; dass es sich wie nett zu scheiße verhält, müssen sie nicht betonen bei dem Pudding, der sich wehrt, wenn man ihn an die Wand nagelt. Erst mit der Verengung des Staatsgebildes auf das Nationale kam überhaupt der Gedanke, es müssten alle aus einem begrenzten Gebiet stammen und qua Geburt – später dann auf Hirnweichmacher wie Rasse oder Religion erweitert – der eigenen Brut angehören, um als Untertanen dem Gebilde Steuern schuldig zu sein. Karl V. hätte für die plärrenden Flusenlutscher, die ständig die Dresdner Altstadt durch ihren Körpergeruch beleidigen, persönlich die Entwicklung eines Großraumscheiterhaufens ausgelobt, um diesen destruktiven Dreck von der Backe zu kriegen, der ihm den multinationalen Machtkonzern madig machen würde, zu dem der Bettnässer aus Braunau trotz Sportpalastrevolution nie in der Lage war. Schon gar nicht friedlich.

Wie albern die primäre Zugehörigkeit zu einer lokalen Gebietskörperschaft anmutet, zeigt doch die deutsche Geschichte. Funktioniert Patriotismus in einem Flickenteppich von Fürstentümern? sind sich Lummerland und die Grafschaft Dingenskirchen spinnefeind, nur weil sie zufällig an zwei Ufern desselben Rinnsals liegen? Oder schwillt die Brust dem Koksgnom nicht erst, wenn er sein nationales Läppchen über der Sessellehne trocknen darf? Vor allem im intellektuellen Vakuum gebiert der Schlaf der Vernunft Ungeziefer von allerhand Art, eine trübe Erinnerung an die Zukunft aus Werten und Kultur, die es nie gegeben hat, schon gar nicht als gemeinsames politisches Gebilde.

Der putzigste Phänotyp sind die Vertriebenen, die sich entweder mit Bordmitteln eine Identität hinpfriemeln müssen oder in sechster Generation ihr Aufmerksamkeitsdefizit kompensieren, weil sie die Mehrheitsgesellschaft irrtümlich für normale Menschen hielt. Was sich als Kerngedanke des Nationalismus festgefressen hat, sich selbst um jeden Preis einzugrenzen, um andere ausgrenzen zu können, turnt dieser völkische Mistgabelmob mit handgestrickter Dialektik rückwärts nach. Natürlich bleiben die Verteidiger der Rückständigkeit nicht stehen – sie kennen nicht nur keine Deutschen, sie kennen inzwischen auch keine Parteien mehr – und erfinden Neuzüchtungen wie den Verfassungs- und den entspannten Patrioten. Während der eine zur Wahrung der Menschen- und Bürgerrechte offenbar rein deutsch zu denken hat, weil das Grundgesetz ja ausschließlich die Würde des Teutonen vor etwaiger Antastung zu schützen hat, darf der andere bei nationalen Großereignissen wie Fußballkrieg in der Reichshauptstadt in tapferm Trutz die Flagge durch den Äther wedeln – die Welt zu Gast bei Freunden darf sich dann schon mal anschauen, was passiert, wenn sie nicht die Hacken zusammenknallen. Dass sie auch hier Schwarz, Weiß und Rot schwenken, war ganz sicher ein Zufall. Sicher war es nur der Jahrestag von Compiègne.

Aus dem Rest gebiert sich der patriotische Europäer, ein geschmacksfreier Scherzartikel der Evolution, der als besorgtes Subproletariat eben das vehement und gegen eigene Interessen verteidigt, was er als Verderb der nationalistischen Identität bekämpft: Hurratüten, bei denen die Grütze kaum für eine ordentliche Lobotomie ausreicht, wedeln mit dem Zäpfchen über eine dümmliche Horde auf Sozialentzug. Sie schüren dabei mehr Angst als Vaterlandsliebe und haben längst den Bezug zur vorwiegend republikanisch gemeinten Tradition von Patrizierstadtstaaten verloren, die ihresgleichen mit Brechreiz hinauswürfen. Was an diesem preziösen Gepopel Kultur und Ansehen bezeigte, weiß nicht einmal der Dogenbeauftragte, und der ist mit moralfreier Macht nicht eben wenig bewandert.

Wie gut, dass die anderen Deppen exakt von diesem Honig saugen. Jedes exklusive Wir ist im Prinzip erweiterungsfähig, und es arbeitet wie ein Scherengatter für eine Herde dummer Schafe. Sie werden drinnen bleiben, weil man es ihnen befiehlt. Sie werden geschoren, und nicht nur das. Die Größe des Gatters ist dabei vernachlässigbar.

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3 responses

21 10 2016
Lo

Und jetzt weiss ich auch, was Lobotomie ist ;-))

21 10 2016
bee

Immerhin, die meisten Lobotomierten wissen das nicht. Oder nicht mehr.

21 10 2016
Lo

hinterher…

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