Zwölf Zimmer, Küche, Bad

1 11 2016

„Ich hab hier gerade durchgewischt!“ Während ich vor Schreck auf die Zehenspitzen stieg, lief Siebels ungerührt über den feuchten Boden und spuckte den Zahnstocher zielsicher in den Papierkorb. „Machen Sie sich keine Gedanken“, brummte er. „Sie hat berufsbedingt schlechte Laune. Das kriegt man nicht mehr weg.“

Frau Knappert schlurfte von einem Ende der Halle ans andere, dabei einen großen Wischeimer samt Mopp hinter sich ziehend. Mit einem gezielten Schwung tunkte sie das Gerät in die Lauge, hob den tropfnassen Aufnehmer aus dem Eimer und ließ ihn in einem Arbeitsgang schmatzend auf den Boden klatschen. Ihre Stirnader schwoll an, so ungestüm schrubbte sie den Belag ab, eine Bahn nach der anderen. Vermutlich hatte sie mit ihren Adleraugen den Schatten eines Sandkorns entdeckt und wollte die Erinnerung an ihn aus dieser Welt tilgen. Es würde nur wenige Tage dauern, bis sie den Boden komplett durchgeschabt, höchstens einen Monat, bis sie das untere Ende der Erdkruste erreicht haben würde. Wenigstens wäre der Granit porentief rein, wenn man ihn förderte, und man könnte mit ihm sofort die ganze Halle trittfest auslegen. Die Tür öffnete sich einen kleinen Spalt, hinein sah Doktor Himmerle. „Ich muss mich geirrt haben“, sagte er verzagt, „wir wollten doch ins alte Studio.“

Siebels schlürfte einen Schluck seines noch viel zu heißen Automatenkaffees ab. „Jetzt dürfte es ein bisschen laut werden“, flüsterte er, und schon hob die Raumpflegerin gewaltig ihre Stimme an. „Und dann latschen Sie hier wieder alle rein und raus und rein und raus, und wer darf das alles dann wieder putzen?“ Himmerle kam gar nicht erst zu einer Antwort; während er noch Luft holte, schrie Frau Knappert ihm wütend ins Gesicht. „Sie machen das jetzt hier, die kommen sowieso alle hinten aus der anderen Tür, und dann bleiben Sie von hier weg, bis das aufgetrocknet ist!“ Vollkommen verschüchtert und wie eine Ballerina schwebend tapste der Aufnahmeleiter über das frisch für die Sauberkeit annektierte Teilstück und kam zu uns. „Ich bin froh, dass Sie da sind!“ Siebels nickte. „Wer wird denn die Show leiten?“ Der Doktor zeigte verzweifelt mit dem Daumen nach hinten. „Sie!“

Der erste Kandidat stand schwitzend an der Glasfront. „Keine Streifen, verdammt noch mal!“ So sehr sich der junge Mann auch mühte, stets legte die alte Putzfrau ihre Stirn in bedenkliche Falten und lehnte seine Arbeit ab. „Dabei finde ich das gar nicht mal so schlecht“, sagte ich unschuldig zu Siebels, der gerade die Liste der Bewerber studierte. Sie musste es gehört haben. „Wenn Ihnen das reicht, dann machen Sie doch Ihre eigene Firma auf. Genug Stümper auf dem Markt gibt’s ja, die Sie einstellen können.“ „Wie gesagt“, murmelte Siebels, „sie ist nicht von schlechten Eltern.“ Der Scheibenreiniger war inzwischen vollkommen aus dem Takt gekommen. Das Wasser leckte von den Fenstern, dicke Schlieren hatten sich gebildet, er stand in einer Pfütze aus Lauge und Schweiß. „Das reicht“, schnarrte Knappert. Ein fröhlich grinsendes Mädchen kam schon in die Kamera gelaufen. Der laserähnliche Blick der Bodensachbearbeiterin stoppte sie wie ein Besenstiel am Brustbein. „Immer langsam“, sagte sie mit gefährlicher Ruhe. „Wollen wir erst mal sehen, welches Putzmittel Sie für den Belag hier empfehlen.“ Die Kandidatin sah etwas perplex auf die Batterie bunter Behälter, die auf dem Putzwagen stand, dann griff sie zielsicher zu einer roten Flasche. „Die hier.“ „Sehr gut!“ Frau Knappert nickte anerkennend. „Sie haben genau die richtige Putzkörpergröße ausgewählt, und wenn Sie den Marmorboden mit Säure traktieren, ist er in weniger als vier Wochen ausreichend porös, um ihn mit Absätzen zu perforieren, umzuknicken und sich den Fuß zu brechen. Dann reißen wir einfach den ganzen Mist raus, gießen Beton drüber, und Sie müssen nicht mal den Reiniger wechseln.“

Ich nestelte in der Manteltasche nach der Dose mit den Pfefferminzpastillen. „Sie verstehen nicht, woraus wir hinauswollen?“ Siebels trank noch einen Schluck. „Die Leute hocken zu Hause und fühlen sich unterprivilegiert, da wollen sie in einem Bereich wie die Profis agieren. Oder wenigstens so tun, als wüssten sie, was sie da täten. Erst haben alle auf Sterneniveau gekocht, dann kam Krempel mit Inneneinrichtung, immer alles von der Industrie begleitet mit Dosensuppe und Wandtattoos, jetzt machen wir eine Reality-Serie über Raumpflege.“ Ich war verwundert. „Und das wird etwas ändern?“ „Wer weiß“, orakelte Siebels. „keiner wird sich eingestehen, dass er zu selten den Staub von den Schränken wedelt. Aber vielleicht verkaufen wir genug Werbeplatz damit für Roboter, die in Ihrer Abwesenheit die Wohnung durchsaugen.“

Himmerle hatte sich längst mit dem Rücken an die Wand gedrückt und wusste nicht mehr, ob er je wieder den klatschnassen Boden würde betreten dürfen – der letzte Kandidat rieb gerade die Fugen einer Laminatauskleidung mit der Zahnbürste frei – und Siebels schmiss den leeren Pappbecher in den Abfallkorb. „Können Sie sich einen Fernsehkoch vorstellen, der seine handwerkliche Überlegenheit auf so unnachahmlich arrogante Art auslebt, nur weil man ihn ins Fernsehen lässt?“ Der Doktor winkte hilflos von der Hinterwand. Siebels drückte die Klinke. Der Boden war schon aufgetrocknet. Unvermittelt wandte er sich zu mir um. „Demnächst machen wir dreizehn Sendungen auf der Großbaustelle in Berlin. Hätten Sie nicht Lust?“

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